Dicke Deutsche "Was ist Ihnen Gesundheit wert?"


Jeder zweite Erwachsene zu dick, jedes siebte Kind. Wir brauchen endlich eine gesellschaftliche Debatte darüber, was Gesundheit wert ist, fordert der Mediziner Manfred Müller. Was Radwege damit zu tun haben, erklärt er im stern.de-Interview.

Das Kabinett bereitet einen "Aktionsplan Ernährung und Bewegung" vor. Warum ist das so ein bedeutsamer Schritt?

Wir haben ein Problem: Viele Leute sind zu dick, dadurch entstehen Krankheiten und persönliches Leid und all das bedeutet Kosten für unser Gesundheitswesen. Hier müssen wir jetzt Lösungen finden. Extremes Übergewicht lässt sich schwer behandeln - daher ist es wichtig, etwas für die Vorbeugung zu tun.

Bereits im März hat die Deutsche Adipositas Gesellschaft einen Entwurf für einen solchen Aktionsplan an das Ministerium übergeben. Was sind die Kernpunkte des Papiers?

Aus unserer Sicht geht es nicht nur darum, Menschen klüger und stärker machen, damit sie sich für Gesundheit entscheiden. Es ist auch eine Frage der Verhältnisse: Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit Menschen ein gesundes Leben führen? Beispielsweise Kindergärten und Schulen: Wenn ein Kind in den Kindergarten geht, sollte es dort gesunde Ernährungsangebote geboten bekommen. Hier brauchen wir Standards. Die nächste Ebene sind die Kommunen - wie sind die Sportstätten beschaffen, gibt es genug Radwege?

Aber schon heute haben viele Leute einen Radweg vorm Haus und fahren trotzdem nicht mit dem Rad...

Deshalb brauchen wir beides: bessere Rahmenbedingungen für ein gesundes Leben und gleichzeitig eine gesellschaftliche Diskussion über Gesundheit. Wenn Sie die Leute fragen: "Was ist Ihnen Gesundheit wert?", sagen sicher alle, dass das Thema ihnen ganz wichtig ist. Aber wenn es ihnen so wichtig ist, warum tun sie dann nichts dafür? Das Thema Gesundheit muss raus aus der Ecke mit den orthopädischen Strümpfen. Die Leute müssen wissen: Radfahren ist gut für mich, ich habe einen Radweg vor der Tür - und dann geht's los.

Vielleicht haben aber gar nicht alle Lobbygruppen Interesse an einer Diskussion darüber, was gesund und ungesund ist. Kritiker fürchten etwa, dass Seehofer es nicht wagen wird, sich mit der mächtigen Lebensmittelindustrie anzulegen.

Wenn wir ein Problem haben, sind wir schnell dabei, Verantwortliche zu benennen: Das Fast Food ist schuld! Die vielen Süßigkeiten! Dabei übersehen wir oft, dass wir vor allem selbst aktiv werden müssen und die Schuld nicht immer auf andere abschieben können. Die Grundbotschaft ist doch ganz einfach: Esst weniger.

Schon heute sind viele Menschen in Deutschland zu dick, vorbeugende Maßnahmen kommen für sie zu spät. Muss sich auch bei der Therapie etwas ändern?

Leider kommt es immer wieder vor, dass Krankenkassen die Kosten für die Therapie nicht übernehmen wollen - weil sie sagen: Übergewicht ist Lebensstil. Die Kassen zahlen beispielsweise keine Medikamente gegen Übergewicht. Dabei gibt es drei Medikamente, bei denen wissenschaftlich gut gesichert ist, dass sie dem Patienten helfen können abzunehmen oder, wenn er abgenommen hat, das Gewicht zu halten.

Und die sollte die Kasse zahlen?

Diese Medikamente sind ein wichtiges Instrument, um Folgekrankheiten zu verhindern. Wenn jemand abnimmt, senkt er seinen Blutdruck, sorgt für einen besseren Zuckerspiegel und Fettspiegel im Blut. Das ist nicht nur ein Vorteil für die Patienten, sondern auch für die Krankenkassen: Es spart immense Folgekosten.

Interview: Angelika Unger

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