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Was Ahnenforschung mittels DNA-Test wirklich kann

Ein Videoclip über einen Abstammungs-DNA-Test geht viral. Die Antwort auf die Frage "Wer bin ich?" wird zunehmend zum lukrativen Geschäft. Aber wie präzise sind die kostenintensiven Gen-Analysen eigentlich?

Von Sophie Albers Ben Chamo

Pipetten für einen DNA-Test

Wer bin ich? Ein DNA-Test soll die philosophische Frage ganz pragmatisch beantworten

Keine Frage, die Aussage des gerade viral gehenden Werbeclips eines Reiseanbieters ist gut und richtig: Reinrassige Menschen gibt es nicht. Wir sind alle gemischt und letztlich auch irgendwie miteinander verwandt. Rassismus ist Unsinn. Punkt.

Was wir nicht wissen, ist, ob die Testpersonen im Video, die sich eines DNA-Tests unterziehen und die sich unter anderem als "rein britisch", "rein isländisch" oder "rein irakisch" und deshalb überlegen bezeichnen, Schauspieler sind. Und ob die Tests, die sie eines Besseren belehren, echt sind. Letzteres tut für die menschenfreundliche Aussage auch nichts zur Sache. Wohl aber für die Geldbörsen der Menschen, die diesen Clip sehen und nun auch so einen DNA-Test machen wollen, um herauszufinden, "wer sie wirklich sind".

Lukratives Geschäft

Die Ahnenforschung mittels Gentest ist ein lukratives Geschäft. Verschiedene, internationale Anbieter locken ihre Kunden mit Paketen - von 99 Dollar, über 200 britische Pfund bis zu 1099 Euro - und Versprechen: "Entdecke deine Geschichte", "Enthüllen Sie Ihre verborgenen Vorfahren", "Die Geschichte deiner Vergangenheit".

Und so geht's: Zum Test-Kit, das man nach Bestellung zugeschickt bekommt, gehören zwei Plastikröhrchen und zwei Wattestäbchen. Mit Letzteren bearbeitet man etwa eine Minute lang das Innere seiner Wange, und dann kommen die Schleimhautzellen-getränkten Bäuschchen in die Röhrchen, die man an das Unternehmen zurückschickt. Je nach Anbieter und Paketart bekommt man dann Wochen oder auch Monate später ein Ergebnis wie im Video: soundsoviel Prozent dies, soundsoviel Prozent das.

Genauso schlau wie vorher

Das sei nicht wirklich seriös, meinen manche Wissenschaftler, die sich mit der menschlichen DNA beschäftigen. Denn man könne nicht mit Sicherheit sagen, dass jemand x Prozent skandinavisch und x Prozent irisch oder was auch immer sei, sagt Professor Mark Stoneking vom Max-Planck-Intitut Leipzig, Abteilung für Evolutionäre Genetik, im Gespräch mit dem stern. Diese Prozentangaben seien rein statistisch, sagt auch ein Humangenetiker von einer deutschen Universität, der nicht mit Namen genannt werden möchte: "Und diese Angaben sagen nichts darüber aus, vor wie vielen Jahrhunderten die Vermischung möglicherweise stattgefunden hat. Das heißt, man ist letztlich genauso schlau wie vorher."  

Ergebnis eines DNA-Test zur Ahnenforschung

Die Statistik fürs Selbstbild

Mark Thomas, Professor für evolutionäre Genetik am University College London, hat Gentests zur Ahnenforschung gar mit Horoskopen verglichen. In einem "Guardian"-Artikel weist er darauf hin, dass genetische Ähnlichkeiten tatsächlich auf Verwandtschaften hinweisen könnten. Aber der Mensch erbe verschiedene Abschnitte der DNA von verschiedenen Vorfahren, zudem verdopple sich deren Anzahl fast mit jeder Generation. Das bedeute wiederum, dass wir mehr Vorfahren als DNA-Abschnitte haben. Und weil der Mensch außerdem gern gewandert sei und sich ebenso gern gepaart habe, verteilten sich die Vorfahren auf eine so große Fläche, dass es so aussähe, als hätten wir vor rund 3500 Jahren alle die gleichen Vorfahren gehabt.

"DNA-Ahnenforschung ist unbestritten"

Dieser Kritik an der Ahnenforschung mittels DNA widerspricht Joelle Apter, Diplom-Biologin, Humangenetikerin und Inhaberin von iGenea, einer Schweizer Firma, die seit etwa zehn Jahren mit DNA-Tests Ahnenforschung betreibt. "DNA-Ahnenforschung ist unbestritten", sagt sie entschieden. Auf der Firmenwebsite prangt ein Foto aus dem beliebten Videoclip. Damit zu tun habe iGenea allerdings nichts, so Apter, "aber wir wollen den Leuten zeigen, dass man diesen Test bei uns machen kann". Seit das DNA-Test-Video seinen Weg durchs Netz nimmt, hätten sich die Anfragen bei iGenea verdoppelt.

Allerdings räumt sie ein, dass die im Video getroffene Unterscheidung, "ob jemand deutsch oder französisch ist", so nicht möglich sei. Dazu sei die Durchmischung schon immer zu stark gewesen. In diesem Fall würde bei einem Ergebnis ihrer Firma "Mitteleuropa" stehen.

Genealogisches Selbstbild?

"Aber was das Video natürlich rüberbringen soll, ist das Gemischte", so Apter weiter. "Denn auch wenn jemand seit Generationen in Frankreich lebt, hat er immer auch etwas Nord- oder Südeuropäisches oder sogar Nordafrikanisches mit drin. 100 Prozent gibt es nicht! Wir sind alle gemischt. Das ist die Message der DNA."

Professor Stoneking beantwortet die Frage nach dem "Wer bin ich?" via DNA-Test ein bisschen philosophisch: "Unsere Identität gründet auf vielen Faktoren: wo wir aufgewachsen sind, was wir erlebt haben und vieles mehr. Herauszufinden, dass die eigenen Vorfahren vor ein paar Tausend Jahren aus diesem oder jenen Teil Europas kamen oder von irgendwo anders her, sollte wirklich keinen großen Einfluss darauf haben, wie man über sich selbst denkt."

Das ganze Video:

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