HOME

Gedächtnis-Weltmeister Mayer: Teddy auf der Türklinke

Dies ist die Geschichte eines jungen Mannes, der nur 36,14 Sekunden braucht, um sich die Reihenfolge von 52 Spielkarten zu merken - Gedächtnis-Weltmeister Clemens Mayer. Sein Geheimnis: Kino im Kopf.

Von Angelika Unger

Clemens Mayer ist ein Geschichtenerfinder. Ein Foto und ein Name - das ist alles, was er für eine Geschichte braucht. So wie das Bild von Herrn Müller mit seinen langen grauen Haaren. "Bei Müller fällt mir Mehlsack ein, also stelle ich mir vor, einem Mann mit langen Haaren fällt ein Mehlsack auf den Kopf und das Mehl macht seine Haare grau", fabuliert er drauflos. Dass Herr Müller mit Vornamen Thomas heißt, kann sich Mayer leicht merken. "Mein bester Freund heißt Thomas und spielt Eishockey. Also stelle ich mir den Mann auf dem Bild beim Eishockey vor." Fertig ist der langhaarige, Eishockey spielende Mann mit Mehlsack auf dem Kopf - Thomas Müller eben. Sein Gesicht und seinen Namen wird Mayer so schnell nicht wieder vergessen.

Ein bisschen verrückt? Mag sein - aber sehr einprägsam. Seine verrückten Geschichten machten Clemens Mayer zum Gedächtnisweltmeister: Bei den World Memory Championships in London setzte sich der 20-jährige Jurastudent aus dem oberbayerischen Brannenburg gegen Gedächtniskünstler aus zehn Nationen durch. Bereits 2005 hatte Mayer den Titel errungen - als erster Deutscher überhaupt wurde er Weltmeister und beendete die 14 Jahre lange Vorherrschaft der Briten.

Weltrekord trotz chinesischer Namen

Die Disziplin "Namen und Gesichter" ist Mayers Lieblingsdisziplin: Jeder Teilnehmer bekommt Bögen mit Porträtfotos vorgelegt, die mit Vor- und Nachnamen beschriftet sind. 15 Minuten hat er Zeit, sich Namen und Gesichter einzuprägen. Dann werden ihm die Bilder wieder gezeigt - diesmal unbeschriftet und in anderer Reihenfolge.

Bei den deutschen Meisterschaften hatte Mayer bereits den Weltrekord geknackt: Er hatte sich die Namen zu 85 Gesichtern gemerkt. Für die WM hatte er sich daher schon "was vorgestellt", wie er sagt, hatte an eine gute Platzierung geglaubt. Aber nicht an einen neuen Weltrekord - schließlich startete er unter erschwerten Bedingungen. "Bei den deutschen Meisterschaften musste ich mir nur deutsche Namen merken. In London waren auch sehr viele ausländische Namen dabei, teilweise sogar chinesische in englischer Umschrift. Da schraubst du deine Erwartungen schon runter." Doch am Ende übertraf er sie alle: Mayer beschriftete 90 Gesichter richtig - neuer Weltrekord!

Training mit Quelle-Katalog

Was ist das Geheimnis des jungen Mannes, der nur 36,14 Sekunden braucht, um sich die Reihenfolge von 52 Spielkarten zu merken? "Es macht mir einfach Spaß, fantasievoll zu sein", sagt Mayer. Fantasie und Kreativität nämlich seien die einzig limitierenden Faktoren beim Gedächtnissport, wie die Szene ihre Leidenschaft selbst nennt.

Wie bei Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht hängt auch sein Erfolg davon ab, dass ihm in Sekundenschnelle Ideen für gute Geschichten kommen. Denn ohne seine Eselsbrücken, das gibt Mayer offen zu, wäre er niemals so erfolgreich.

Damit ihm zu jedem Namen, jedem Gesicht eine Geschichte einfällt, trainiert er, jeden Tag zehn bis zwanzig Minuten. Die Fotomodelle aus dem Quelle-Katalog, in Badehosen oder Sommerkleidern, sind seine Sparringspartner: Mayer schneidet ihre Gesichter aus und klebt sie auf. "Dann bitte ich meine Schwester oder meine Mama, aus dem Telefonbuch ausgefallene Namen auszusuchen und drunterzuschreiben."

Die 99 ist eine Angel, die 48 eine Flasche

Doch nicht nur für Gesichter und Namen hat Mayer ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis. Auch riesige Zahlenmengen merkt er sich mühelos. In der Disziplin "Zahlensprint" war bei den World Memory Championships kein anderer so gut wie er: Fünf Minuten Zeit haben die Teilnehmer, um sich unzählige Zahlenreihen einprägen. Jede Reihe hat 40 Ziffern, wird nur eine einzige Ziffer falsch wiedergegeben, ist die gesamte Reihe ungültig. Mayers Ergebnis: 316 richtige Ziffern.

Sein Geheimnis lautet auch hier wieder: Kino im Kopf. Bei der 21 sieht Mayer einen Teddybären vor sich, bei der 48 denkt er an eine Flasche, bei der 99 an eine Angel. Und bei der 214.899? "Da sehe ich einen Teddybär vor mir, der gerade eine Flasche angelt." Jede Zahl von null bis hundert lässt vor seinem inneren Auge ein anderes Symbol entstehen. "Beim Memorieren versuche ich außerdem, an etwas Auffälliges zu denken: Ich fasse den Teddybären in Gedanken an und stelle mir vor, wie weich er sich anfühlt."

Zahlenfolge unterm Bett, im Regal, auf dem Schreibtisch

Um sich eine Telefonnummer einzuprägen, reichen die hundert Symbole allemal aus. "So ganz im luftleeren Raum wird es aber ab zehn bis zwölf Zahlen schwierig", sagt Mayer. War es eine angelnde Maus - oder doch ein Teddybär? Deshalb arbeitet Mayer zusätzlich mit der so genannten Loci-Methode - er platziert seine Gedankenbilder an einer imaginären Wegstrecke.

"Ich gehe in Gedanken mein Zimmer ab, stelle mir vor, wie der Teddybär auf der Klinke meiner Zimmertür sitzt. Dann gehe ich weiter: zum Bett, dann zum Fernseher, zum Schreibtisch, zum Regal." An jeder Station wartet eine Zahlenfolge auf ihn. "Es ist immer derselbe Weg, den ich nehme." Mehrere hundert Stationen hat er sich ausgedacht und eingeprägt. Im Wettkampf muss er sie nur aus dem Gedächtnis abrufen.

"Dieser Weg ist in meinem Gedächtnis richtig festgebrannt", sagt Mayer. Kein Wunder, schließlich schreitet er ihn in Gedanken immer wieder ab, und das seit vier Jahren. Als er mit 16 Jahren anfing mit dem Gedächtnissport, suchte er eigentlich nur einen Ausgleich zum Fahrradfahren und zum Mittelstreckenlauf. Inzwischen gibt er sogar Seminare, bei den Gedächtnistrainern vom "Team Geisselhart".

Die Katalogbildchen mit den Telefonbuchnamen lässt er dabei jedoch zu Hause, ebenso Teddy, Angel und Flasche. Bei seinen Seminaren arbeiten die Teilnehmer nicht mit Mayers hundert Symbolen, sondern denken sich nur einprägsame Bilder für die Zahlen von null bis zehn aus. Ist für Anfänger ja auch einfacher zu merken.

Themen in diesem Artikel
  • Angelika Unger