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Übergewicht: Dicke Fakten

Die Regierung will den Dicken an den Speck, mit einem Aktionsplan will sie die Epidemie Überwicht bekämpfen. Aber wo fängt Übergewicht eigentlich an? Warum ist es so ungesund? Und was kann man tun? stern.de hat die wichtigsten Daten und Fakten zusammengetragen.

Von Angelika Unger

Was ist das eigentlich: Übergewicht?

Die gängigste Messgröße für Übergewicht ist der so genannte Body Mass Index, kurz BMI. Er setzt die Körpergröße ins Verhältnis zum Gewicht. Man berechnet ihn nach der Formel: Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern.

Eine 1,65 Meter große Frau, die 70 Kilogramm wiegt, hat einen Body Mass Index von 25,7. Von Übergewicht spricht man, wenn der BMI den Wert 25 überschreitet. Die Frau in unserem Beispiel hätte also mäßiges Übergewicht.

Einige Experten sind der Ansicht, dass ältere Menschen etwas mehr wiegen dürfen als junge. Daher gibt es auch BMI-Tabellen, die das Alter berücksichtigen.

Bei Kindern ist die Berechnung nicht ganz so einfach: Bei ihnen hängt das Gewicht auch vom Alter ab und vom Geschlecht. Daher gibt es spezielle Kurven, anhand derer man ablesen kann, ob ein Kind übergewichtig ist. Eine Berechnungshilfe gibt es auf der Website www.mybmi.de.

Was ist Fettleibigkeit im Gegensatz zu Übergewicht?

Leichtes Übergewicht hat nach heutigem Kenntnisstand vermutlich keine gefährlichen Auswirkungen auf die Gesundheit. "Mit steigendem Körpergewicht nimmt das Risiko zu", warnt der Mediziner Martin Wabitsch, der an der Uniklinik Ulm übergewichtige Kinder und Jugendliche behandelt. Gefährlich wird es, wenn aus den Pölsterchen ausgewachsene Speckwülste werden: Im Gegensatz zu Übergewicht hat Fettleibigkeit eine Fülle von Gesundheitsgefahren zur Folge.

Von Fettleibigkeit spricht man immer dann, wenn ein Mensch einen Body-Mass-Index von 30 oder mehr hat. Beispielsweise wäre eine 1,65 Meter große Frau fettleibig, die 85 Kilo wiegt: Ihr BMI liegt bei 31,2. Fettleibigkeit wird auch als Fettsucht bezeichnet, ihr wissenschaftlicher Name lautet Adipositas.

Welche Folgen kann Fettleibigkeit haben?

Starkes Übergewicht macht tatsächlich krank: Deutlich häufiger als Normalgewichtige erkranken Dicke etwa an Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs und Darmkrebs. Die überzähligen Pfunde führen zudem zu schweren Belastungen für die Knie - Arthrose ist daher schon bei jungen Übergewichtigen keine Seltenheit. Hinzu kommt manchmal auch die Zuckerkrankheit Diabetes Typ 2.

Diese Krankheiten betreffen sogar schon Kinder: Ein Drittel der übergewichtigen Kinder hat zu hohen Blutdruck, inzwischen haben Ärzte bei ihnen auch verkalkte Gefäße festgestellt - Krankheiten, die normalerweise erst bei weit älteren Menschen auftreten. "Wir beobachten schon bei Kindern ab zwölf Jahren einzelne Fälle des so genannten Altersdiabetes", berichtet Wabitsch. "Sechs von hundert übergewichtigen Kindern haben bereits eine Störung im Zuckerstoffwechsel." Dies gilt als Vorstufe zu Diabetes. "Die Dunkelziffer ist hoch", vermutet Wabitsch außerdem - schließlich verursache die Störung zunächst keine Beschwerden. Daher rät er allen Eltern, mit ihrem übergewichtigen oder fettleibigen Kind zum Arzt zu gehen.

Viele Dicke leiden zudem unter hohem Blutdruck, auch ist ihr Fettstoffwechsel häufig gestört: Ihre Cholesterinwerte sind zu hoch. Das wiederum greift die Blutgefäße an, die möglichen Folgen: Herzinfarkt und Schlaganfall. Insgesamt ist Übergewicht nach Angaben der WHO für jährlich für eine Million Todesfälle in Europa verantwortlich.

Der Schmerz nagt an der Seele

Doch der Speck macht nicht nur körperlich krank, er nagt auch an der Seele: Experten warnen, dass Dicke besonders häufig unter sozialen und psychischen Problemen leiden. Sie werden belächelt, ausgegrenzt, gedemütigt.

Der Seelenschmerz trifft schon die Jüngsten: In Befragungen gaben viele Kinder an, dass sie nicht mit einem dicken Kind befreundet sein wollen. "Die Kinder werden ausgegrenzt und verspottet, werden zu Außenseitern. Sie haben weniger Selbstwertgefühl, neigen vermehrt zu Depressionen und haben statistisch gesehen einen schlechteren Schulabschluss. Außerdem finden sie weniger häufig einen Partner", fasst Wabitsch zusammen.

Wie viele Menschen sind übergewichtig, wie viele fettleibig?

