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Evolution des Menschen: Einer von uns?

Ein verblüffender Fund in Südafrika stellt Anthropologen vor ein Rätsel. Muss der Stammbaum des Menschen um einen Ast ergänzt werden?

Von Jamie Shreeve

Homo naledi stellt die Wissenschaftler vor Rätsel

Homo naledi stellt die Wissenschaftler vor Rätsel

Wenn sie nur ein wenig dicker gewesen wären oder breitere Hüften gehabt hätten, dann hätten Steven Tucker und Rick Hunter an jenem Tag nicht gefunden, was sie fanden. Es würde noch im Dunkeln liegen, und niemand würde sich die Frage stellen, ob dank dieser beiden Hobbyforscher die Evolution des Menschen in einem neuen Licht betrachtet werden muss. Es war der 13. September 2013, als die jungen Männer in ein Höhlensystem rund 50 Kilometer nordwestlich von Johannesburg einstiegen. Die "Rising Star"-Höhlen in Südafrika ziehen Forscher seit mehr als 50 Jahren an, ihr Netz aus Gängen und Kavernen ist gut kartiert. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte die Region als "Wiege der Menschheit" gegolten, so viele alte Knochen waren dort gefunden worden. Die Blütezeit der Fossiliensuche war zwar lange vorüber, aber man kann ja nie wissen.

Lee Berger ist der Paläoanthropologe, der die Höhlenforscher der Gegend dazu aufgefordert hatte, Ausschau nach alten Knochen zu halten. Bergers Ziel war es, Licht in das wichtigste verbliebene Rätsel der Evolution des Menschen zu bringen: in die Entstehung unserer Gattung Homo, vor zwei bis drei Millionen Jahren. Berger ist beinahe der Einzige, der Südafrika für die richtige Region hält, um nach dem ersten echten Homo zu suchen. Dafür beauftragte er den Geologen Pedro Boshoff und Steven Trucker.

Auf der Suche nach dem ersten echten Homo

Nachdem sich die Hobbyforscher in der Höhle durch den engen, zwölf Meter tiefen Schacht gezwängt hatten, war Hunter auf eine weitere Kammer gestoßen. Von dort führte ein Durchgang in einen größeren Hohlraum. Dann fiel der Blick der beiden Männer auf den Boden: Überall lagen Knochen. Sie lagen einfach auf dem Boden, als hätte sie jemand dort hingeworfen. Die beiden bemerkten ein Stück Unterkiefer mit intakten Zähnen und die Umrisse eines teilweise im Boden steckenden Schädels.

Zügig sammelte Berger etwa 60 Wissenschaftler um sich. Zentimeter für Zentimeter schoben sich die Forscherteams nach unten. Schnell war klar, dass nicht nur ein Skelett in der Höhle lag. Am Ende hatten sie rund 1550 Fundstücke von mindestens 15 verschiedenen Individuen. Schädel. Kieferknochen. Rippen. Zähne. Winzige Knochen aus dem Innenohr. Ältere Erwachsene. Jugendliche. Säuglinge, zu erkennen an den kleinen Wirbeln. Manche Skelettteile sahen erstaunlich modern aus. Andere waren sehr urtümlich – wie von Menschenaffen.

Einladung zum Fossilienfestival

Berger organisierte ein sechstägiges Arbeitstreffen. Neben 20 renommierten Wissenschaftlern lud er mehr als 30 junge Forscher und Forscherinnen aus 15 Ländern zu einem sechswöchigen Fossilienfestival ein. Zähne wie aus diesem Fund hatte noch keiner der Wissenschaftler je gesehen. Eine in Teilen sehr moderne Hand hat lange, gebogene Finger – wie bei einem Wesen, das durch die Bäume klettert. Die Schultern sind affenartig und die Beckenschaufeln so urtümlich wie die von "Lucy", der Australopithecus-Frau. Der untere Teil des Beckens dagegen sieht aus wie bei einem heutigen Menschen. Die Schädel sehen so modern aus, dass man sie der Gattung Homo zuordnen könnte. Dafür sind sie aber zu klein. Der Homo sapiens hat ein Hirnvolumen von etwas mehr als 1200 Kubikzentimeter, der Homo erectus hatte rund 900 Kubikzentimeter. Bei den Wesen aus der Höhle sind es 560 bei den männlichen und 465 Kubikzentimeter bei den weiblichen Exemplaren. Ein ähnlich kleines Gehirn haben Gorillas und Orang-Utans. "Allem Anschein nach stand dieses Wesen auf der Schwelle zwischen Australopithecus und Homo", sagte Berger am Ende des Arbeitstreffens.

Er selbst ordnet es der Gattung Homo zu, auch wenn es keiner anderen Art dieser Gattung gleicht. Die Wissenschaftler tauften es deshalb auf den Namen Homo naledi, eine Anspielung auf die Höhle "Dinaledi", in der sie die Knochen gefunden hatten.

Doch wie waren die Überreste von H. naledi in diese unzugängliche Höhlenkammer geraten?

Absichtlich abgelegt?

Nachdem Berger und sein Team alle anderen Erklärungen ausgeschlossen hatten, blieb nur das Unwahrscheinliche übrig: Die Körper von H. naledi waren absichtlich dort abgelegt worden, und zwar von Artgenossen. Das wiederum lässt auf einen ritualisierten Umgang mit Toten schließen, den man bisher nur unserer Art Homo sapiens und möglicherweise noch dem Neandertaler zuschrieb. Es müsse früher einen anderen Eingang zur Höhle gegeben haben. Das Rätsel, wer – oder was – der H. naledi war und wie seine Knochen in die Höhle kamen, ist untrennbar mit der Frage verbunden, wie alt die Knochen sind. Das weiß vorerst niemand. Das ist auch der Grund, warum bisher kein Beitrag über die Funde in einem anerkannten Fachmagazin veröffentlicht werden konnte. Sollte sich am Ende herausstellen, dass der H. naledi tatsächlich so alt ist, wie sein Körperbau es nahelegt, hat Berger möglicherweise die Wurzel des Stammbaums unserer Gattung gefunden. Wäre die neue Spezies aber viel jünger, wäre das ebenso brisant. Es könnte bedeuten, dass neben anderen Homo-Arten noch ein weiterer, urtümlicher Vertreter unserer Gattung mit einem winzigen Gehirn in Afrika lebte, und zwar noch bis vor relativ kurzer Zeit – nach den Maßstäben der Evolution. "Ganz gleich, wie alt die Funde sind, es wird ungeheure Auswirkungen haben", sagt Berger.

Lesen Sie die ganze Reportage in der aktuellen Ausgabe von National Geographic Deutschland.