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Paläo-Künstler "Kennis & Kennis": Die Brüder, die Ötzi zum Leben erwecken

Adrie und Alfons Kennis geben der frühen Menschheitsgeschichte ein Gesicht. Anhand von Überresten erschaffen die Zwillinge Figuren - so täuschend echt, dass man ihren Atem zu spüren glaubt.

Von Horst Güntheroth

Sie nennen sich Kennis & Kennis. Die beiden Männer aus dem niederländischen Arnheim haben nicht nur denselben Namen, sie sind sich auch noch zum Verwechseln ähnlich: eineiige Zwillinge, 47 Jahre alt, mit markanten Gesichtern und wilden Locken auf dem Kopf

Adrie und Alfons Kennis sind Paläo-Künstler. Sie geben der frühen Menschheitsgeschichte ein Gesicht. Die Brüder erwecken Überreste, die Forscher von Vor- und Urmenschen in fernen Ländern ausgraben, zu Gestalten mit Haut und Haaren und versuchen Antworten auf die Frage zu finden, wie unsere Ahnen aussahen.

Heraus kommen einmalige und faszinierende Skulpturen. Fürs Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen etwa haben sie einen Ötzi rekonstruiert, fürs Neandertal-Museum in Mettmann zwei Männer erschaffen. Zu Beginn dieses Jahres lieferten sie einen Neandertaler und einen Homo sapiens ans National History Museum in London.

Wer daneben steht, meint, den Atem zu spüren

Verblüffend lebensecht sind die Figuren. Schnell ist ein Betrachter verleitet, eine Rekonstruktion anzutippen, um zu sehen, ob es nicht doch ein Schauspieler ist, der regungslos in einer Pose verharrt, um das Publikum zu narren. Jede Pore ist sichtbar, Äderchen durchziehen die Augäpfel, Dreck sitzt unterm Fingernagel. Wer daneben steht, meint, den Atem zu spüren. Keinem anderen Paläo-Künstler auf der Welt gelingt all das so eindrucksvoll wie den Kennis.

Bei der Wiedergeburt unserer Vorfahren arbeiten die Holländer so wissenschaftlich wie nur irgend möglich. Mit Hilfe von Replikaten der gefundenen Fossilien bauen sie aus Modelliermasse den Körper des Vorfahren auf, streng nach anatomischen Kriterien. Dann formen sie aus dem Material Muskel für Muskel und kleben ihn auf. Forschungsergebnisse und die Kenntnisse über Lebenszusammenhänge helfen bei der Rekonstruktion von Haut- und Augenfarbe. Zu guter Letzt jedoch - etwa bei Gesichtsausdruck und Haarpracht, für die es keinerlei Belege aus der Urzeit gibt - werden Adrie und Alfons kreativ, zu Künstlern.

Nicht geschönt, sondern lebensecht

Mit ihren Werken wollen sie weder Aseptisches noch Primitives oder Geschöntes schaffen. Keine makellosen Körper mit Waschbrettbauch oder prallen Brüsten, sondern Wesen mit Narben und anatomischen Makeln. Die Kennis fangen Lebensmomente ein. Auch das macht sie neben aller strengen Wissenschaftlichkeit so einmalig.

Derzeit arbeiten die Niederländer an einem Großauftrag aus Dänemark. Dort wird am 11. Oktober bei Aarhus das prähistorische Museum Moesgard eröffnen. Dafür haben die Dänen gleich eine ganze Ahnengalerie bei den Zwillingen bestellt - sechs verschiedenen Figuren. Sie sollen die Attraktion des Neubaus werden.

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Dem stern gaben Kennis & Kennis Zutritt in ihr Atelier und Einblicke in ihre aktuelle Arbeit - mehr lesen sie im neuen stern.