HOME

Fitness: Abenteuer Winterzeit

Kälte und Dunkelheit machen hierzulande vielen zu schaffen. Warum eigentlich? Schauen wir nach Spitzbergen. Die Menschen am nördlichsten Zipfel der Zivilisation haben die härtesten Winter. Und sind trotzdem voller Energie und Lebenslust.

Wenn Norman Rosenthal Recht hat, steht Hundert tausenden oder gar Millionen von Deutschen in den kommenden Monaten ein düsteres Schicksal bevor. Mit den sinkenden Temperaturen droht nämlich nicht nur eine neue Welle von Erkältung, Grippe und Kreislaufproblemen. Ein bis zehn Prozent der Bevölkerung, möglicherweise sogar mehr, schätzt der US-Forscher vom National Institute of Mental Health in Bethesda, leide auch an einer tückischen Krankheit, die jedes Jahr mit den dunklen Tagen wiederkehre und ihren Opfern jeglichen Antrieb und alle Lebensfreude raube: Winterdepression.

Mitte der achtziger Jahre

beschrieb der US-Forscher das Phänomen als Erster. Inzwischen kennt in Rosenthals Heimat jedes Schulkind "SAD", das für den Fachbegriff "seasonal affective disorder", saisonal abhängige Depression, steht. Verantwortlich für das Leiden, vermuten seither auch hierzulande die Anhänger der Rosenthalschen Lehre, sei vor allem der Mangel an natürlichem Licht. Schließlich sind die Tage im Winter hierzulande nur noch halb so lang wie im Sommer und dazu meist verhangen und trüb. Das schlage manch einem so nachhaltig aufs Gemüt, dass er gar an Selbstmord denkt. Je näher am Nordpol, desto schlimmer.

Nach Ansicht des norwegischen Psychiaters Vidje Hansen von der Universität Tromsø hat Norman Rosenthal aber nicht Recht. "Kompletter Unsinn", meint der Nordländer streng. Nach 30 Jahren Praxis in der nördlichsten Universitätsstadt der Welt und einschlägigen eigenen Studien steht für ihn fest: Die Theorie von der Dunkelheit, die sich bleiern und krankmachend auf die menschliche Seele legt, ist längst widerlegt. "Natürlich fühlen sich einige Menschen im Winter weniger wohl als im Sommer", sagt Hansen. Und auch jahreszeitliche Unterschiede im Auftreten von Depressionen gebe es durchaus. Am häufigsten aber träten diese im März auf - gerade dann also, wenn die Tage ähnlich lang sei en wie die Nächte. Er sieht in der neuen "Krankheit" vor allem ein geschickt in die Öffentlichkeit lanciertes, PR-trächtiges Hirngespinst amerikanischer Forscher, die den Winter im Norden offensichtlich gar nicht richtig kennen. Denn: "Für viele Menschen hier ist das eine der schönsten und wohltuendsten Jahreszeiten überhaupt - vorausgesetzt, man weiß, wie man mit ihr umgehen muss."

Kaum einer dürfte das wohl besser wissen

als Stig Hennigsen. Wir treffen den stämmigen Norweger am Hafen von Longyearbyen, jenem 1300-Seelen-Ort am nördlichsten Zipfel der menschlichen Zivilisation, der sich Spitzbergen nennt und in dem das Wort Winter eine neue Dimension erhält. Es ist noch nicht einmal November, doch schon jetzt macht der Wind, der hier fast jeden Tag weht, aus den minus 13 Grad Celsius Lufttemperatur effektive minus 20 bis minus 25 Grad. Wie gut, dass Stigs Boot eine warme Kajüte hat. Denn heute wollen wir mit ihm hinaus aus dem Fjord, und vor uns liegen sechs Stunden Fahrt auf dem Eismeer - für wärmeverwöhnte Mitteleuropäer wie uns trotz voller Wintermontur ein echter Kälteschock.

