HOME

Entzug des akademischen Grades: Wann der Doktortitel futsch ist

Verteidigungsminister Karl-Theodor Guttenberg soll bei seiner Dissertation abgekupftert haben und muss um seinen Doktortitel fürchten. Doch in welchen Fällen wird der überhaupt aberkannt?

Von Corinna Kreiler

Wer seinen Doktor machen will, muss sich normalerweise für ein paar Jahre in Archive oder Bibliotheken einwühlen, Hunderte Seiten zusammenschreiben, von Gutachtern begutachten lassen, das Werk als Buch veröffentlichen und wenn auch die mündliche Prüfung gutgeht, darf sich der Studiosus am Ende ein "Dr." vor den Namen schreiben.

Wer allerdings Geld und genug kriminelle Energie hat, kann sich die Mühe sparen. Denn für ein Preis von mindestens 20.000 Euro schreiben professionelle Ghostwriter eine Doktorarbeit und man selbst muss so gut wie keinen Tropfen Schweiß vergießen.

Dass das Betrug ist und der Betreffende seinen Titel los ist, sollte die Uni dahinterkommen, liegt auf der Hand. Doch nicht jeder betrügt so dreist, dass die Lage, vor allem auch juristisch, klar ist. Manch einer übernimmt ja nur Passagen von einem Autor, ohne diese entsprechend kenntlich zu machen, so wie es im Fall Guttenberg offenbar der Fall ist. Wird demjenigen auch gleich der Titel aberkannt? Wir erläutern Vorschriften und Verfahren.

Entziehung wegen Täuschung

Laut Landeshochschulgesetz oder Promotionsordnung kann ein akademischer Grad wieder entzogen werden, wenn "sich nachträglich herausstellt, dass er durch Täuschung erworben worden ist, oder wenn wesentliche Voraussetzungen für die Verleihung irrigerweise als gegeben angenommen worden sind", heißt es beispielsweise in den Statuten der Uni Magdeburg. Über die Entziehung des Titels entscheidet immer die Hochschule, die den akademischen Grad verliehen hat, entscheidend ist der juristische Tatbestand der Täuschungsabsicht.

Im Fall von Ghostwriting ist die klar, da die Arbeit ja nicht der geschrieben hat, unter dessen Namen sie veröffentlicht wird. Fliegt der Betrug auf, kann die Hochschule den Doktorgrad problemlos entziehen.

Besonders streng soll das nach dem Willen des Gesetzgebers gehandhabt werden, wenn jemand durch Täuschung einen akademischen Grad als Berufsabschluss erworben hat - also beispielsweise ein Arzt. Schließlich dient es dem Schutz der Gemeinschaft, dass kein Quacksalber auf Patienten losgelassen wird.

Wie steht es mit Plagiaten?

Plagiate werden in den Promotionsordnungen nicht extra erwähnt, denn sie sind ein rechtlich unklarer Begriff, es kommt auch hier auf die Täuschungsabsicht an. Stellt sich bei einer Doktorarbeit beispielsweise im Nachhinein heraus, dass Teile der Arbeit von einer anderen Quelle übernommen worden sind, diese aber nicht genannt wurde, zählt das bei Gericht als Täuschung.

So betrachtete das Bundesverfassungsgericht den Entzug eines Doktortitels als rechtens, indem es die entsprechende Klage desjenigen, dem der Titel entzogen wurde, gar nicht erst annahm. Das Verwaltungsgericht Mannheim hatte zuvor geurteilt, dass kleinere Veränderungen im Text die Täuschungsabsicht belegten und der akademische Grad somit hinfällig sei.

Allerdings ist nicht jede fehlende Fußnote gleich ein Plagiat: "Sie müssen schlechte Wissenschaft und Täuschung auseinanderhalten", sagt Wolfgang Löwer, Bonner Juraprofessor und Sprecher des Ombudsmanns für die Wissenschaft. Ein Plagiat ist laut dem Experten die Übernahme eines fremden Textes, ohne auf die Übernahme hinzuweisen. Das geschieht normalerweise mit Anführungszeichen bei einer wörtlichen Übername, bei einer sinngemäßen mit Fußnote.

Aber nicht immer, wo eine Fußnote fehle, könne man schon annehmen, dass die Entziehung des akademischen Grades angezeigt sei. "Das kann ja auch ein Sorgfaltsmangel ohne Täuschungsabsicht sein."

Es sind letztlich die Fakultäten der Hochschulen selbst, die entscheiden müssen, ob sie dem Plagiatsvorwurf überhaupt nachgehen und wie sie diesen werten. "Mein Eindruck ist, dass deutsche Universitäten generell nicht besonders daran interessiert sind, Plagiate zu ahnden", sagt Volker Rieble, Juraprofessor an der LMU München. Erst wenn der Druck in der Öffentlichkeit groß sei, werde genauer hingesehen.

Die Uni Bayreuth, an der der CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktor gemacht hat, kündigte eine Prüfung an, ob der Plagiatsvorwurf berechtigt ist. Zudem muss eine Hochschule einen akademischen Grad nicht unbedingt entziehen, selbst wenn sich eine Arbeit als Plagiat heraustellt: In vielen Fällen werden auch die entsprechenden Stellen nachträglich kenntlich gemacht oder der Vertrieb des Buches eingestellt.

Entziehung wegen Unwürdigkeit

Selbst wer bei der Erstellung seiner Doktorarbeit nicht geschummelt hat, kann sich nicht sicher sein, dass er den Titel auch für alle Zeiten behalten darf: Er muss sich - zumindest an Hochschulen, die einen entsprechenden Paragraphen in ihrer Promotionsordnung haben -, auch würdig erweisen, das "Dr." vor dem Namen tragen zu dürfen.

Laut dem Bundesverwaltungsgericht ist beispielsweise ein Arzt seines Berufes nicht würdig, wenn er "durch sein Verhalten nicht mehr das Ansehen und das Vertrauen besitzt, das für eine Ausübung des Berufes nötig ist". So kann beispielsweise nach einer strafrechtlichen Verurteilung der Titel entzogen werden. Es geht also im Wesentlichen um moralisches oder strafrechtliches Fehlverhalten, nicht um wissenschaftliches.

Nachträgliche Unwürdigkeit lässt sich nämlich dem Verwaltungsgericht Freiburg zufolge nur "von der Allgemeinheit besonders missbilligten, ehrenrührigen Straftaten" begründen, aber nicht allein mit wissenschaftlichem Fehlverhalten nach der Promotion.

Ursprünglich ist die Entziehung des Doktortitels wegen Unwürdigkeit eine Erfindung der Nazis, die unliebsame Personen damit demütigen und ihnen das Leben erschweren wollten - sei es in Deutschland oder im Exil. Nach dem Krieg nahmen Bundesländer wie Bayern den Paragraphen dann in ihre Hochschulgesetze auf.

FTD