Erbsen Gefährliche Gen-Verschiebung


Durch Erbgut von Bohnen sollten widerstandsfähigere Erbsen wachsen. Aber Versuchstiere, die sie fraßen, wurden krank - weil sich Eiweiße unvorhersehbar verändert hatten.
Von Kirsten Milhahn

Wer aus einer Erbse eine halbe Bohne machen will, muss mit unerwarteten Effekten rechnen. Gezeigt hat das kürzlich die Studie des australischen Biotechnologen Thomas Higgins von der "Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation" in Canberra. Aus Sicherheitsgründen wurde sein gentechnisches Experiment abgebrochen - und liefert damit neuen Zündstoff im Disput: Wie gefährlich sind aus gentechnisch veränderten Pflanzen hergestellte Lebensmittel?

Vor einem Jahrzehnt begann Higgins Gene für ein Pflanzen-Eiweiß von der Bohne auf die Erbse zu übertragen. Das Protein schützt die Bohne vor dem Fraßfeind, und diese Eigenschaft sollte die Erbse erben: Durch das Bohnen-Gen produziert sie nun ein Bohnen-Eiweiß, das sie resistent macht gegen die Larve des Gemeinen Erbsenkäfers, die in Australien für einen Großteil der Ernteausfälle sorgt. Am Anfang verlief Higgins' Versuchsreihe wie geplant: Das neu entstandene Eiweiß verhinderte den Abbau von Stärke im Pflanzenmaterial. Die Erbsenkäfer-Larve konnte von der manipulierten Pflanze zwar fressen, so viel sie wollte, sie aber nicht verdauen - und verhungerte deshalb. Als der Forscher seine Erbsen-kreationen jedoch auf Verträglichkeit prüfte und an Feldmäuse verfütterte, traten Probleme auf. Nach kurzer Zeit waren viele der Versuchstiere lungenkrank.

Allergische Reaktionen ausgelöst

Was war die Ursache? Tiere, die mit den Bohnen gefüttert wurden, waren gesund geblieben. In den Erbsen hingegen hatten die durch das Bohnen-Gen entstandenen Proteine ihre ganz eigene Struktur gebildet. "Zuckerreste, die an den Enden der langen Eiweißkette hängen, haben sich durch den Gentransfer verändert", sagt Susanne Stirn vom Biozentrum der Universität Hamburg. Dieser modifizierte Zucker habe die allergische Reaktion der Feldmäuse ausgelöst.

"DNA und Protein verfügen über eine extrem hohe Variabilität", warnt Marcello Buiatti, Professor für Genetik an der Universität Florenz. "30.000 Gene kodieren 500.000 Proteine, da kann schon eine Menge schief gehen, bis hin zu neuen Proteinvarianten, deren Wirkungen man nicht kennt."

Besteht ein Risiko für den Menschen?

Besteht also ein Gesundheitsrisiko für Menschen, die Gentech-Lebensmittel essen? Möglicherweise, sagt Katja Moch, Biologin vom Öko-Institut in Freiburg. Für absolute Sicherheit gentechnisch veränderter Pflanzen und daraus hergestellter Lebensmittel könne bei derzeitigen Testversuchen niemand garantieren. Zwar durchlaufen alle gentechnisch veränderten Pflanzen und daraus hergestellten Produkte aufwendige Prüfverfahren, bevor sie zugelassen werden.

Getestet werden aber nur bekannte Risiken, nicht mögliche Unwägbarkeiten. Dabei machte der schottische Genforscher Arpad Pusztai bereits vor acht Jahren ähnliche Erfahrungen. Er pflanzte Kartoffeln das Gen für giftiges Schneeglöckchenlektin ein, um die Knollen so besser vor Schadinsekten zu schützen. Laborratten, die diese Knollen zu fressen bekamen, erlitten schwere Organschäden. Sein aufwendiger Fütterungsversuch hat Pusztai davon überzeugt, dass es bei den gängigen Zulassungsverfahren für gentechnisch veränderte Lebensmittel gravierende Testlücken gibt.

Tests nur im Schnelldurchlauf

Bisher laufen die Testverfahren alle nach dem gleichen Schema ab: Entstandene Proteine werden in ihrer Wirkungsweise zuerst nur mit bekannten Allergie auslösenden Eiweißen verglichen und dann nach ihren Risiken eingestuft. Ob eine manipulierte Pflanze oder ein Produkt verträglich ist, muss laut den Richtlinien der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit nur in einem Schnelldurchlauf von 28 Tagen am Tier getestet werden.

Nachweisen ließen sich dabei höchstens akut giftige Effekte, sagt Katja Moch. Außerdem werde im Fütterungstest nur das neue Protein untersucht. Zufällige Veränderungen in der Gentech-Pflanze blieben meist unbemerkt. Nur dann, wenn bei Analysen ihrer Inhaltsstoffe gravierende Unterschiede zur ursprünglichen Pflanze gefunden werden, muss das manipulierte Gewächs 90 Tage lang an Tiere verfüttert werden. Erweist es sich im Prüfverfahren als problematisch, wird es nicht zugelassen.

Langfristige Fütterungsversuche an Tieren gibt es dagegen keine. Während die Genforscher hier also noch weitgehend auf das Prinzip von "Versuch und Irrtum" angewiesen sind, werden Nutztiere in Deutschland schon reichlich mit genmanipulierten Futtermitteln gefüttert.

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