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Abgebrochener Start: Nasa in der Defensive

Nach der Panne kurz vor dem Abheben der Weltraumfähre "Discovery" wird ein zweiter Startversuch diesen Samstag immer unwahrscheinlicher. Ingenieure und die russische Raumfahrtagentur sparten nicht mit Kritik an der Nasa.

Die Weltraumbehörde Nasa hatte das Startfenster am Samstag um 20.40 Uhr MESZ als günstiges Szenario bezeichnet, doch deutete Nasa-Direktor Michael Griffin im Gespräch mit Reportern bereits eine wahrscheinliche Verschiebung bis kommende Woche an. Unterdessen waren elf Techniker- und Ingenieursteams am Weltraumbahnhof Cape Canaveral mit der Problemsuche beschäftigt.

Weil die Nasa den ersten Start nach dem "Columbia"-Unglück vor zweieinhalb Jahren mit mehr als 100 Kameras filmen und fotografieren will, kommt nur ein Start bei Tageslicht in Frage. Das ist noch bis Ende Juli möglich. Danach müsste die "Discovery" bis September am Boden bleiben. Bei Flügen zur Internationalen Raumstation (ISS) haben die Raumfähren jeden Tag ein etwa fünfminütiges Startfenster. Dann liegen die Flugbahnen der Station und des Shuttle so optimal, dass ein Andocken nach zwei Tagen möglich ist. Das Startfenster verschiebt sich auf Grund der Umlaufbahn der ISS jeden Tag um etwa 23 Minuten nach vorn. Würde das Shuttle außerhalb des Startfensters starten, müsste es der Station für eine perfekte Andockposition zu lange hinterherjagen.

"Sie hätten das prüfen müssen"

Ingenieure und die russische Raumfahrtagentur sparten am Donnerstag nicht mit Kritik an der Nasa. Das Problem, ein klemmender Treibstoffanzeiger im vollbetankten Außentank, war schon bei Tests im April aufgetaucht. Der ganze Tank wurde deshalb und wegen anderer Probleme ausgetauscht. Der zunächst im Mai geplante Start wurde zwei Mal verschoben. Ein neuer Test unter simulierten Startbedingungen fand aber nicht statt. "Sie hätten das prüfen müssen", sagte der ehemalige Nasa-Ingenieur Randy Avera im US-Fernsehen. "Wir wissen nicht, ob ein Test das Problem aufgedeckt hätte", meinte dagegen der der stellvertretende Manager des Shuttle-Programms, Wayne Hale. Das Problem war von Anfang an nur ab und zu aufgetaucht. "Eine unerklärte Anomalie", sagte Griffin.

Die russische Raumfahrtagentur Roskosmos hält den Startabbruch für eine übertriebene Vorsichtsmaßnahme. "Man hätte auch mit diesem Fehler durchaus starten können", sagte der Roskosmos-Chef Anatoli Perminow in Moskau. Seit dem Columbia"-Absturz liegt die Last der Transportflüge zur Internationalen Raumstation (ISS) allein auf russischen Schultern. In der Vergangenheit hatte sich Roskosmos wiederholt darüber beklagt, weder technisch noch finanziell diesen Aufwand allein betreiben zu können.

Jeder abgebrochene Start kostet 600.000 Dollar

Die Nasa gab sich betont gelassen. "Wir hatten schon mal einen Auftrag des Verteidigungsministeriums, bei dem der Start 14 mal abgesagt wurde. Dies ist nichts", sagte Griffin. Es werde erst geflogen, wenn die Sicherheit gewährleistet sei, betonte Hale. Jeder abgebrochene Start kostet die Nasa rund 600.000 Dollar.

Bei dem Test zweieinhalb Stunden vor dem Start hatte sich Sensor 2 von vier Geräten, die die verbleibende Treibstoffmenge anzeigen sollen, nicht auf "leer" umstellen lassen. Das ist wichtig, weil diese Anzeige für den Fall, dass der Treibstoff beim Steigflug knapp wird, automatisch ein Triebwerk abstellen würde, um Leerlauf zu vermeiden. Der Tank mit zwei Millionen Litern flüssigem Sauerstoff und Wasserstoff wurde am Mittwochabend geleert. Ob das Problem an der Startrampe gelöst werden kann, war aber unklar. Müsste die Raumfähre mit dem Außentank in den fünf Kilometer entfernten Hangar zurückgebracht werden, würde das Wochen dauern.

Im September sollte eigentlich die Fähre "Atlantis" mit dem deutschen Astronauten Thomas Reiter zur Internationalen Raumstation ISS starten. Auch die Auslieferung des in Bremen gebauten Forschungslabors "Columbus" für die ISS, geplant für Ende 2006, würde sich weiter verzögern.

DPA