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Lebensmittelkennzeichnung: Gehampel statt Ampel bei Fett, Zucker & Co.

Wie sollen Verbraucher erkennen, was im Essen steckt? Verbraucherschutzminister Horst Seehofer will eine komplizierte Nährwert-Kennzeichnung, Verbraucherschützer fordern ein simples Farbsystem: die Ampel.

Von Nicole Heißmann

Wenn Dorothea Bahar einkaufen geht, muss es schnell gehen. Das liegt vor allem an Sohn Koray, knapp zwei Jahre alt: "Der Kleine ist immer dabei, und ich muss schauen, wie lange seine Laune hält. Sonst gibt’s die typische Szene im Supermarkt", sagt die 32- Jährige aus Baden-Baden. Zum ausführlichen Studieren von Lebensmittelpackungen bleibt da keine Zeit.

Dabei interessiert sich die Mutter von zwei Söhnen durchaus dafür, was sie in den Einkaufswagen packt. "Wir essen zwar gern Naschzeug oder Chips, achten aber schon auf Kalorien. Bei den Erdnussflips suche ich die mit dem wenigsten Fett aus. Schade, dass es so mühsam ist, die ganzen Zahlen zu vergleichen", sagt Dorothea Bahar. Ihr wäre es am liebsten, wenn man sofort erkennen könnte, ob etwas viel Fett, Zucker oder Kalorien enthält.

Das wünschen sich auch Verbraucherschützer: Sie fordern eine "Ampel-Kennzeichnung", die auf einen Blick klarmacht, ob man zum Beispiel eine Kalorienbombe in den Einkaufswagen packt oder ein eher leichtes Produkt. Rote Symbole stehen für hohe Gehalte an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz, gelbe für mittlere, grüne für geringe Mengen. In Großbritannien prangt Rot-Gelb- Grün schon auf vielen Fertiggerichten, auf Gebäck, Tiefkühl-Pommes oder abgepackten Sandwiches. Vorgeschrieben ist die Ampel nicht, sie wird aber massiv von der britischen Lebensmittelbehörde beworben. Auch Gesundheitsorganisationen unterstützen den Ansatz als wichtigen Schritt im Kampf gegen Übergewicht und Krankheiten wie Diabetes. Großbritanniens Ärzteverband, die britische diätetische Gesellschaft, Herz-Forum und Diabetes-Verband trommeln für die Ampel, außerdem der nationale Verbraucher-Rat.

Auch der deutsche Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) fordert die rot-gelb-grüne Einkaufshilfe: "Sinnvoll wäre eine Kombination aus Ampel und Nährwert-Tabelle: So können Verbraucher Produkte schnell vergleichen und sich trotzdem über die enthaltenen Nährstoffe informieren", sagt Clara Meynen, Ernährungsreferentin beim vzbv in Berlin. Doch dazu wird es erst einmal nicht kommen. Bundesminister Seehofer lehnt eine Ampel-Kennzeichnung ab: "Der wichtigste Einwand ist, dass die Ampelfarben dem Verbraucher seine eigene Einschätzung abnehmen." Diese Kennzeichnung nehme eine Bewertung der Nährstoffgehalte vor, was dazu führen könne, dass das Angebot in gute und schlechte Lebensmittel geteilt werde. Und dazu, dass Verbraucher "eine ganze Reihe von Produkten mit roten Zeichen aus ihrem Speiseplan streichen, die ihnen aber gleichzeitig essentielle Nährstoffe zuführen."

In Großbritannien scheint das kein Problem zu sein: Anfang des Jahres ließ die Lebensmittelbehörde 2000 Verbraucher befragen. Drei Viertel erkannten, dass "Rot" ein Produkt kennzeichnet, das viel von etwas enthält, das man wenig essen sollte. Nur 16 Prozent glaubten, man sollte so ein Lebensmittel besser gar nicht essen.

Bei seinen eigenen Vorschlägen zur Kennzeichnung, die Seehofer kürzlich auf der Ernährungsmesse Anuga als großen Wurf zur besseren Information der Verbraucher darstellte, orientiert er sich trotzdem lieber an den Ideen der Industrie. Viele Hersteller ziehen es vor, Zahlen auf ihre Verpackungen zu schreiben, statt fettige oder zuckrige Ware mit roten Punkten zu stempeln. So drucken Firmen wie Kellogg’s oder Nestlé Prozente auf ihre Packungen. Da lesen Verbraucher zum Beispiel, dass eine Portion Frühstücksflocken zwölf Prozent der Zuckertageszufuhr für einen Erwachsenen deckt - bezogen auf eine erwachsene Frau, die 2000 Kalorien am Tag zu sich nimmt. Ein Pauschalwert für alle.

Dorothea Bahar scheint das eher verwirrend als hilfreich: "Ich weiß ja gar nicht, wie hoch mein persönlicher Tagesbedarf an irgendwelchen Nährstoffen ist. Und der von meinen Kindern ist ja bestimmt wieder anders, oder?" So etwas wie eine Ampel findet sie leichter verständlich. "Da sieht man als Verbraucher auf einen Blick, das Müsli hier hat viel Zucker und das andere wenig."

Die Industrie nennt ihre Werte offiziell klingend "Guideline Daily Amounts" (GDAs), zu Deutsch: "Richtwerte für die Tageszufuhr." Definiert hat diese Zahlen aber keine Behörde oder Fachgesellschaft, sondern die Arbeitsgruppe eines europäischen Verbandes der Lebensmittelwirtschaft. Man dürfe diese Werte also nicht mit wissenschaftlich begründeten Ernährungsempfehlungen verwechseln, sagt Peter Stehle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Er plädiert für nackte Fakten auf der Packung: Wie viele Kalorien, wie viel Gramm Fett oder Zucker liefert ein Produkt? Die Richtwerte der Industrie kann Stehle teils nicht nachvollziehen: "Die Festlegung auf 2000 Kalorien für Frauen oder 2500 für Männer am Tag gilt nur für junge Erwachsene. Ältere Menschen und Kinder benötigen aber meist viel weniger." Besonders irreführend ist das bei Produkten, die gezielt für Kinder beworben werden, wie zum Beispiel Frühstücksflocken.

Unwissenschaftlich findet Stehle auch einen Richtwert von 90 Gramm Zucker als empfohlene Tageszufuhr, wie er auf vielen Packungen steht: "Eine derartige Empfehlung lässt sich wissenschaftlich nicht begründen. Auch die DGE definiert nicht, wie viel Zucker man am Tag zu sich nehmen sollte. Eindeutig lässt sich nur sagen, die Leute sollen reichlich Kohlenhydrate essen, aber nur in Maßen Produkte mit zugesetztem Zucker."

Verbraucherin Bahar versucht, solche Ernährungsregeln bereits zu beherzigen: Süßes wird zum Beispiel limitiert, auch wenn die Kinder quengeln. "Aber gerade für Leute, die sich nicht mit gesundem Essen beschäftigen, wäre eine Ampel doch hilfreich. Ein roter Punkt auf der Schokolade als kleine Warnung, dass man nicht so viel davon futtern soll."

Mitarbeit: Tanja Masur
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