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"Lulin": Giftgrüner Komet rast an Erde vobei

Er bietet einen Einblick in die Kinderstube des Weltalls: Mit 35 Kilometern pro Sekunde fliegt einer der spektakulärsten Kometen der vergangenen Jahre zurzeit an der Erde vorbei. Heute ist er am erdnähesten und könnte auch für Hobbyastronomen zu sehen sein - bevor er für immer in den Tiefen des Weltalls verschwindet.

Von Lea Wolz

Der Komet befindet sich sozusagen auf der Durchreise: Im Juli 2007 wurde er in Taiwan zum ersten Mal entdeckt und nach dem Lulin-Observatorium benannt. Offiziell ist er auf C/2007 N3 getauft. Zum Zeitpunkt seiner Entdeckung war Lulin noch fast 960 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt, seitdem hat er sich der Sonne unaufhaltsam genähert und Anfang Januar den sonnennächsten Punkt seiner Bahn durcheilt. Heute erreicht er mit ungefähr 60 Millionen Kilometer Entfernung seinen erdnächsten Punkt, um danach langsam wieder in den Tiefen des Weltalls zu verschwinden. "Wiederkehr wahrscheinlich ausgeschlossen", sagt Michael Khan, Luft- und Raumfahrtingenieur bei der europäischen Raumfahrtbehörde ESA.

"Lulin wandert aus dem Sternbild Skorpion kommend westwärts durch Waage und Jungfrau, zur Zeit ist er im Sternbild Löwe zu sehen", sagt Khan. Sternenguckern rät er daher, nach Süden zu blicken und sich am Saturn zu orientieren. Lulin befindet sich in geringem Abstand unterhalb des Planeten. Zu sehen müsste er eigentlich die ganze Nacht über sein. Wer ihn dort verpasst, kann sich am 27. Februar an Regulus orientieren, einem hellen Stern im Sternbild Löwe, neben dem Lulin dann steht.

Nicht so hell wie Hale-Bopp

Doch der Komet strahle nicht besonders hell. "So leicht wie bei Hale-Bopp, der mit bloßen Auge zu sehen war, wird es für Hobbyastronomen bei Lulin sicher nicht", sagt Khan. Der Himmel muss daher dunkel genug sein. Lichtglocken, wie sie über großen Städten liegen, sind hinderlich. Der Mond stört ausnahmsweise Mal nicht, da Neumond ist.

Doch das wolkige Wetter macht vielen Hobbyastronomen, die Lulin schon im Anflug beobachten wollten, gestern Nacht einen Strich durch die Rechnung. Laut Deutschem Wetterdienst riss der Himmel nur im Norden auf, auch in den kommenden Tagen stehen die Chancen bei bedecktem Himmel in Deutschland eher schlecht.

"Für den erfahrenen Beobachter unter dunklem Himmel weitab der Straßenbeleuchtung ist Lulin leicht zu sehen, für ungeübte aber wohl kaum zu identifizieren", sagt auch der Hamburger Hobbyastronom Dr. Hartwig Lüthen, Mitglied in der Gesellschaft für volkstümliche Astronomie Hamburg und dem Verein Vereinigung der Sternfreunde. Von der Sternwarte bei Handeloh in der Lüneburger Heide beobachtete er gestern Nacht den grünen Kometen durch Fernglas und Fernrohr.

Komet in Urgestalt

Auffällig an Lulin ist sicher seine grüne Farbe. Die hat er laut der US-Raumfahrtbehörde Nasa, da der Komet, wie viele andere auch, Zyan enthält. Ein Kohlenstoffmolekül, das in seiner Atmosphäre enthalten ist, leuchtet zudem grün, wenn es von der Sonne angestrahlt wird. Auch in anderer Hinsicht ist Lulin noch ein wenig grün hinter den Ohren: "Dieser Komet ist noch nie der Sonne nahe gekommen, bis jetzt ist wenig von ihm verdampft", sagt Khan. Daher hat Lulin noch etwas, was Forscher an ihm schätzen: nahezu seine Urgestalt. "Es ist selten, dass ein Komet von so weit draußen kommt", sagt der ESA-Mitarbeiter. Die Heimat von Lulin vermutet er im Kuipergürtel, einer scheibenförmigen Region außerhalb der Neptunbahn oder in der etwa 1,5 Lichtjahre entfernten Oortschen Wolke, beides Kometenreservoire.

Kometen sind Überreste aus der Anfangszeit des Sonnensystems, die aus gefrorenen Gasen und eingeschlossenen Staubkörnern bestehen. Ihr Durchmesser beträgt meist nur einige Kilometer. Nähern sie sich der Sonne, verdampft ein Teil des Eises und das frei werdende Gas bildet mit den Staubkörnern die Kometenschweife. Für die Forscher sind Kometen besonders interessant, da sie aus dem Material zusammengesetzt sind, aus dem sich das Universum gebildet hat. "Wenn wir Lulin beobachten, blicken wir Milliarden Jahre zurück", sagt Khan. "Die Bestandteile, aus denen sich das Universum gebildet hat, sind in Kometen wie in einem Eisschrank aufbewahrt."

Gefährlich werden kann Lulin der Erde trotz des in seinem Schweif enthaltenen, giftigen Zyans nicht. Zum einen fliegt er in sicherer Entfernung an der Erde vorbei, seine Distanz entspricht 40 Prozent der Entfernung der Erde zur Sonne. Zum anderen würde wohl auch kaum etwas passieren, wenn die Erde mitten durch den zyanhaltigen Schweif fliegen würde, sagt ESA-Mitarbeiter Khan. "1910 verbreiteten Astronomen mit der Vorhersage, die Erde werde durch den zyanhaltigen Schweif des Kometen Halley fliegen, Panik". Passiert sei damals nichts. Wer heute keine Zeit hat, in die Sterne zu gucken, den beruhigt Khan: "Lulin ist heute zwar der Erde am nächsten. Aber der Abstand ist morgen und an den folgenden Tagen kaum anders, in einer Woche werden es gut 73 Millionen Kilometer sein." In den Maßstäben des Universums sind das wohl eher Peanuts.

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