Analphabeten Im Labyrinth der Schriftzeichen

Ihre Mutter brachte für sie Liebesbriefe zu Papier, der Tochter diktierte sie ihren Lebenslauf. Doch mit 66 Jahren ist es nun vorbei mit dem Versteckspiel: Ursula Spranger, eine von vier Millionen Analphabeten in Deutschland, lernt Lesen und Schreiben.
Von Helge Bendl

"Wichtige Mitteilung" steht auf dem Zettel, den ihr die Hausverwaltung in den Briefkasten geworfen hat. "Bitte lesen!!!!" Mit vier Ausrufezeichen. Früher hätte Ursula Spranger ihren Mann gefragt, was es denn gibt an bedeutenden Neuigkeiten. Heute macht sie sich selbst an die Arbeit. Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz. Stockend liest sie, bis ihr alles vor den Augen verschwimmt. "Ich werde nervös beim Lesen", sagt sie und lächelt verschämt, "ich muss mich ablenken."

Aber dann fährt sie fort. Sie kämpft. Es ist ein stiller Kampf, der gar nicht zu dieser Frau mit den grauen Haaren passt, die sonst so energisch redet, die sonst immer alles sofort in die Hand nimmt. Ihre Lippen formen zögernd Buchstaben, Silben, Wörter. Oft verbessert sie sich, setzt neu an, versucht es immer wieder. Dann schreibt sie. Sie schreibt nicht, sie malt. Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz, mit gespitztem Bleistift ins penibel geführte Schulheft, liniert, wie es Grundschüler benützen. Es ist dünn vom vielen Radieren.

Vier Millionen Analphabeten gibt es in Deutschland

Mit 66 Jahren sucht Ursula Spranger den Weg durch das Labyrinth der Schriftzeichen, der ihr so lange verwehrt geblieben ist. Ihr und vielen anderen: Etwa vier Millionen "funktionale Analphabeten" gibt es hier zu Lande, schätzt der "Bundesverband Alphabetisierung" - also Menschen, die nur einzelne Wörter lesen können, aber nicht den Elternbrief aus der Schule oder die Warnhinweise am Arbeitsplatz. Und weil beim Schreiben in jedem zweiten Wort Fehler sind, wagen sie es meist gar nicht mehr, den Stift in die Hand zu nehmen. Sie haben resigniert und tauchen ab. Ein Leben lang - denn der Leidensweg beginnt früh.

Bei Ursula Spranger fing es in der Schule an. In Handarbeit, Zeichnen und Turnen brachte sie gute Zensuren nach Hause, aber Lesen und Schreiben funktionierte nicht. "Einen Satan von Lehrer hab' ich gehabt", sagt sie. Prügel gab es regelmäßig; wer nicht mit kam, saß in der letzten Reihe. Ursula Spranger saß in der letzten Reihe. Und der Lehrer las allen vor, was sie im Diktat für Unsinn geschrieben hatte. "Das klang wie polnisch rückwärts", sagt sie, "ich konnte ja nur wenige Wörter richtig schreiben". Der, die, das. Viel mehr nicht.

Nachhilfe brachte nichts, Wiederholen auch nicht, die Fahrt zur Sonderschule war zu teuer. Bücher gab es keine zu Hause, man hatte ja die Fibel mit den erbaulichen Geschichten. Mit 13 Jahren nahm sie die Mutter aus der Schule, das Mädchen half ohnehin lieber den Bauern bei der Heuernte. Sie lernte schließlich Spinnerin, da musste man keine schriftliche Prüfung bestehen. Die Mutter wies den Weg: "Du wirst später sowieso Hausfrau, da brauchst du nicht lesen und schreiben können." Also lernte sie Kochen, für den Mann, den sie liebte.

Die Liebesbriefe diktierte sie ihrer Mutter

Ein Jahr lang haben sich die beiden geschrieben, jede Woche einen Liebesbrief. Sie hat die sorgsam gefalteten und leicht vergilbten Blätter samt der Briefumschläge aufbewahrt, in dem kleinen Schächtelchen mit den Silbermünzen und den Familienfotos. Ein Jahr lang hat sie ihrer Mutter diktiert, was sie wahrscheinlich lieber vor ihr geheim gehalten hätte. Doch die Mutter konnte ja schreiben. Und die junge Ursula malte Buchstabe für Buchstabe alles ab.

"Mein ganzes Leben lang hab' ich Verstecken gespielt", sagt Ursula Spranger. Als sie in der Großküche arbeitete, kreuzte sie Bestellzettel an - kein Kollege bemerkte, dass sie nicht Lesen und Schreiben konnte. Mit Hilfe des Mannes prägte sie sich zu Hause Fahrpläne ein und bestieg stets den richtigen Bus. Der Fernseher informierte sie und die "Bild" mit ihren Fotos. Sie nahm ihre Tochter mit, als sie im Personalbüro ihren Lebenslauf schreiben musste. Legte eine Gipsschiene an, als sie den Personalausweis beantragte. Hatte die Brille vergessen, als sie das nächste Mal am Schalter stand. "Man kommt überall durch", sagt sie. Nur sich selbst täuschen kann man nicht.