Es ist eine der letzten Gelegenheiten

in diesem Jahr, einen der zahlreichen Gletscher noch bei Tageslicht zu sehen. Sie ragen direkt ins Meer hinein und kalben regelmäßig mehrere Kubikmeter große Eisblöcke ins Wasser. Die anderen Schiffe, die Longyearbyen mit den kleineren Gruben- und Forschersiedlungen auf der Insel verbinden, haben ihren Verkehr angesichts des herannahenden Winters bereits eingestellt. Jeden Tag nimmt die Tageslichtdauer um weitere 23 Minuten ab. Am 26. Oktober verschwindet die Sonne komplett unter dem Horizont. Ein paar Tage lang erreicht den Ort noch für wenige Stunden ein schwaches Dämmerlicht. Danach herrscht für gut drei Monate Nacht. Nicht einmal mehr ein Hauch von Licht ist dann noch zu sehen - von Sternen, Polarlicht und Vollmond abgesehen.

Tatsächlich hält Longyearbyen mit seiner Lage auf 78,12º nördlicher Breite den Weltrekord in Sachen Polarnacht: Nirgendwo sonst lebt eine komplette kleine Gemeinde Jahr für Jahr so lange am Stück in Finsternis. Und das bei einem Klima, in dem gefühlte Temperaturen von minus 40 Grad wegen des ständigen Windes keine Seltenheit sind. Erst am 16. Februar lässt sich die Sonne zum ersten Mal wieder für ein paar Minuten blicken.

Wie hält man das nur aus?

Bei so einer Frage muss selbst der brummige Stig unweigerlich schmunzeln. Schließlich hat der studierte Maschinenbauer fast die gesamten 39 Jahre seines Lebens auf der gebirgigen Insel im arktischen Eis verbracht - und denkt nicht daran, sie jemals zu verlassen. "Wo ist das Problem?", fragt er lapidar zurück.

Er liebt seinen Job als Bootsführer für zahlreiche Forschungsteams, der ihm die Freiheit gibt, von Frühjahr bis Herbst auf dem Meer zu sein. Wie die meisten Dauerbewohner von Regionen nördlich des Polarkreises kann auch er den Trubel um die miese Stimmung im Winter nicht verstehen.

Intuitiv und aufgrund jahrhundertealter Traditionen befolgen die Einheimischen genau jene kulturell überlieferten Regeln, die Mediziner, Psychiater und Biorhythmusforscher inzwischen als die besten Rezepte gegen den so genannten Winterblues ausgemacht haben: So oft wie möglich raus ins Freie, viel bewegen und es sich anschließend mit Freunden und Familie in einer urigen Hütte richtig gemütlich machen.

Wer sich aufraffen kann, bei Wind und Wetter zum Wandern oder Skifahren zu gehen, kann nämlich einen Großteil der Probleme des Winters vermeiden. Tatsächlich verlangt die kalte Jahreszeit dem Organismus seit je einiges ab. Allein die Kälte bedeutet für den Körper zunächst eine Bedrohung - und damit Stress: Die Blutgefäße an Händen und Füßen verengen sich, um den Wärmeverlust gering zu halten. Dadurch steigt nicht nur der Blutdruck. Auch die Schleimhäute werden schlechter durchblutet und sind so anfälliger für Bakterien und Viren. Die Muskulatur erzeugt ein Kältezittern, um den Körper aufzuheizen, und die Zähne klappern. Vor allem aber schüttet die Nebenniere vermehrt die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin aus, was das Immunsystem zusätzlich schwächt.

Wie man heute weiß, verstellt sich durch die längeren Nächte tatsächlich auch die innere Uhr des Menschen - jener gleichmäßige Rhythmus zwischen Wachen und Schlafen also, den wir für unser Wohlbefinden brauchen. Denn die verkürzte Sonneneinstrahlung führt zu einer vermehrten Ausschüttung des Nachthormons Melatonin. Normalerweise produziert der Körper den natürlichen Müdemacher vor allem nachts, wenn es dunkel ist. Wird es aber auch tagsüber nicht richtig hell, bleibt der Melatonin-Spiegel erhöht - und der Mensch müde.

Moderne Großstädter

geraten dadurch leicht in einen Teufelskreis: Nicht nur das Aufstehen fällt schwer, sondern auch die Auseinandersetzung mit Nässe und Kälte. Um beidem zu entfliehen, fahren wir statt mit dem Fahrrad im Auto oder per U-Bahn zur Arbeit. Sobald wir wieder zu Hause sind, verkriechen wir uns in der warmen Wohnung. Wer dann noch anfängt, sich mit Keksen und Lebkuchen zu trösten, macht alles nur noch schlimmer. Denn der Speck auf den Hüften steigert nicht nur den Frust, und die Trägheit ist noch schwerer zu überwinden.

Zu allem Übel

unterliegt der Stadtmensch auch noch einer fatalen optischen Täuschung, wie der Chronobiologe Till Roenneberg von der Universität München erläutert. "Seit der Erfindung der Glühbirne, haben wir das Problem, dass wir nur scheinbar genug Licht bekommen: Unser lichtsensitives System hat sich im Laufe der Evolution daran gewöhnt, dass es mehrere tausend Lux Licht bekommt. Doch von solchen Werten ist jeder normale Arbeitsplatz im Büro weit entfernt", beklagt der Forscher. "Wir haben schon Glück, wenn wir da 400 oder 500 Lux abkriegen."

Zum Vergleich:

An einem sonnigen Sommertag erreicht das Licht im Freien mitunter eine Helligkeit von bis zu 100.000 Lux. Selbst an einem grauen Tag sind es fast immer noch 5.000 bis 10.000 Lux. Bewusst wahrnehmen kann der Mensch solche Unterschiede allerdings nicht, wie viele Hobbyfotografen aus leidvoller Erfahrung wissen. Das menschliche Auge ist nur für eine grobe Differenzierung zwischen den einzelnen Lichtintensitäten gebaut und passt sich rasch an neue Lichtverhältnisse an.

Um optimal "eingetaktet" zu sein, darin sind sich heute viele Experten einig, braucht der Körper jedoch mindestens eine Stunde Licht von 3000 bis 4000 Lux pro Tag. Schon vor etlichen Jahren haben Lampenhersteller diese Marktlücke erkannt und propagieren seither - mit tatkräftiger Unterstützung von Forschern wie Norman Rosenthal - die so genannte Lichttherapie. Die mehrere hundert Euro teuren Geräte, die auch für den Heimgebrauch erhältlich sind, sollen nach den Verheißungen der Firmen gegen alle erdenklichen Probleme helfen - von Jetlag über Schlafstörungen bis hin zu Depressionen.

Dabei lässt sich dieselbe Wirkung

schon mit einem regelmäßigen Spaziergang viel einfacher, billiger und zudem effektiver erzielen. Ist der Kreislauf in Schwung, fällt dem Körper nämlich nicht nur die Umstellung auf den Winter leichter. Vielmehr ist Bewegung neben dem natürlichen Tageslicht ein weiterer wichtiger Taktgeber der inneren Uhr. Daneben lernt der Körper durch den "sanften Stress" beim Bewegen an der frischen Luft, mit der Kälte besser umzugehen. Schon nach zwei Wochen, so zeigen Untersuchungen finnischer Forscher, registriert der Organismus, dass die Temperaturen gar nicht so bedrohlich sind, und reguliert die Konzentration der Stresshormone im Blut auf das normale Niveau herunter.

Diese beruhigende Erfahrung

hat sich offenbar tief im Bewusststein der Skandinavier verankert. Ob in Oslo, Bergen oder Tromsø: Selbst bei minus 10 Grad Celsius stellen Mütter ihre Babys dick verpackt im Kinderwagen zum Schlafen ins Freie. Die Jugendlichen auf Spitzbergen können es kaum erwarten, dass auf den Gletschern der Insel endlich wieder genug Schnee zum Skifahren und für rasante Mondscheintouren per Schneemobil liegt.

Erkältungen müssen die kältegewohnten Outdoor-Freaks kaum fürchten. Denn anders als in einem warmen und überfüllten U-Bahn-Waggon, in dem sich unzählige Krankheitskeime auf die ausgetrockneten Schleimhäute stürzen, ist die trockene Luft in der Arktis fast virenfrei. Auch für Allergiker ist der Winter eine wahre Wohltat, weil weder Pollen noch umherschwirrende Dreckpartikel oder Milben ihren Atemwegen zu schaffen machen. Der Psychologe Jürgen Zulley von der Universität Regensburg, der seit Jahren die inneren Rhythmen des menschlichen Körpers erforscht, ist deshalb sicher: "Wenn wir uns erst einmal an die Kälte gewöhnt haben, bekommt sie unserem Körper letztlich viel besser als die Wärme im Sommer."