Die oben stehende Grafik fasst die Ergebnisse einer repräsentativen Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) aus dem Jahr 2003 zusammen.

In seinem aktuellen Jahrbuch hat das Europäische Statistikamt Eurostat ähnlich alarmierende Daten vorgelegt: Demnach sind zwei Drittel aller deutschen Männer zu dick - so viele wie in keinem anderen Land Europas.

Bei den Frauen sieht es zwar insgesamt etwas besser aus: Etwas mehr als die Hälfte bringt zu viele Kilos auf die Waage. Dafür liegt hier der Anteil der extrem Übergewichtigen noch höher als bei den Männern. Noch mehr fettleibige Frauen als in Deutschland gibt es in der EU nur in England, so Eurostat.

Auch bei Kindern geht das RKI von alarmierenden Zahlen aus: 1,9 Millionen Kinder sind demzufolge dick, 800.000 sogar fettleibig. Das entspricht jedem siebten Kind, beziehungsweise jedem zwölften Kind.

Was sind die Ursachen von Übergewicht?

Nur die wenigsten Dicken haben Übergewicht, weil sie krank sind. Die meisten Menschen nehmen schlicht deshalb zu, weil sie mehr Kalorien zu sich nehmen, als ihr Körper verbraucht. Doch was so simpel klingt, ist ein hoch kompliziertes Zusammenspiel aus den Genen, mit denen wir leben, der Gesellschaft, in der wir leben. "Es wäre völlig falsch, alles auf die Gene zu schieben", sagt Wabitsch.

Wir leben in einer Dickmacher-Umwelt: Die meisten Menschen bewegen sich im Alltag nicht genug, hinzu kommt ein überreiches Angebot an Lebensmitteln. Unsere Vorfahren hingegen mussten kilometerweit laufen, um genug Essen zum Überleben zu jagen und zu sammeln. Heute fahren wir mit dem Auto zum Supermarkt und kaufen uns eine Pizza mit extra Käse, eine Familienpackung Eis und eine Kiste Cola. Die überzähligen Kalorien lagert der Körper als Fettpolster ein - für schlechte Zeiten. Denn auch wenn unsere Lebensbedingungen heute anders sind als in der Steinzeit, unser genetischer Code hat sich nicht geändert.

Warum einige Menschen aber ständig mit ihrem Gewicht kämpfen, während andere jeden Tag Schokolade essen können und trotzdem schlank bleiben, das beginnen Forscher erst langsam zu verstehen. Offenbar spielt auch hier die genetische Veranlagung ebenso eine Rolle wie die Erziehung im Elternhaus.

Was kostet Übergewicht die Gesellschaft?

Manfred Müller, der Präsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft, fasst das Thema mit folgenden Worten zusammen: "Wenn jemand abnimmt, senkt er seinen Blutdruck, sorgt für einen besseren Zuckerspiegel und Fettspiegel im Blut. Das ist nicht nur ein Vorteil für die Patienten, sondern auch für die Krankenkassen: Es spart immense Folgekosten." Für Deutschland wird kalkuliert, dass Krankheiten, die durch falsche Ernährung mitentstehen, insgesamt Kosten von mehr als 70 Milliarden Euro verursachen - das sind 30 Prozent aller Gesundheitskosten.

Es gibt jedoch noch weitere, indirekte Kosten, die der Volkswirtschaft durch Übergewicht entstehen: So werden Dicke etwa häufiger krank und sterben früher.

Was kann man gegen Übergewicht tun?

Auch wenn es unzählige Ratgeber zu diesem Thema gibt - ein Patentrezept haben Forscher bisher noch nicht gefunden. Bei den meisten Menschen funktionieren Diäten nicht, münden in den Jojo-Effekt, der das Gewicht nur noch weiter nach oben schnellen lässt. Auch die unzähligen Wundermittel, die im Internet angeboten werden, helfen allenfalls, die Taschen der Hersteller zu füllen, wie die Stiftung Warentest erst kürzlich feststellte. "Es gibt drei Medikamente, bei denen wissenschaftlich gut gesichert ist, dass sie dem Patienten helfen können abzunehmen oder, wenn er abgenommen hat, das Gewicht zu halten", sagt Müller.

Nach wie vor mangelt es außerdem an wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen darüber, wie man Übergewicht verhindern könne. In drei Punkten jedoch seien sich die Forscher inzwischen einig, berichtet Wabitsch. "Wenn man täglich eine Stunde weniger fernsieht, führt das zu einer günstigeren Gewichtsentwicklung. Der Zusammenhang ist so klar und so eindeutig, dass man das vom Kleinkindalter an empfehlen müsste." Zudem sei nachgewiesen, dass fettreiche und ballaststoffarme Fast-Food-Produkte dick machen: "Diese Lebensmittel bringen auf relativ wenig Masse viel Energie", sagt Wabitsch. Wer sie isst, stopft jede Menge Kalorien in sich hinein - und wird doch nicht satt, weil das Essen den Bauch nicht füllt. Zudem gebe es eindeutige Studien, die zeigen, dass zuckerhaltige Getränke das Gewicht nach oben treiben. Dazu zählen Cola und Zitronenlimo ebenso wie Fruchtnektare und Eistee.