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Naturwissenschaft Forschung zum Mitmachen: "Citizen Science" setzt auf Hilfe aus der Bevölkerung

Frau notiert einen gesichteten Vogel.
Wie bei der Vogelzählung «Stunde der Wintervögel» des Naturschutzbund Deutschland, setzen viele Forschungsprojekte zunehmend auf Hilfe aus der Gesellschaft
© Britta Pedersen / DPA
Igel zählen, Teebeutel vergraben oder Vögel beobachten – in der Citizen Science setzen Naturwissenschaftler auf Mithilfe aus der Bevölkerung. Auf der Plattform "Bürger schaffen Wissen" gibt es bereits rund 160 Projekte bei denen Interessierte aktiv mitforschen können. 

Bei der "Expedition Erdreich" werden tausende Teebeutel von Menschen in der Erde vergraben, um ihre Zersetzung von Bodentieren zu untersuchen. Zusätzlich nehmen die Bürger verschiedene Bodenproben im Auftrag der Wissenschaft. Ohne die vielen Freiwilligen wäre das Forschungsprojekt nicht möglich.

"Natürlich ist die Genauigkeit der Proben nicht dieselbe, als wenn wir Analysen im Labor machen würden. Aber diese große Bandbreite könnten wir gar nicht selbst liefern", sagt Bodenforscherin Luise Ohmann vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. Deshalb nutzen sie und ihre Kolleginnen Citizen Science, was übersetzt Bürgerwissenschaft bedeutet.

Forscher setzen auf Bürgerwissenschaft

Das Einbeziehen von Interessierten in die Forschung als wissenschaftliche Methode hat im englischsprachigen Raum lange Tradition. Auch hierzulande nutzen Wissenschaftler und Naturschützer diese schon länger - allerdings nicht unter diesem griffigen Label. Ein Beispiel dafür ist die "Stunde der Wintervögel", bei welcher der Naturschutzbund Deutschland und der bayerische Landesbund für Vogelschutz (LBV) jedes Jahr die Bürgerinnen und Bürger dazu aufrufen, die Vögel vor ihrem Fenster zu zählen.

Eichhörnchen oder Igel beobachten, Pflanzen bestimmen, gefangene Mücken einschicken, Grabsteine oder Flutmarken fotografieren - inzwischen gibt es eine Vielzahl von Projekten, an denen man sich bundesweit beteiligen kann. Rund 160 listet die Plattform "Bürger schaffen Wissen" aktuell. "Es ist ein sich entwickelndes Feld", sagt Projektleiterin Wiebke Brink. Dazu beigetragen habe vor allem die Digitalisierung: Über das Internet seien mehr Menschen erreichbar und über Apps ließen sich Daten leichter sammeln.

Bürgerwissenschaft ermöglicht breit angelegte Studien

Mit Citizen Science-Projekten können Daten in so großer Menge gewonnen werden, wie es mit anderen Methoden in der selben Zeit meist nicht möglich ist. Am Ende entstehen aus diesen Projekten ganz neue Erkenntnisse in kurzer Zeit und mit weniger finanziellem Aufwand. Ein Beispiel ist das Igel-Projekt des LBV. Mehr als 100 000 Sichtungen seien bisher eingegangen, sagt der LBV-Vorsitzende Norbert Schäffer. "Wenn man das mit Profis sammeln möchte, wäre das unbezahlbar."

Überraschend für die Naturschützer war vor allem, dass die Bürgerinnen und Bürger in jedem Monat des Jahres Igel beobachten konnten - also auch in der kalten Jahreszeit, wenn die Stacheltiere eigentlich Winterschlaf halten. "Da könnte sich ein Trend ergeben, dass sich deren Aktivität verschiebt", sagt Schäffer. Zurzeit werten Forscher der Technischen Universität München die Daten noch aus.  

Invasive Würmer in den USA

"Man darf diese natürlich nicht überbewerten", sagt Schäffer. Wenn Medien zum Beispiel gerade viel über Igel berichtet, seien die Menschen aufmerksamer und entdeckten mehr Igel. Bei Projekten wie der "Stunde der Wintervögel" bestehe außerdem die Gefahr, dass die Vogel-Beobachter Arten wie Feld- und Haussperling miteinander verwechselten.

Das mindert nach Ansicht von Anett Richter aber nicht den Wert von Citizen Science-Projekten. "Natürlich können bei der Erfassung von Daten durch die Ehrenamtlichen auch Fehler auftreten, doch letztendlich reduziert die Masse an Daten das Rauschen." Richter leitet am Thünen-Institut für Biodiversität in Braunschweig eine Arbeitsgruppe, die Citizen Science-Projekte in der Agrarlandschaft etablieren will.

Naturwissenschaft und Gesellschaft rücken enger zusammen 

Diese könnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch viel mehr nutzen, meint Richter. "Das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft - und auch zu wenig bekannt." Denn Bürgerinnen und Bürger könnten die Forschenden auf gesellschaftlich relevante Fragen aufmerksam machen, auf die sie alleine nicht gekommen wären. Außerdem könnten diese oft eigenes Wissen einbringen.

"Es ist ein wunderbares Instrument um Wissenschaft und Gesellschaft näher zusammenzubringen", sagt Richter. Für die Menschen werde Wissenschaft dadurch verständlicher und die Erkenntnisse greifbarer.

Genau darum geht es auch bei der "Expedition Erdreich". Die Ergebnisse der Bodenproben sollen in eine Datenbank fließen, die Forscherinnen und Forscher weltweit für ihre Arbeit nutzen können. Doch auch die Bürgerinnen und Bürger selbst sollen dabei etwas lernen können. "Ein großes Ziel unserer Aktion ist ein Bewusstsein für den Boden zu schaffen und zu sensibilisieren, wie wichtig dieser für uns ist", sagt Ohmann.

Irena Güttel/ jus DPA

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