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Amoklauf an Schulen: "Es gibt immer Warnsignale"

Amokläufe an Schulen sind vorhersehbar, sagt der Darmstädter Psychologe Jens Hoffmann, der gemeinsam mit seinen Kollegen eine Methode zur Früherkennung potentieller Amokläufer entwickelt hat. Im stern.de-Interview spricht er über die Risikofaktoren und erklärt, warum es kaum weibliche Amokläufer gibt.

Hätte man den Amoklauf in Winnenden vorhersehen können?

Wir haben in einer Darmstädter Studie alle deutschen Fälle ausgewertet und wissen, dass wir alle diese Fälle aus der Vergangenheit hätten voraussehen können. Es gibt immer Warnsignale.

Welche?

Ein Amoklauf ist der Endpunkt eines Weges mit vielen Stufen, keine impulsive Tat. Am Anfang steht eine Krise, die vermeintlich durch Gewalt gelöst werden kann, aber auch Gefühle von Ausweglosigkeit und Verzweiflung. Die Täter fangen an, sich mit Gewalttaten zu beschäftigen, andere Amokläufer werden als Vorbilder stilisiert. Im Emsdettener Fall etwa die Nachahmung des Massakers von Columbine, eine ähnliche Inszenierung, die bis hin zum Benutzen derselben Wörter bei Sebastian B. ging. Oder es gibt eine Identifikation mit Idolen aus gewalttätigen Filmen. Als weiterer Schritt tauchen die Täter immer mehr in Fantasiewelten ab, zum Hass auf das Umfeld kommt ein Tunnelblick. In diesem Stadium gibt es zumeist Andeutungen, dass man einen Amoklauf plant, dann folgt die konkrete Tatankündigung. Waffen und Kleidung werden besorgt, nahestehende Personen gewarnt und die Täter verabschieden sich. Kurz bevor sie die Tat begehen, laden die meist jugendlichen Täter in letzter Zeit häufig noch eine Abschiedsnachricht im Internet hoch.

Kann man ein Profil der Täter erstellen? Trifft der Mythos vom Computer spielenden Einzelgänger zu?

Das ist sehr einfach gedacht. Wenn man von Computer spielenden Einzelgängern ausgeht, hat man ungefähr ein Viertel der männlichen Jugendlichen als mögliche Täter. Nicht alle der Täter sind Einzelgänger und nicht alle spielen Computer. Die Vorstellung, dass Computerspiele so etwas verursachen, ist ohnehin abstrus und die Idee eines Amokläufer-Profils führt in die Irre. Wodurch sich die Täter allerdings immer verraten, ist ihr Verhalten und ihre Kommunikation vor dem Amoklauf.

Inwiefern?

Wenn ich sage: "Übermorgen erschieße ich die Lehrerin" und ich zeige Waffen, dann ist das deutlich. Oder wenn ich ankündige, dass ich zurückkommen werde, um mich zu rächen, dann ist das auch ernstzunehmen. Solche Warnzeichen haben wir immer gefunden. Es dringt immer etwas nach außen, bevor die Tat tatsächlich begangen wird. Wir sprechen hier vom Phänomen des "Leaking", bei dem Informationen über eine innere Beschäftigung mit einer Gewalttat nach außen dringen.

Trotzdem begehen nicht alle einen Amoklauf, die etwas Derartiges sagen. Was sind die Auslöser?

Was wir im Vorfeld sehen, sind stabilisierende Faktoren die wegfallen oder Zurückweisungen, zum Beispiel durch ein Mädchen. Es kann auch ein Job sein, den man verloren hat, eine Freundschaft, die zerbricht, ein Gerichtsverfahren, das ansteht. Im Fall Robert S. war die Zeugnisausgabe der Auslöser, da er den Schulabschluss nicht erreicht hatte. Im Emsdettener Fall sollte der Täter am nächsten Tag wegen unerlaubten Waffenbesitzes vor Gericht erscheinen.

Fügen sich die Puzzlesteine nicht meistens erst nach der Tat zusammen und lassen alles logisch erscheinen?

