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Autismus: Einstieg ins Leben

Sie sprechen mit niemandem, haben bizarre Vorlieben, benehmen sich sonderbar: Autisten leben in ihrer eigenen Welt. Vor allem für erwachsene Autisten gibt es zu wenig Betreuungseinrichtungen, die ihnen helfen, ihr Leben zu meistern.

Nichts faszinierte den autistischen Mann mehr als das Klirren von zerbrechendem Glas. In Lebensmittelgeschäften räumte er mit einer Armbewegung ganze Regalfächer voller Flaschen ab, nur um sie am Boden zerspringen zu sehen. Letztlich durfte er seine Wohnung bei St. Louis nicht mehr verlassen aus Sorge, er könnte sich selbst oder andere verletzen. Welche Aufgabe kann ein solcher Mensch in der Gesellschaft übernehmen? "Wir haben ihm schließlich eine Arbeit in einer Recycling-Anlage besorgt, wo er Flaschen in einen Behälter warf und ihnen beim Zerbrechen zusehen konnte", erzählt Jeanne Marshall vom Judevine-Zentrum für Autismus, das autistischen Erwachsenen Hilfe anbietet. "Wir sagten ihm: 'Dies ist der einzige Ort, wo du das tun kannst'. Und es hat geklappt."

Der Erfolg bestätigt Marshalls Meinung: "Diese Menschen können Erfolg haben, wenn sie unterstützt werden." Schätzungen zufolge ist eines von 166 Kindern autistisch. Die komplexe Entwicklungsstörung, die vier Mal häufiger bei Jungen als bei Mädchen auftritt, äußert sich in einem weiten Spektrum von Symptomen, darunter Kommunikationsproblemen, extremer Zurückgezogenheit oder zwanghaften Verhaltensweisen. Viele Kinder entwickeln sich zunächst unauffällig, meiden dann aber plötzlich Augenkontakt, spielen nicht mehr oder hören sogar auf zu sprechen. Meist wird Autismus erst ab dem Alter von drei Jahren diagnostiziert.

Autisten brauchen Hilfe - lebenslang

Inzwischen haben sich Schulen und soziale Dienste auf den Umgang mit autistischen Kindern eingestellt. Aber die Störung ist unheilbar, und wenn Eltern oder Betreuer älter werden, landen viele autistische Erwachsene in Heimen oder werden anders von der Gesellschaft getrennt. Das sei nicht nötig, betonen die Mitarbeiter von Judevine. Die Organisation betreut im Bundesstaat Missouri mehr als 2500 Betroffene zwischen Kleinkind- und Rentenalter. Das Zentrum bietet Beratung, Gesprächstherapie, Eltern-, Lehrer- und Betreuerkurse an und hilft autistischen Menschen bei Ausbildung und Jobsuche, aber auch im Alltag. "Wir zeigen ihnen, wie man einkauft, einen Bus nimmt, sich die Zähne putzt oder rasiert", sagt Marshall.

Landesweit gibt es viel zu wenige solche Einrichtungen. Laut Laura Bono vom Nationalen Autismus Verband (NAA) nahmen die Autismus-Diagnosen bei Kindern seit 1989 drastisch zu. Nun werden diese Menschen erwachsen, und darauf ist die Gesellschaft nicht vorbereitet. "Es gibt nicht genügend Dienste für Erwachsene", klagt Bono. Gerade die mangelnde Unterstützung mache das Leben für diese Menschen noch schwieriger, sagt der Autismus-Experte Leonard Green von der Washington-Universität in St. Louis. "Es gibt schon zu wenig Hilfsangebote für Kinder", sagt Green. "Und bei Erwachsenen ist das absolut minimal, dabei besteht wirklich akuter Bedarf."

"Verstehen, warum sich diese Menschen anders benehmen"

Linda Hunters Sohn Jeffrey wird seit dem Alter von drei Jahren von Judevine betreut. Inzwischen ist er 35. Als Baby sprach Jeffrey nicht, und auch jetzt redet er nur selten. Mit Hilfe von Judevine hat er eine Teilzeit-Arbeit in einer Bowling-Anlage gefunden. Zusammen mit einem anderen autistischen Mann lebt er in einer Wohnung, die rund um die Uhr betreut wird. "Ohne Judevine wäre er noch bei uns zu Hause", sagt die Mutter. "So hat er viel mehr Freiheit."

Nicht alle Formen von Autismus sind gleich. Manche Betroffene scheinen einfach nur schüchtern, andere entwickeln extrem bizarre Verhaltensformen. Jobtrainer bereiten die Betroffenen auf eine Beschäftigung vor und führen auch potenzielle Arbeitgeber an den Umgang mit dem merkwürdig scheinenden Verhalten heran. "Sie sollen verstehen, warum sich diese Menschen anders benehmen", erläutert Green. "Es passiert zu häufig, dass Leute manche auffälligen Verhaltensweisen nicht kennen und nicht verstehen, dass sie Teil der Störung sind."

Unabhängiger - dank Betreuung

Wie bei vielen Eltern von Menschen mit Autismus sind es oft kleine Erfolge, die Linda Hunter Freude bereiten. Kürzlich beschloss Jeffreys Wohnbetreuer, mit den beiden Bewohnern Disneyworld in Florida zu besuchen. Zunächst schien das unvorstellbar: Jeffrey hat Angst vorm Fliegen und wird zudem an engen Orten mit viele Menschen nervös. Aber behutsam fuhren die Judevine-Mitarbeiter regelmäßig mit ihm zum Flughafen, beobachteten die Starts und Landungen von Flugzeugen und erklärten ihm, wie alles funktioniert. Schließlich wagten sie die Reise. "Es war ein herrliches Erlebnis", erzählt Jeffreys Mutter. "So bekommt er die Chance, Erfahrungen zu sammeln. Dank der Unterstützung ist er inzwischen viel unabhängiger."

Jim Salter/AP/AP

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