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Frühmenschen-Genom: In jedem Menschen steckt etwas Neandertaler

Forscher haben einen großen Teil des Neandertaler-Erbguts entziffert. Damit können sie die Frage beantworten, ob der Frühmensch nur ein entfernter Verwandter oder auch ein Vorfahr des heutigen Menschen ist.

Der Neandertaler kann höchstwahrscheinlich zu den Vorfahren des heutigen Menschen gezählt werden. Das berichtet eine internationale Forschergruppe, die etwa 60 Prozent des Neandertaler-Erbguts entziffert und mit dem Erbgut moderner Menschen verglichen hat, im Fachmagazin "Science". "Das ist eine absolute wissenschaftliche Sensation", sagt der an der Studie beteiligte Bonner Neandertaler-Experte Ralf W. Schmitz. Frühere Untersuchungen von kleinen Erbgut-Teilen aus den Mitochondrien, den "Zellkraftwerken", hatten eine engere Verwandtschaft nicht nahe gelegt. Bisher sind Forscher davon ausgegangen, dass der Neandertaler und moderner Mensch lediglich entfernte Verwandte sind, deren letzter gemeinsamer Vorfahr vor rund 500.000 Jahren gelebt hat.

Mehr als 300.000 Jahre lang siedelten Neandertaler in Europa und weiten Teilen Asiens, bevor sie vor rund 30.000 Jahren ausstarben. Dass die Frühmenschen mit dem frühen Homo sapiens Kontakt hatten, ist unbestritten. Seit Jahren beschäftigt Forscher allerdings die Frage, wie eng dieser gewesen sein mag und ob sich beide Menschenarten vermischten. Dies können die Wissenschaftler nun mithilfe des analysierten Erbguts beantworten. Sie verglichen es dazu mit dem Genom von fünf heute lebenden Menschen aus dem südlichen Afrika, Westafrika, Papua-Neuginea, China sowie Frankreich.

Die Forscher ermittelten, dass ein bis vier Prozent des Genoms des modernen Menschen vom Neandertaler stammen. Daraus lässt sich schließen, dass Neandertaler und modernere Menschen zusammen Kinder zeugten - wobei dies wahrscheinlich eher selten passierte. Sie vermuten, dass sich Homo sapiens und Neandertaler vor 100.000 bis 50.000 Jahren im Mittleren Osten näher kamen. Von dort verbreiteten sich mit der Wanderung des modernen Menschen ein paar Neandertaler-Gene bis ins heutige China und Papua-Neuginea, wie die Untersuchung zeigt. "Diejenigen von uns, die außerhalb Afrikas leben, tragen ein kleines bisschen Neandertaler in sich", sagt Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, der die Studie leitete.

Große Herausforderung bei der Erbgut-Analyse

Das Erbgut einer lange ausgestorbenen Art zu analysieren stellt Wissenschaftler vor "ganz besondere Herausforderungen", beschreiben die Leipziger Forscher. Die DNA, die aus verschiedenen Neandertaler-Knochen gewonnen wurde, ist im Laufe der Zeit zu winzigen Fragmenten zerfallen und zum Teil auch chemisch verändert. Außerdem ist sie massiv verunreinigt. "Mehr als 95 Prozent der DNA in einer Probe stammen von Bakterien und Mikroorganismen, die den Neandertaler nach seinem Tod besiedelten", erklärt Pääbo. Auch menschliche DNA, die bei der Ausgrabung oder im Labor in die Probe gelangt, kann die Ergebnisse verfälschen. Das Forscherteam wendete zum Teil völlig neu entwickelte Techniken an, um das Neandertaler-Erbgut sicher von der fremden DNA zu trennen.

Nach dem ersten Entwurf des Neandertaler-Erbguts wollen die Leipziger Wissenschaftler in den kommenden Jahren durch DNA-Analyse näheres über die Natur des Neandertalers wie etwa Stoffwechsel, Hirnentwicklung oder Sprachfähigkeit herausfinden.

bub