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10 Jahre Erbgut-Entschlüsselung: Das lange Warten auf die Revolution

Vor zehn Jahren wurde zum ersten Mal das Erbgut des Menschen entschlüsselt - eine Sensation. Von einem Durchbruch war die Rede, die Gen-Medizin würde den Umgang mit Krankheiten revolutionieren. Doch die erhoffte Revolution blieb bislang aus.

Es war eine Sensation, als vor zehn Jahren zum ersten Mal das Erbgut des Menschen entschlüsselt wurde. Die Menschheit werde "eine neue, gewaltige Macht" erhalten, Krankheiten zu heilen, verkündete der damalige US-Präsident Bill Clinton am 26. Juni 2000. Die Gen-Medizin werde "die Diagnostik, die Vorbeugung und die Behandlung der meisten, wenn nicht aller Krankheiten revolutionieren". Ein Jahrzehnt später zeigt sich jedoch, dass die erhoffte Revolution länger auf sich warten lässt als gedacht.

Erbittert hatten sich seit den 90er Jahren zwei Rivalen einen Wettlauf um die Entschlüsselung des Erbgutes geliefert: das aus staatlichen Mitteln finanzierte internationale Humangenomprojekt (HGP) und die Privatfirma Celera Genomics unter der Führung des US-Biochemikers Craig Venter. Am Ende wurden beide praktisch zeitgleich fertig und konnten im Juni 2000 einen ersten Rohentwurf der Abfolge der Basenpaare im menschlichen Genom vorstellen. In den darauffolgenden Jahren wurde er dann weiter verfeinert.

Noch keine direkte Wirkung auf die Behandlung

Dutzende Milliarden wurden seither in die Genforschung gesteckt. Doch noch ist das erhoffte goldene Zeitalter der Medizin nicht angebrochen. Die Kenntnis des Genoms habe "noch keine direkte Wirkung auf die medizinische Behandlungen für den Großteil der Menschen" entfaltet, räumte Francis Collins, Leiter des staatlichen US-Gesundheitsinstituts National Institute of Health (NIH), jüngst in der Fachzeitschrift "Nature" ein. "Die medizinischen Anwendungen bleiben bis heute bescheiden, auch wenn es mehrere große Fortschritte gab."

Zu den Erfolgen zählt Collins, der damals das Humangenomprojekt führte, bestimmte Behandlungen gegen Krebs, die auf zentrale Funktionen des Tumors zielen. Darüber hinaus gibt es nun Gentests, die entscheiden helfen, ob krebskranke Frauen auf eine Chemotherapie ansprechen - oder Untersuchungen, die vorhersagen, wie Patienten aufgrund ihrer Erbanlagen auf eine bestimmte Medikamentengruppe reagieren. Ein Erbguttest, der eine Anfälligkeit für Herzkrankheiten vorhersagen sollte, hat dagegen nicht überzeugen können.

Etwa ein Zehntel der heute zur Zulassung vorgelegten Medikamente basierten auf pharmazeutisch eingesetzten Erbgut-Informationen, schrieb Margaret Hamburg, Chefin der US-Medikamentenbehörde Food and Drug Administration (FDA), im Juni im "New England Journal of Medicine". Das sei "aber nicht die Grenze des Potenzials einer personalisierten Medizin" - also Behandlungen, die Besonderheiten im Erbgut einzelner Menschen oder Gruppen berücksichtigen.

Collins glaubt, eine "personalisierte Medizin" würde erst in drei bis vier Jahren starten - wenn "bisher noch versteckte Teile des Genoms, in denen sich die Gene der Vererbung verbergen", entdeckt würden. Doch viele Forscher sind inzwischen skeptisch: In einer Befragung von 1000 Wissenschaftlern durch "Nature" diese Woche gab der Großteil an, dass die erhoffte "Revolution" in der Medizin wohl noch mehrere Jahrzehnte auf sich warten lassen werde.

Größte genetische Vielfalt in Afrika

Immerhin hat die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts schon geholfen, einen genaueren Blick auf die Vergangenheit des Menschen zu werfen. Forscher haben inzwischen weltweit das Erbgut tausender Menschen aus unterschiedlichen Gegenden der Welt untersucht. Wissenschaftler fanden dabei unter anderem heraus, dass die genetische Vielfalt in Afrika höher ist als auf jedem anderen Kontinent. Sie konnten den Ursprung des modernen Menschen in einer Region zwischen Südafrika und Namibia bestätigen. Und ein Gen-Vergleich zeigte, dass frühe moderne Menschen sich mit dem Neandertaler vermischt haben.

Große Fortschritte in Biologie wie auch Medizin werden nun aufgrund der gesunkenen Kosten für eine Erbgutanalyse erwartet. Das Humangenomprojekt kostete noch drei Milliarden Dollar (heute 2,4 Milliarden Euro). Inzwischen bieten Unternehmen eine Entschlüsselung schon für 5000 bis 6000 Dollar pro Mensch an. Und sie brauchen dafür auch keine Jahre mehr, sondern nur noch einen Tag.

Jean-Louis Santini/AFP / AFP
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