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"Pangaea"-Expedition: Traumschiff der Abenteurer

Gebaut von arbeitslosen Brasilianern in den Slums von Sao Paulo: Auf der Jacht "Pangaea" segeln Mike Horn und seine Crew vier Jahre lang mit insgesamt 144 Jugendlichen in zwölf Etappen über die Ozeane. Danach sollen die Teilnehmer ihr Leben lang Botschafter der Umwelt sein.

Vor 250 Millionen Jahren bestand die Erde aus einem einzigen Kontinent. Pangaea wird dieser Superkontinent genannt, die "Überall-Erde". Heute steht der Name auf dem Rumpf einer 35 Meter langen Jacht. Ihr Körper ist aus stahlgrauem Aluminium, die Innereien aus recyceltem Holz und die kuscheligen Sitzecken aus edlem, braunem Wildleder. Die Navigationsgeräte gibt es, zur Sicherheit, in doppelter Ausführung. Der zentrale Raum im Mittelpunkt des Schiffes besitzt eine 360 Grad Rundumverglasung und bietet Platz für 16 Leute. Bei Sonnenuntergang auf hoher See wird es hier aussehen wie im Jedi-Hauptquartier der "Star Wars"-Filme.

Beruf: Abenteurer

Der Name des Schiffes ist Programm. Die "Pangaea" soll vier Jahre lang die Abenteuerträume von 144 Jugendlichen aus aller Welt verwirklichen. Eine moderne Nautilus, voll gestopft mit Technik. In den modernen Zweibettkabinen hängen Flachbildschirme mit Wahlprogrammen wie im Flugzeug, am tiefer gelegten Heck warten Leiter und Motorboot auf Badefreunde und Exkursionen. Der Kapitän der Pangaea heißt Mike Horn und ist von Beruf Abenteurer. "Als Kind", so erzählt der gebürtige Südafrikaner, "habe ich wie hypnotisiert vor dem Fernseher gelegen, wenn Jacques Cousteau seine Männer von der Calypso auf Tauchgang schickte. Dort wollte ich sein, das wollte ich auch tun. Mein Vater desillusionierte mich: "Der nimmt dich nie mit!"" Nun spielt Mike den Calypso-Übervater und gibt der Welt der Jugendlichen das, wovon er als Kind nur träumen konnte. "Ich habe", so Mike, "auf meinen Reisen um die Welt so viel Schönes gesehen. Aber immer wenn ich zurückkam, las und hörte ich nur von globaler Erwärmung, von Zerstörung, Katastrophen. Das ist das Bild, das viele Jugendliche heute von der Erde vermittelt bekommen. Ich will ihnen zeigen, dass es auch andere Eindrücke gibt."

Botschafter der Umwelt

Um Eindrücke geht es. Eindrücke des Ökosystems "Erde" sollen die "Auserwählten" entdecken, dokumentieren, erleben. Schmelzende Polkappen, vom Eis eingekerbte Fjorde, Artenvielfalt im Indonesischen Meer, die Kultur der Eskimos, überflutete Regenwälder werden Stationen auf der vierjährigen Reise sein. Große Ziele hat sich das Entdecker-Team rund um Skipper Horn gesetzt. Die jungen Erwachsenen sollen nicht nur erleben und forschen, sie sollen zu Botschaftern der Umwelt werden, sollen nach der Reise Foren gründen, wo um Lösungen und Pläne zum Klimaschutz gerungen wird. Eine kleine, abenteuerlustige und umweltbewusste Truppe, der Traum jedes jungen Menschen, der nicht im Frust dahindümpelt, sondern mit offenen Augen in die Welt schaut. Die Jugendlichen werden lernen. Experten halten Vorträge über geo- und biologische Zusammenhänge und die Inhalte wollen verstanden, gespeichert und verwertet werden. In den einzelnen Ländern sind Projekte geplant. Quellgebiete sollen gereinigt werden, in kleinen Gemeinden soll Aufklärungsarbeit über die Wassernutzung geleistet werden. Die Verbesserung hygienischer Bedingungen und die ökologische Unabhängigkeit soll erreicht werden.

Mit der Kraft der Überzeugung

Mike Horn halten Grenzen nicht lange auf. Mit einem Selbstbewusstsein ausgestattet, mit dem die Schweiz hätte Fußballeuropameister werden können, organisierte er ohne eigenes Kapital Geld und Material für sein Boot. Sponsor Mercedes Benz brauchte nicht lange überzeugt werden, das Projekt passt in das Mercedes Öko-Nachhaltigkeitsprojekt.

Gebaut wurde das Schiff von ehemals arbeitslosen Brasilianern in den Favelas, den Slums von Sao Paulo, 180 km vom Meer entfernt. Das Aluminium für den Rumpf, konnte von Mike Horn ohne Geld, mit seiner Glaubwürdigkeit organisieren werden. Die Fahrt des Aluminium- Boliden auf einem Tieflader zum Meer geriet im brasilianischen Fernsehen zur Nachrichtensensation: Täglich berichtete eine Fernsehcrew von den aktuellen Schwierigkeiten auf den Straßen. Mal musste eine Brücke abgesägt werden, mal steckte der Tieflader in einem Schlagloch fest.

Die Pangaea ist ein wunderschöner, ein ultramoderner Zweimaster geworden. Der ungewohnte Aluminiumkörper blieb ohne Farbanstrich. Das Aluminium macht das Schiff tauglich fürs Eismeer. Es ist so konstruiert, dass sich der Rumpf einfach auf die Eisfläche hinaufschiebt. Das Heck lässt sich hydraulisch aufklappen und per Kran kann ein Motorboot herausgeschwenkt werden. Zwei "niedrig CO2"-Motoren machen windunabhängig, flexible Solarzellen an Deck und auf den Segeln versorgen das Schiff mit speicherfähigem Strom. Das Medien- und Übertragungssystem ist für Live-Schaltungen ausgestattet.

Kein "Club Med" Urlaub

Kapitän Mike Horn blickt aus wachen, braunen Augen selbstbewusst und neugierig in die Zukunft. Er umrundete zu Fuß den Äquator, durchquerte den Amazonas-Regenwald, marschierte über die Anden, fror sich die Fingerkuppen ab in der Arktis, spazierte durch Grönland, Kanada, Alaska, die Behringstraße und Sibirien und bekam schließlich den Laureus-Preis für den Alternativsportler des Jahres. Mike Horn hätte das alles auch ohne Preise gemacht, er ist ein Getriebener, ein Mann, der auch seine zwei Töchter auf Skiern über den Nordpol schleppte. "Wir machen keinen "Club Med"-Urlaub, wir reisen, um etwas zu erleben. Meine Töchter haben jedenfalls nicht einmal darüber geklagt, dass sie müde sind", erklärt der Vierundvierzigjährige mit den von Wind und Wetter gegerbten Gesichtszügen.

Marina Kramper