Weltall Kollision im Weltall


Kometenforscher Jochen Kissel über den bevorstehenden Zusammenstoß einer Nasa-Raumkapsel mit dem Himmelsbrocken "Tempel 1".
Horst Güntheroth

Durch unser Sonnensystem fliegt ein Komet, dem Wissenschaftler den Namen "Tempel 1" gegeben haben. Die Nasa-Sonde "Deep Impact" soll dem Himmelsgeschoss am 4. Juli buchstäblich auf den Leib rücken. Was wird 130 Millionen Kilometer von der Erde entfernt passieren?

Genau 24 Stunden bevor die Sonde ihr Ziel erreicht, wird sie, wenn alles gut geht, einen so genannten Impaktor absetzen. Das ist eine Kapsel, die mit großer Energie auf den Kometen aufprallen und ordentlich Materie herausschlagen soll. Es wird ein gewaltiges Weltraumspektakel geben.

Alle großen Teleskope werden das Schauspiel im All beobachten, auch die Kameras und Messgeräte der Sonde und ihrer Kamikaze-Kapsel werden alles im Detail analysieren und zur Erde funken. Was wollen Sie und Ihre Kollegen mit Hilfe des Crashs herausbekommen?

Kometen sind schmutzige Schneebälle, Brocken aus Staub und Eis, quasi Müll aus den Anfängen unseres Sonnensystems vor 4,5 Milliarden Jahren. Sie kreisen normalerweise weit außerhalb unseres Planetensystems etwa in der so genannten Oortschen Wolke, und nur gelegentlich wird mal eines ihrer Mitglieder Richtung Sonne und Erde gelenkt. Diese Vagabunden liefern wertvolle Hinweise auf die Entstehungsgeschichte des Sonnensystems. Mit "Deep Impact" wollen wir sehen, wie solch ein Objekt genau aufgebaut ist. Hat es eine feste Kruste? Wie dick ist die? Und wir wollen mit dieser Mission in den Kern vorstoßen, um etwa herauszukriegen, wie ein Komet seine Materie ins All bläst, wenn er in die Nähe der Sonne kommt.

Was wird beim Einschlag passieren? Immerhin werden beim Aufprall Energien freigesetzt wie bei der Detonation von 4,5 Tonnen Dynamit.

Es gibt mehrere Möglichkeiten. Vielleicht schlägt der Impaktor einfach nur ein Loch, 15 000 bis 30 000 Tonnen Materie sprühen dann in den Weltraum, und das Geschoss verdampft. Es könnte sich aber auch eine Reaktionswelle im Kometen ausbreiten und auf diese Weise ein ganzes Stück von ihm abbrechen.

Kann der Himmelsbrocken denn auch ganz zerlegt werden?

Die kinetische Energie, die wir ihm zusetzen, dürfte bei weitem nicht ausreichen, um ihn zu zerbröseln. Aber Kometen sind seltsame Wesen. Wir kennen sie ja eben noch nicht gut genug.

Besteht zu irgendeinem Zeitpunkt Gefahr für die Erde? Könnten Bruchstücke von "Tempel 1" unseren Planeten treffen?

Nein. Mögliche Bahnen des Kometen oder von eventuellen Trümmern gehen sehr weit an unserem Globus vorbei.

Könnte man aber nicht, falls eines Tages ein Komet die Erde bedrohen sollte, eine Sonde ins All schicken und dann mit einer wesentlich höheren Aufschlagsenergie den kosmischen Klumpen unschädlich machen?

Theoretisch ja, aber unsere Sonde ist als Test dafür schlecht geeignet, sie hat rein wissenschaftliche Aufgaben.

Auch die Esa-Sonde "Rosetta", die seit März 2004 im All unterwegs ist, soll einen Kometen erforschen. Ihr Ziel ist ein Weltraumbrocken namens "Tschurjomow-Gerasimenko". Im Jahre 2014 soll Rosetta dort weich landen. Macht die jetzige Nasa-Mission diese europäische nicht überflüssig?

"Rosetta" soll uns ganz andere Fragen beantworten. So wollen wir damit eine Art Tomografie des Kometen machen und mit Hilfe einer Probebohrung die Zusammensetzung des Materials analysieren. Außerdem sind auch nicht alle Kometen gleich. Wenn wir sie erforschen wollen, müssen wir weitaus mehr Informationen sammeln, als wir sie von nur einer Mission bekommen können.

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker