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Hirnforschung: Therapie gegen das Verbrechen

Mit einer neuartigen Therapie wollen Neurowissenschaftler Gewalttäter behandeln, um Wiederholungstaten zu vermeiden. Unwillige Straftäter wollen sie mit einem besonderen Köder zur Zusammenarbeit locken.

Von Jens Lubbadeh

Der Kernspintomograf spannt sich über seinem Kopf, wie von Geisterhand werden Bilder aus dem Inneren seines Kopfes auf den Monitor projiziert. Sein eigenes Gehirn sieht Patient X da vor sich und er sieht ihm bei der Arbeit zu. Stetig misst der Apparat die Sauerstoff-Sättigung des Blutes, das, vom Herzen kommend, bis in die feinsten Kapillaren des Gehirns von Patient X strömt, um das lebensnotwendige Gas an die einzelnen Nervenzellen abzugeben. Nahezu in Echtzeit sieht Patient X wie auf dem Monitor Hirnbereiche aufblitzen, die gerade aktiver sind als andere.  

Die Amygdala ist die Alarmzentrale des Gehirns

Patient X ist kein gewöhnlicher Proband: er ist ein Soziopath, möglicherweise auch ein Sexualstraftäter, wahrscheinlich ist er sogar äußerst gewalttätig. Sein Sozialverhalten ist stark gestört, er hat ein Problem damit, sich in die Gefühlswelt anderer Menschen hineinzuversetzen - zu emotionaler Anteilnahme ist er nur eingeschränkt fähig. Neurowissenschaftler um Professor Niels Birbaumer vom Institut für medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie in Tübingen glauben, den Grund für diese Verhaltensstörung ausgemacht zu haben: ein Klumpen Nervenzellen, von der Größe eines Mandelkerns, der, nicht weit von der Schläfe, an der Innenseite der Großhirnrinde liegt. Amygdala wird diese Region von den Neuroanatomen genannt. Sie ist die emotionale Alarmzentrale unseres Gehirns.

Während der Kernspintomograf ununterbrochen seine Hirnaktivität misst, werden Patient X nun Bilder gezeigt. Fotografien, die keinen normal empfindenen Menschen kalt lassen: Kriegsopfer, abgetrennte Körperteile, Szenen aus Verbrechen, schreckliche Gewalttaten. Beim Betrachten dieser Bilder würde bei einem normalen Probanden auf dem Monitor der kleine Mandelkern in der Schläfenregion sofort Alarm schlagen. Schnell und unwillentlich geschieht dies, ohne dass man durch bewusste Entscheidungen etwas dagegen unternehmen könnte. Doch nicht so bei Patient X - bei ihm ist auf dem Monitor eine viel geringere Durchblutung der Amygdala zu sehen. Das haben Birbaumer und seine Mitarbeiter mit Hilfe der Kerspintomografie festgestellt.

Erst kommt die Angst, dann das Bewusstsein

Keine Information, die wir über unsere Sinneskanäle aufnehmen, kommt an der Amygdala vorbei - sie erhält Input von allen unseren Sinnen und steht ihrerseits mit vielen anderen Gehirnregionen in Verbindung. Begeben wir uns in eine gefährliche Situation, sehen wir ein furchterregendes Bild, nähert sich uns ein unheimlich aussehendes Gesicht, wird die Alarmzentrale Amygdala aktiv und wirft eine stammesgeschichtlich sehr alte Bahn in unserem hochentwickelten Gehirn an: Stresshormone werden ausgeschüttet, unsere Muskeln verkrampfen sich, der gesamte Körper wird auf Flucht vorbereitet. Die Amygdala vernüpft eingehende Sinnesinformationen mit Gefühlen und leitet sie dann weiter an andere Hirnregionen. Damit wir in Gefahrensituationen auch schnell reagieren können, geschieht dies zunächst unter völliger Umgehung des Bewusstseins. Erst kommt die Angst, und dann erst wird uns bewusst, was uns da Angst macht.

Weil Angst eines der elementarsten und überlebenswichtigsten Gefühle im Tierreich ist, erfüllt die Amygdala in den Gehirnen von Tieren exakt dieselbe Aufgabe. Sie ist Teil des limbischen Systems, einer sehr alten Hirnregion, wo man den Entstehungsort der Emotionen vermutet. Die Amygdala ist eminent wichtig, damit sich Hemmschwellen ausbilden können, die uns an gefährlichem Verhalten hindern. Was aber, wenn dieser Hemmmechanismus aus dem Gleichgewicht gerät?