Irgendwann hat sie dann das Märchenbuch zur Hand genommen und der ältesten Enkeltochter Geschichten erzählt. Sie hat immer wieder umgeblättert, obwohl in ihrem Kopf überhaupt nichts umzublättern war, wenn Schneewittchen die Zwerge besuchte oder sich Hänsel und Gretel im Wald verirrten. Dann kam das Mädchen in die Schule. "Da steht aber was ganz Anderes als das, was Du mir erzählst", sagte sie. Was für ein Spaß war das für die Enkelin, die Großmutter zu korrigieren und ihr zu zeigen, wie toll sie die Worte buchstabieren konnte!

Zehn Prozent der deutschen Schüler liegen unterhalb des niedrigsten Leseniveaus

Es hat gedauert, bis Ursula Spranger die Deckung verlassen konnte. Seither geht sie einmal die Woche in die Volkshochschule in Stuttgart-Bad Cannstatt. Hier trifft sich eine Gruppe Analphabeten - einige der 20.000 Menschen, die in Deutschland einen Alphabetisierungskurs besuchen. Verlierer gebe es keine in der Runde, sinniert Birgit Kunzmann, die Lehrerin: "Die Opfer kommen nicht oder geben schnell wieder auf."

Analphabetismus ist nicht nur ein Problem der Alten. Zehn Prozent der deutschen Schüler, das ergaben die Pisa-Studien, liegen unterhalb des niedrigsten Lese-Niveaus: "Sie besitzen elementare Lesefertigkeiten, die jedoch einer praktischen Bewährung in lebensnahen Kontexten nicht standhalten." Die Hälfte dieser Schüler ist in Deutschland geboren und beherrscht deutsch als Umgangssprache. Vererbter Analphabetismus: "In keinem anderen Staat werden Leistungsunterschiede so stark durch die soziale Herkunft bestimmt wie in Deutschland. Der Anteil der Risikopersonen ist in der Sozialschicht am größten, die durch Familien ungelernter Arbeiter bestimmt wird", sagt Sven Nickel vom "Bundesverband Alphabetisierung". Viele Faktoren können zu Analphabetismus führen: Fehlende Betreuung lernschwacher Kinder in der Schule, Vernachlässigung durch die Eltern, Armut, zerrüttete Verhältnisse. Oft fehlen Vorbilder, die ein Buch zur Hand nehmen. Wenn die Schulpflicht erfüllt ist, heißt das nicht, dass die Abgänger so lesen und schreiben können, dass sie es im Alltag auch anwenden.

Gegensteuern will Erziehungswissenschaftler Sven Nickel mit dem Konzept der "family literacy". Eltern und Kinder sollen hier gemeinsam statt bisher getrennt unterrichtet werden - und vor allem sollen sie gemeinsam zu Hause üben und nicht nur im Volkshochschulkurs. So will Nickel die Menschen erreichen, über die kaum gesprochen wird und die sich auch selbst nicht artikulieren. Aus Scham. Ursula Spranger ist anders. Sie ist eine Kämpferin. Sie will den Buchstabenfolgen ohne Sinn endlich einen Sinn geben. Die Zeit des Rückzugs ist vorbei.

Seit mehr als fünf Jahren sitzt Ursula Spranger wieder an Hausaufgaben

Wenn Ursula Spranger montags in die Volkshochschule geht, trifft sie auf viele junge Leute, die mit ihr lernen, die sich im Diktat versuchen und das Lesen üben. Ihr Tischnachbar war Lastwagenfahrer und ist nun Hausverwalter - weder die Mieter noch der Arbeitgeber wissen, dass er nicht richtig lesen und schreiben kann. Der andere, ein Sinti, konnte überhaupt nicht lesen und schreiben und tastet sich langsam in die Welt des geschriebenen Wortes vor. Dumm sind sie alle nicht. Es fehlte nur an Förderung, um die Lernblockaden aufzubrechen.

So üben sie hier Bandwurmwort um Bandwurmwort, Folter-Kreationen, die nie zu enden scheinen. Zuerst "Bratapfelkuchenstücke", dann "Pfannengemüsesorten", schließlich "Apfelsinenmarmeladengläser". Jede Silbe sprechen die Schüler einzeln aus, jede Silbe bekommt ein spezielles Handzeichen, und so "schwingen" sie Silbe um Silbe, zerschneiden die Wörter in verständliche Einzelteile. Dann raschelt Papier, alle schreiben die Wörter ab, ein vielstimmiges Murmeln von "stüs" und "mars" und "tens". Kompliziert, aber es funktioniert.

Seit mehr als fünf Jahren sitzt Ursula Spranger wieder an Hausaufgaben, manchmal unter den strengen Blicken der ältesten Enkeltochter. Rückhalt findet sie in der Gruppe, spürt Ehrgeiz. Sie will endlich den "Graf von Monte Christo" lesen können. Nachdenklich rekapituliert sie die vergangenen Jahrzehnte. "Ich habe mich geschämt. Und mich gefragt, warum es gerade mich getroffen hat", sagt die Frau, die heute wieder kämpft. Für sich selbst. Und ein wenig, das ist ihr sehr wichtig, auch für diejenigen vier Millionen Analphabeten in Deutschland, von denen sie eigentlich nichts weiß. Aber von denen sie weiß, dass es sie gibt.


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