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Weltraumtourismus: Spritztour in den Orbit

Weltraumbahnhof statt Flughafen, Orbit statt Kanaren - die Reiseziele des 21. Jahrhunderts könnten außerhalb unseres Planeten liegen. Der Preis für einen Kurzbesuch im All liegt zurzeit bei 200.000 Dollar.

Ende vergangen Jahres hat der US-Kongress den Weg zum privaten Weltraumtourismus freigemacht. Die Abgeordneten verabschiedeten eine Gesetzesnovelle, derzufolge es Privatpersonen nunmehr gestattet ist, auf eigenes Risiko bis an den Rand des Orbits zu fliegen. Bei den Weltraum-Visionären knallten die Sektkorken. Ihr Plan ist es, spätestens in zwei Jahren die ersten Touristen zu erschwinglichen Preisen gen Himmel zu verfrachten.

Auftrieb erhielt die Branche vor allem von den beiden Rekordflügen des privat finanzierten Raketenflugzeugs SpaceShipOne. "Vor zehn Jahren war Weltraumtourismus noch Science-Fiction. Jetzt ist er das nicht mehr", sagt Robert Goehlich von der Keio-Universität in Yokohama. Der Absolvent der Luft- und Raumfahrttechnik der TU Berlin hält in Japan die weltweit erste Vorlesung, in der sich alles um Weltraumtourismus dreht. Seine Studenten errechnen Ticketpreise für den Flug ins All, analysieren die Zulassungsbestimmungen der verschiedenen Länder und lauschen Gastvorträgen von Weltraumpionieren.

"SpaceShipOne hat die Nase weit vorn"

Ihr künftiger Arbeitsplatz wird vielleicht eines der rund 20 Unternehmen weltweit sein, die derzeit an Touristenflügen ins All tüfteln. Als einziges einsatzbereites Raumschiff in privater Hand geht das SpaceShipOne des Konzerns Virgin Galactic dabei mit großem Vorsprung ins Rennen. "Das SpaceShip hat die Nase weit vorn. Da steckt viel Geld dahinter, und mit Burt Rutan ist ein begnadeter Konstrukteur beteiligt", sagt Raumfahrtexperte Uwe Apel von der Hochschule Bremen.

Um schnellen Reichtum geht es den wenigsten Weltraumvisionären. "Das meiste ist Spielgeld von Träumern, die etwas tun möchten, was noch keiner getan hat", sagt Apel. "Die Entwicklung des SpaceShipOne hat rund 30 Millionen Euro gekostet. Verbesserung und Zulassung werden noch mal Millionen kosten", ergänzt Goehlich. "Bis sich das mal rentiert, vergehen 10 Jahre und mehr."

Virgin Galactic plant erste kommerzielle Starts für 2007, der Preis soll bei rund 200.000 Dollar liegen. Verglichen mit den 20 Millionen Euro für eine Individualreise zur ISS ist der Ausflug damit ein Schnäppchen. Dafür allerdings auch ein recht kurzes Vergnügen. "Ungefähr zwei Stunden wird so ein suborbitaler Flug dauern - abheben, 100 Kilometer hoch fliegen, wieder runter."

Lange Wartelisten

Dennoch ist der Trip heiß begehrt: "Schon seit 1997 gibt es Wartelisten", sagt Jörg Winning von der Agentur für Erlebnis-Reisen, bei der man neben Extremtouren, Kosmonautentraining und Parabelflügen auch Suborbitalflug der Firma "Space Adventures" buchen kann. Das Internet bietet eine Vielzahl solcher Möglichkeiten, sich für einen Weltraumtrip anzumelden oder gar schon monatliche Anzahlungen zu leisten. "Da ist Vorsicht geboten. Neben den echten Anbietern gibt’s da auch jede Menge unseriöse Trittbrettfahrer", warnt Apel. "Voranmeldungen dort sind juristischer Schwachsinn wie der Kauf von Mondgrundstücken."

Meinungsforschern zufolge wären Weltraumflüge ab 50.000 Euro je Ticket massentauglich. "Viele Japaner und US-Amerikaner wären bereit, mehr als drei Monatsgehälter für einen Flug auszugeben. Bei den Deutschen ist das nicht so ausgeprägt", sagt Apel. Größtes Problem der Trips gen Himmel ist momentan die Sicherheit. "Beim Flugzeug gibt es pro eine Million Flüge nur eine Katastrophe, bei Raketen liegen durchschnittlich nur einige hundert Flüge dazwischen", sagt Goehlich. Zudem müsse ein neues Flugzeug tausende von Testflügen absolvieren. Bei den Raketenfliegern sei das kaum bezahlbar. Generell müsse man sich klar machen, dass beispielsweise der Aufstieg auf den Mount Everest und Autorennen um ein Vielfaches gefährlicher seien. "Die ethische Bewertung in der Öffentlichkeit ist nur eine andere." Gesundheitliche Einschränkungen gebe es hingegen kaum.

Lohn all der finanziellen und körperlichen Mühen ist ein gänzlich neuer Blick auf Mutter Erde. "Man sieht die Kontinente und die Erdkrümmung, die Umgebung ist schwarz, und die Sterne strahlen viel heller", schwärmt Goehlich. "Als Ganzes sieht man die Erde aber nicht - das kann man selbst von der doppelt so hoch fliegenden ISS aus nicht." Umweltexperten plädieren ohnehin energisch dafür, den Blauen Planeten doch lieber vom Boden aus zu bewundern. Ein Massenaufbruch ins All wäre für die Atmosphäre eine enorme Belastung.

Annett Klimpel, DPA