Mittels Biofeedback stärkere Durchblutung der Amygdala trainieren

Wie Patient X beim Betrachten von aufwühlenden Bildern keinerlei Emotion verspürt, hat er in kritischen Augenblicken womöglich auch keinerlei Angst vor den strafrechtlichen Konsequenzen seines Tuns. "Diese Leute gehen sehr manipulativ vor, arbeiten nur auf ihre eigenen Ziele hin. Dabei haben sie noch nicht einmal einen Bezug zu ihrer eigenen Familie", sagt Dr. Ralf Veit, Psychologe im Team von Birbaumer, der die neuartige Therapie mit entwickelt. Die notwendige emotionale Bewertung der Amygdala ist bei Soziopathen unterentwickelt. "Sie haben eine andere Verarbeitung von Emotion, bewegen sich auf einer niedrigeren emotionalen Ebene als andere Menschen", so Veit. "Alles läuft bei ihnen rein auf der Vernunftebene". Drohende Strafen können diese Leute daher auch nicht beeindrucken, da die Hemmschwelle fehlt, die andere, gewöhnliche Verbrecher möglicherweise von ihrem Tun abhalten würde. Aufgrund ihrer unterentwickelten Gefühlswelt sind sie meist auch völlig unempfänglich für psychotherapeutische Verhaltenstherapien. Hier wollen Birbaumer und Veit mit ihrer neuen Therapie ansetzen. Nicht bestrafen wollen sie diese Personen mit dem neurologischen Defizit. Sie wollen die Ursache beheben. "Wir wollen Kriminelle dazu bringen, das Areal wieder zu durchbluten, und dadurch wieder Angst zu bekommen - allerdings nicht durch psychischen Druck, sondern durch Hirntraining", sagt Birbaumer. Dazu verfolgen die Versuchsteilnehmer ihre Hirnaktivität per Kernspintomograph auf einem Monitor und lernen durch Konzentrationsübungen, die Durchblutung des Mandelkerns zu beeinflussen. Nach der klassischen Methode der Konditionierung belohnen die Wissenschaftler einen Probanden, wenn er den Mandelkern erfolgreich in einer kritischen emotionalen Situation, in der er eigentlich Angst empfinden müsste, durchblutet.

Die Forscher hoffen, eine Hemmschwelle aufbauen zu können

Biofeedback heißt dieses Verfahren, mit dem Birbaumers Arbeitsgruppe bereits erfolgreich epileptische Patienten therapieren konnte, damit sie ihr zeitweise außer Kontrolle geratenes Gehirn in Schach halten können. Das Prinzip ist simpel: Wie man in einer Fahrschule lernt, ein Auto zu steuern, versucht man beim Biofeedback, die Aktivität seines Gehirns in eine bestimmte Richtung zu lenken. Die Windschutzscheibe ist dabei der Kernspintomograf, der den Blick ins eigene Gehirn ermöglicht.

Die Hypothese der Neurowissenschaftler klingt verlockend einfach: Lernen die Straftäter ihre zu geringe Amygdala-Durchblutung mit Hilfe der Biofeedback-Therapie in kritischen Situationen - also im Falle eines Soziopathen beispielsweise beim Anblick eines verletzten oder toten Menschen – auf ein normales Niveau zu bringen, müsste die emotionale Bewertungsfähigkeit wieder anspringen. Eine Hemmschwelle würde sich ausbilden oder wenigstens würden die Leute wieder empfänglich für andere psychotherapeutische Maßnahmen. Die Hoffnung der Forscher ist, auf diesem Wege Wiederholungstaten zu verhindern.

Zusammenarbeit nur für Bares

Doch die Schwierigkeiten beginnen schon darin, die Straftäter überhaupt zur Zusammenarbeit zu bewegen. Besteht für einen epileptischen Patienten die Belohnung ganz einfach darin, mit Hilfe des Biofeedbacks seine Krankheit in den Griff zu kriegen, sind bei Straftätern ganz andere Mittel notwendig, um sie überhaupt zur Zusammenarbeit zu motivieren. "Psychopathen kann man nur mit Geld locken", sagt Birbaumer. "Einfaches Lob können Sie vergessen", meint auch Veit. "Da funktioniert die operante Konditionierung nur mit Geld als Belohnung." Seine Anstrengungen, seine Amygdala-Durchblutungskurve vor dem Monitor in die Höhe zu treiben, zahlt sich für Patient X somit in klingender Münze aus. Mehr Durchblutung bedeutet: mehr Geld. Maximal 250 Euro haben die Forscher pro Sitzung veranschlagt. Und eine Therapie ist zunächst mit zehn Sitzungen vorgesehen. Bei wiederum zehn Probanden, mit denen Ralf Veit und seine Kollegen starten wollen, kommt da schnell eine Stange Geld zusammen. Zudem ist die Benutzung des Kernspintomografen teuer. Das Projekt wird jedoch von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert.

Wird Bestrafung irgendwann überflüssig?

Therapie statt Strafe? Medizin statt Moral? Tatsächlich könnte man die "Angsttherapie" der Tübinger als Paradigmenwechsel in der Behandlung von Straftätern verstehen. Könnte das womöglich eine Entwicklung einleiten, die in Zukunft alle Straftäter - vom Ladendieb bis zum Mörder - auf ein neurologisches Defizit herunterbricht und sie ihrer Schuldfähigkeit enthebt mit der Diagnose: "verminderte Durchblutung der Amygdala - nicht schuldfähig"? Veit bezweifelt das. "Dafür sind schon die individuellen Unterschiede in der Durchblutung zu groß, als dass man das so einfach standardisieren könnte". Birbaumer sieht die Arbeit im Labor als ersten Schritt. Haben die Straftäter erfolgreich gelernt die Hirnregion stärker zu durchbluten, werden sie weiterhin begleitet und in kritische Situationen gebracht. "Dann muss man sehen, ob sich das Verhalten tatsächlich ändert", meint Birbaumer. Er sieht das Ganze pragmatisch: "Es ist die Suche nach der effizientesten Methode im Rahmen eines demokratischen Systems um Wiederholungsstraftaten zu vermeiden - letztlich auch für den Steuerzahler." Und falls die Therapie nicht den erwünschten Erfolg bringen sollte? "Dann", so Birbaumer, "habe ich auch nichts gegen Bestrafung".

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