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Lebensmittelkennzeichnung: Streit um die Ampel

Aufregung um drei bunte Punkte: Politiker und Ernährungsexperten streiten über eine Ampel-Kennzeichnung, die fettige, salzige oder süße Lebensmittel enttarnt. Das System, das heute den Bundestag beschäftigt, hat hierzulande schlechte Karten. Dabei ziehen die Briten eine positive Bilanz.

Von Claudia Wüstenhagen

Sie lotsen Blechlawinen verlässlich durch die Straßen - und sollen nach dem Willen der grünen Bundestagsfraktion künftig auch Verbrauchern beim Einkaufen im Supermarkt Geleit geben. In ihrem Antrag zur heutigen Bundestagssitzung fordern die Grünen die Einführung einer Lebensmittelkennzeichnung mit Ampelfarben nach britischem Vorbild. Dort kennzeichnen rote, gelbe und grüne Punkte oder Streifen den Gehalt an Fett, gesättigten Fettsäuren, Salz und Zucker.

Ein solches System, so die Kalkulation, könnte einen Beitrag im Kampf gegen die Fettpolster der Deutschen leisten. Spätestens seit Veröffentlichung der zweiten Nationalen Verzehrstudie vor wenigen Wochen ist klar: Über die Hälfte der Bevölkerung ist übergewichtig. Wenn es nicht gelinge, diesen fatalen Trend umzukehren, würden die Folgekosten von ernährungsbedingten Erkrankungen für das Gesundheitssystem von jetzt etwa 70 Milliarden bald auf über 100 Milliarden Euro ansteigen, warnt die Grünen-Fraktion in ihrem Antrag.

Einkaufen mit Lebensmittelduden und Taschenrechner?

Also müsse eine Kennzeichnung für Lebensmittel her, die Transparenz schafft und Orientierung bietet - und zwar ohne aufwändiges Studium von kleingedruckten Nährwerttabellen. Die Pläne, die Bundesverbraucherminister Horst Seehofer (CSU) hierzu vorgelegt hat, sind den Grünen zu kompliziert. "Bei dem von Seehofer geplanten System muss man ja schon fast schon mit einem Lebensmittelduden und Taschenrechner durch die Gegend rennen", kritisiert Ulrike Höfken (Grüne), die den Bundestagsausschuss für Ernährung leitet. Ähnlicher Ansicht sind die Sozialdemokraten. Auch sie fordern eine Kennzeichnung auf Basis der britischen Ampel, ergänzt um die Angabe von Kalorien und Ballaststoffen.

Was ist Ihre Meinung zur Nährwertkennzeichnung?

Von den bunten Punkten überzeugt ist auch die Verbraucherschutzorganisation "foodwatch". "Das entscheidende Kriterium ist doch, dass nicht zu viele Informationen auf einmal vermittelt werden und dass sie gekoppelt sind mit einem auffälligen, wieder erkennbaren Merkmal", sagt der stellvertretende foodwatch-Geschäftsführer Matthias Wolfschmidt. Die Ampelfarben könnten das, Farben verstehe fast jeder, sogar Kinder.

Versteckte Zuckerbomben

Vor allem könnte die Ampel solche Produkte entlarven, denen man nicht ansieht, was in ihnen steckt, meint Wolfschmidt. "Es gibt viele Überraschungen", sagt er. Zum Beispiel bei Milchmischgetränken und Kinderdrinks, die als gesunde Durstlöscher inszeniert werden, dabei aber fast 50 Zuckerwürfel auf einem Liter versammeln und sogar die verteufelte Cola wie ein Diätgetränk aussehen lassen. Oder bei Lebensmitteln, die als unschuldige Frühstücksprodukte daherkommen, aber wegen ihres Zuckergehalts im Süßigkeitenregal besser aufgehoben wären. "Wenn ich vor einem Regal mit Frühstücksprodukten stehe und von lauter gelben und roten Punkten umgeben bin, dann dämmert mir doch, dass das nicht das Richtige zum Frühstück sein kann", sagt Wolfschmidt. "Wenn ich so etwas dann doch esse, dann zumindest in dem Bewusstsein, dass es eine Art Süßigkeit ist."

Doch gerade vor der Signalwirkung einer solchen Punkteflut warnen Ampel-Gegner. Werden Nährwertinformationen auf bunte Symbole reduziert, könne das zu einer übertriebenen Vereinfachung führen, kritisierte kürzlich EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou, als er den Gesetzentwurf der Kommission zu Nährwertangaben vorlegte. Demzufolge sollen europäische Hersteller zwar verpflichtet werden, Nährwertangaben auf ihre Produkte zu drucken, eine EU-weite Ampel-Pflicht ist aber nicht geplant.