Nein, das ist ein großer Mythos. Es gibt genug Fälle, auch in Deutschland, die erkannt und dadurch abgefangen wurden. Man kann es, man muss es aber auch tun, indem man vor Ort in den Schulen Krisenteams aufbaut. Ausgebildete Kräfte und nicht nur drei Leute, die irgendwo auf einer Liste stehen. Zudem muss man mit der Polizei vernetzt sein. Aufmerksamkeit ist gefragt, genaues Hinsehen - in 35 Prozent der Fälle ist zwar im Endeffekt nichts, aber das weiß man dann eben auch sicher, wenn man zuvor hingesehen hat. Zudem muss man die richtigen Fragen an den Fall stellen. Wir haben 32 Risikoindikatoren herausgearbeitet, die abgefragt werden können.

Welche Risikoindikatoren sind das?

Die Täter identifizieren sich mit anderen Amokläufern, sind depressiv oder suizidgefährdet. Ein Beispiel sind auch überbordende Gewaltphantasien.

Wie kann man Amokläufe verhindern?

Indem man früh auf diese Warnsignale achtet, wissend, dass sich in den meisten Fällen nichts dahinter verbirgt. Lehrer müssen hinsehen, die Familie. Vor allem Gleichaltrige wissen aber meistens über Details Bescheid. Lehrer sollten darin geschult werden, die Risikofaktoren zu erkennen. Es war bei dem letzten Fall in Finnland tragisch, dass ein Polizeibeamter einen Tag zuvor mit dem Täter gesprochen hatte, aber die Risikofaktoren nicht kannte.

Wenn es so einfach ist, warum werden die Amokläufe dann nicht verhindert?

Das Problem ist, dass der Eine ein merkwürdiges Indiz bemerkt, jemand anderem fällt etwas Komisches auf, aber alle hoffen, dass nichts Schlimmes passiert. Es gibt keine zentralen Anlaufstellen, die beobachten, was eigentlich insgesamt passiert.

Gibt es eigentlich weibliche Amokläufer?

In Deutschland bis jetzt noch nicht, in den USA hingegen schon. Ein Kollege von mir hat alle Taten weltweit ausgewertet und kam auf unter fünf Prozent Frauenanteil, aber es gab Frauen. Vermutlich hängt es aber mit der männlichen Identität zusammen: Bei Männern steckt hinter Amokläufen nicht selten der verzweifelte Versuch, zu zeigen, dass man jemand ist. Kulturell vermittelt ist es auch eher eine männliche Lösungsstrategie mit einer Waffe in der Hand als Rächer aufzutreten.

Sie haben eine Studie zu deutschen und amerikanischen Amokläufern erstellt. Gibt es Ähnlichkeiten?

Ja, verblüffend viele. Auch der Zugang zu Waffen ist sehr ähnlich, hier sind die unterschiedlichen Waffengesetze nicht ausschlaggebend, denn die Tatwaffen der Amokläufer stammen meistens von Verwandten oder der Familie. Wir haben auch haargenau dieselben Indikatoren bei amerikanischen und deutschen Amokläufern gefunden. Es ist ein internationales Muster, was auch damit zu tun hat, dass es medial vermittelt ist. Wir kennen das Gleiche, den Nachahmereffekt von Goethes Werther und der Welle der Selbstmorde. Das Bild des Amokläufers ist in der Welt, bei uns ist es seit Erfurt angekommen. Gemessen an der Bevölkerung sind wir in Deutschland jetzt nach den USA sogar das Land mit den meisten solcher Fälle. Seit Columbine, das medial stark publiziert wurde, haben wir weltweit einen Anstieg solcher Taten.

Das heißt, die Berichterstattung motiviert potentielle Täter eher noch?

Wenn man sie groß macht, zu viele Details über sie nennt, sie ikonisiert, erhöht das die Gefahr. Es muss klar gesagt werden, dass es ein Mörder ist, ein Verlierer, der eine furchtbare Tat begangen hat und sehr wohl dafür verantwortlich ist. Dann ist es abschreckend.

Befürchten Sie, dass der aktuelle Fall die Gefahr von Nacheiferern weiter erhöht?

Ohne Zweifel. Columbine jährt sich am 20. April zum zehnten Mal und dieses Massaker war gleichsam der Blue Print, das Vorbild für solche Taten. Wir wissen daher, dass das Risiko von Nachahmer-Taten in diesen Monaten steigt und dieses Risiko nimmt nach dem aktuellen Fall wahrscheinlich noch weiter zu.

Interview: Lea Wolz