Weiterer Pluspunkt

für Figurbewusste: Um die körpereigene Wärmeproduktion anzufeuern, kurbelt die Schilddrüse im Winter die Produktion des Stoffwechselhormons Thyroxin an und erhöht so den Grundumsatz an Kalorien. Schon ohne schweißtreibende Aktivität steigt der tägliche Energieverbrauch bei Menschen, die sich bei längerer Kälte viel im Freien bewegen, um bis zu 20 Prozent an. Noch ausgeprägter ist der Effekt freilich bei intensiver körperlicher Betätigung, wie Untersuchungen im Rahmen von Nordpol-Expeditionen gezeigt haben. Ein Erwachsener, der normalerweise in Ruhe rund 1500 bis 2000 Kalorien pro Tag verbrennt, verheizt bei Temperaturen von minus 30 Grad Celsius und regelmäßigen längeren Wanderungen locker das Doppelte oder Dreifache dieser Menge.

Für unsere Vorfahren

, die auch bei Kälte im Freien körperlich hart arbeiten mussten, machte es daher durchaus Sinn, im Winter kompakte Energieträger als Nahrung zu sich zu nehmen. Nicht zuletzt deshalb findet sich Fettreiches wie Gänsebraten, Stollen und Butterplätzchen noch heute als traditionelle Wintergerichte auf unserem Speiseplan wieder.

Für den modernen Wohlstandsmenschen

mit Zentralheizung, Computerarbeitsplatz und Bewegungsmangel ist diese Strategie allerdings fehl am Platz. Er verbraucht schlichtweg zu wenig Energie, als dass er solche Kalorienbomben wegstecken könnte. Die verbreitete Vorstellung vom biologisch vorprogrammierten Anfuttern von Winterspeck, sei ein Mythos - und eine schlechte Ausrede für überflüssige Pfunde durch Lebkuchen & Co., betont die Stoffwechselforscherin Susanne Klaus vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. Der Mensch sei schließlich kein Murmeltier, das sich den Sommer über pummelig fresse, um im Herbst in mehrmonatigen Winterschlaf zu fallen.

Und das ist auch gut so.

Wer den nordischen Winter nie erlebt habe, sagt der Troms?er Psychiater Vidje Hansen, der könne den Zauber der dunklen Jahreszeit nicht nachvollziehen: die Ruhe einer weiten schneebedeckten Landschaft, die bunt geschmückten Fenster der Häuser, das Prasseln brennender Holzscheite im Kamin, das Märchenerzählen für die Kinder, das strahlende Licht der Kerzen zum Fest der heiligen Lucia oder die unendliche Vielfalt der langsam wechselnden Färbung des Himmels, wenn die Sonne nach den vielen dunklen Wochen endlich wiederkehrt.

So könnte sich auch jenes Paradox auflösen, auf das Hansen schon vor mehr als zehn Jahren durch eine eigene Studie stieß. Er und seine Kollegen hatten damals unter den Bewohnern Tromsø die bis dahin größte Umfrage zur Häufigkeit von depressiven Verstimmungen im Winter vorgenommen. Mehr als 7700 Männer und Frauen berichteten darin in der Zeit zwischen November und Februar über ihr seelisches Befinden. Genau in jener Phase des Jahres also, wo die Sonne auch hier, etwa 1000 Kilometer südlich von Spitzbergen, für zwei Monate komplett vom Horizont verschwindet.

Das Ergebnis überraschte

die Forscher: Gerade einmal 14 Prozent der befragten Männer sowie 19 Prozent der Frauen litten nach eigenen Angaben an einer gedrückten Stimmung, an Schlaflosigkeit oder einer verminderten Fähigkeit, Probleme anzugehen und zu lösen. Diese Werte lagen deutlich unter zuvor von US-Wissenschaftlern und anderen norwegischen Forschergruppen berichteten Studienergebnissen.

Kein Wunder:

Deren Untersuchungen waren in den örtlichen Massenmedien umfangreiche Berichte über das vermeintliche Winterleiden vorausgegangen. "Noch bemerkenswerter daran war", erzählt Hansen, "dass die angeblich durch die Dunkelheit bedingten psychischen Probleme in den US-Städten Montgomery County und New York genauso häufig waren wie hier in Tromsø." Und das, fügt der Psychiater mit sichtlichem Vergnügen hinzu, "obwohl diese Städte ungefähr auf dem gleichen Breitengrad liegen wie Neapel".

Cornelia Stolze / print