Seehofer erteilt Ampel klare Absage

Dabei wollen die Grünen keineswegs bloß bunte Punkte auf Packungen drucken lassen, sondern das Farbschema mit Mengenangaben zu Inhaltsstoffen koppeln. "Die Kombination ist notwendig", sagt Grünen-Politikerin Höfken. Dennoch stehen die Chancen für die Ampel in Deutschland schlecht. Verbraucherminister Seehofer war bislang nicht einmal bereit, eine farblose Nährwertkennzeichnungspflicht einzuführen, sondern setzte auf freiwillige Kooperation der Industrie. Nach heftiger Kritik signalisierte er vergangene Woche zwar Bereitschaft, seine Pläne zu überarbeiten. Der Ampel hat er aber wiederholt eine klare Absage erteilt - und ist damit ganz auf Linie der Lebensmittelindustrie.

Seehofer warnt vor einer "Verdummung". Die Ampelkennzeichnung sei ein schlechter Ernährungsratgeber: In einer ausgewogenen Ernährung sei Platz für alle Lebensmittel. Die Ampelfarben würden dem Verbraucher seine eigene Einschätzung abnehmen. Auch die Verbraucherschutzbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Julia Klöckner sagt, Lebensmittel dürften nicht in gut und schlecht eingeteilt werden. Sie warnt vor einer "Rot-Stigmatisierung" und gibt zu bedenken, dass beim Ampelsystem selbst gutes Olivenöl auf der roten Liste landen würde.

Freiwilliges System in Großbritannien

Dabei sind die Erfahrungen mit der Ampel in Großbritannien positiv. Die britische Food Standards Agency (FSA) führte vor zwei Jahren ein System auf freiwilliger Basis ein. Wer heute in britischen Supermärkten beispielsweise abgepackte Sandwiches, Fertiggerichte oder Frühstücksflakes kauft, findet auf der Packung immer häufiger einen Farbcode, der den Gehalt an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz ausweist. Geschätzte 10.000 Produkte sind damit versehen. 16 Lebensmittelhersteller und acht Einzelhändler, die einen Marktanteil von 40 Prozent auf sich vereinigen, machen mit beim Farbenspiel.

Das finden nicht nur Verbraucher- und Gesundheitsorganisationen gut, sondern auch die Konsumenten: Umfragen unter Konsumenten zeigen, dass mehr als 90 Prozent Nährwertangaben in Ampelfarben bevorzugen und die von der FSA empfohlene Ampel richtig verstehen. Das gilt auch für Leute aus niedrigeren sozialen Schichten, die andere Kennzeichnungssysteme weniger gut interpretieren können. Bei einer Umfrage schnitt die FSA-Ampel von allen Systemen im Vergleich am besten ab - sie war am einfachsten und am schnellsten zu benutzen.

Wachsender Appetit auf Lachs mit Estragon

Verkaufszahlen britischer Unternehmen weisen darauf hin, dass sich Käufer tatsächlich an den Symbolen orientieren, um gesünder einzukaufen. Schon in den ersten Wochen nach Einführung der Ampel stiegen bei der Supermarktkette Sainsbury's die Verkaufszahlen von gesünderen Produkten um 15 Prozent, während der Umsatz mit weniger gesunden Lebensmitteln um 12 Prozent sank. Besonders deutlich war der Geschmackswandel bei Fertiggerichten. Während etwa der vorwiegend grün bepunktete "Lachs mit Estragon" in der Gunst der Käufer stieg und um 26,2 Prozent zulegte, war Moussaka anscheinend plötzlich nicht mehr so appetitanregend: 24 Prozent verlor das überwiegend rot gekennzeichnete Gericht.

Zwar kaufen die Briten jetzt offenbar gesundheitsbewusster ein - vor überwiegend rot bepunkteten Produktgruppen wie Kuchen oder Desserts schrecken sie aber nicht gänzlich zurück. "Konsumenten wechseln zu gesünderen Versionen innerhalb einer Produktgruppe, vermeiden aber keineswegs ganze Kategorien, in denen es viele Rot-Kennzeichnungen gibt", erklärt Kate Halliwell von der FSA. Eine Verteufelung und Diskriminierung ganzer Produktgruppen, wie Ampel-Kritiker es befürchten, gibt es also nicht. Die Käufer verstehen offenbar, dass "rot" nicht "verboten" bedeutet, sondern ein Produkt mit beispielsweise hohem Fettgehalt kennzeichnet, das nicht zu häufig gegessen werden sollte.

Hersteller passen Rezepturen an

Die FSA hat außerdem festgestellt, dass Lebensmittelhersteller ihre Produktzusammensetzung ändern, um rote in gelbe oder gar grüne Punkte zu verwandeln. So hat etwa das Unternehmen McCain die Rezeptur für eine neue Pommes-Sorte so angepasst, dass die Fritten bei allen Inhaltsstoffen in die grüne Kategorie fallen.

Ob sich Verbraucherminister Seehofer davon überzeugen lässt, ist fraglich. Die Verbraucherschützer von foodwatch werfen ihm vor, sich zu sehr von den Interessen der Lebensmittelhersteller leiten zu lassen. Auch Ulrike Höfken findet: "Seehofer sollte nicht weiter vor der Industrie buckeln." Für ihren Antrag sieht die Grünen-Politikerin sogar eine Mehrheit im Bundestag. Neben den Grünen und der SPD unterstützt auch die Linke den Vorschlag: "Eine Mehrheit der Vernünftigen", sagt Höfken.