Jubiläumstrip ins All Indien greift nach den Sternen


Indiens Raumfahrtpläne sind ehrgeizig. Nach dem Erfolg der 100. Mission ins All planen Politiker und Forscher schon die nächsten ambitionierten Projekte. Doch Kritiker warnen vor zu großer Euphorie.

Das ambitionierte indische Raumfahrtprogramm feiert ein Jubiläum: Der Start einer Trägerrakete des Typs PSLV-C21 vom Weltraumbahnhof Satish Dhawan nördlich der Stadt Chennai an diesem Sonntag war Indiens 100. Mission ins Weltall. An Bord befanden sich ein europäischer Forschungssatellit der EADS-Tochter Astrium und ein kleiner japanischer Testsatellit. Beide wurden 18 Minuten nach dem Start in ihre Umlaufbahnen ausgesetzt. Premierminister Manmohan Singh sprach von einem "spektakulären Erfolg". Gleichzeitig wies er Kritik zurück, Indien dürfe angesichts der großen Armut im Land keine öffentlichen Gelder in ein Raumfahrtprogramm stecken. "Der Entwicklungsstand eines Landes ist immer auch Ergebnis seines technisches Könnens", sagte Singh.

Indiens Griff nach den Sternen begann bescheiden. 1975 brachte eine sowjetische Kosmos-Rakete den ersten indischen Satelliten ins All, um Strahlungen zu erforschen. Fünf Jahre später gelang der indischen Weltraumbehörde Isro dann erstmals der erfolgreiche Start einer Trägerrakete.

Der Erfolg gab der Raumfahrtbehörde nicht nur einen Schub für die Entwicklung weiterer Satelliten, sondern auch für den Bau moderner Trägersysteme wie der PSLV-Rakete. "Die PSLV ist unser Arbeitspferd", sagt ein Isro-Sprecher. "Mit ihr können wir mittelschwere Lasten von bis zu 1650 Kilogramm in die Umlaufbahn bringen."

Sorgenkind GSLV

In den vergangenen Jahren beförderte Isro damit Satelliten des Insat-Programms ins All, von denen noch zehn in Betrieb sind. Hinzu kommen zwölf aktive Erkundungssatelliten der IRS-Klasse. Isro spricht in diesem Zusammenhang von "einem der größten nationalen Satellitensysteme im asiatisch-pazifischen Raum". Seit 1999 setzten PSLV-Raketen zudem 29 ausländische Satelliten aus.

"Bei relativ niedrigen Ausgaben haben wir Weltklasse-Technologien entwickelt", betont der frühere Isro-Chef Udipi Ramachandra Rao. Bis vor zehn Jahren habe sich die Behörde vor allem auf Projekte konzentriert, die der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Indiens zugutekämen. "Das betrifft Bereiche wie Telekommunikation und Rundfunkübertragung. Unsere Daten sind aber auch von Bedeutung für Land- und Fischereiwirtschaft." Inzwischen blicke man tiefer ins All.

Im Herbst 2008 startete eine PSLV-Rakete mit der ersten indischen Mondsonde an Bord. "Chandrayaan-1" lieferte zehn Monate lang Daten vom Erdtrabanten an die Forscher. Dann brach der Kontakt ab - früher als geplant. Isro sprach trotzdem von einem Erfolg, denn die Sonde habe ihre Aufgaben "zu 90 bis 95 Prozent" erfüllt. Kopfzerbrechen bereiten der Behörde dagegen seit Jahren die GSLV-Trägerraketen für schwere Nutzlasten, deren Starts zuletzt alle missglückten.

Singh plant Billig-Trip zu Mars

Zu den Gründen äußert sich Isro nicht. Daher kann nur spekuliert werden, ob auch Finanzierungsprobleme dahinter stecken. Fest steht: Isro muss mit einem schmalen Etat auskommen. Für das laufende Jahr bewilligte die Regierung umgerechnet knapp 960 Millionen Euro. Das entspricht etwa fünf Prozent des Budgets der US-Weltraumbehörde Nasa.

Dennoch will Isro höher hinaus. Premierminister Singh verkündete unlängst den Start einer Marsmission. Der Regierung zufolge soll bereits Ende kommenden Jahres eine Forschungssonde auf die Reise gehen und nach 300 Tagen im September 2014 die Marsumlaufbahn erreichen. Die Kosten werden auf knapp 70 Millionen Euro geschätzt und sind damit ähnlich niedrig wie die der ersten Mondmission. Darüber hinaus plant Indien für 2016 einen bemannten Raumflug. Später soll zudem eine eigene Raumfähre entwickelt und gebaut werden.

Der indische Wissenschaftsjournalist Kalyan Ray hält das für Zukunftsmusik. "Über die Marsmission ist fast nichts bekannt", sagt er. Daher sei unklar, ob das Projekt überhaupt Aussicht auf Erfolg habe. "Zeitrahmen und Budget sind so knapp bemessen, dass Techniker und Wissenschaftler vor gewaltigen Herausforderungen stehen." Und auch hinter den anderen ambitionierten Vorhaben stehe angesichts knapper Kassen ein großes Fragezeichen, meint Ray.

Stefan Mentschel, DPA DPA

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