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Kochen für 4,40 Euro am Tag: Hähnchenschnitzel "Heuchler Art"

Kann man von gut vier Euro am Tag gesundes Essen kochen? Uwe Glinka und Kurt Meiter haben es bei Günther Jauch bewiesen. So hilfreich diese Aktion für einzelne auch sein mag, sie stammt trotzdem aus der sozialen Giftküche, meint stern-Redakteur Frank Ochmann.

Nehmen wir an, es ginge Ihnen finanziell dreckig. Hungern müssen Sie vielleicht nur deshalb nicht, weil sich täglich die Tür zu einer karitativen Suppenküche auftut, in der es etwas Warmes in die Schüssel gibt. Was halten Sie dann wohl von Mitmenschen, die Ihnen den Gang zur Armenspeisung dadurch erleichtern wollen, dass sie Ihnen dorthin einen lauschigen Weg mit hübscher Aussicht empfehlen? Sind solche Menschen einfach nur "praktisch" veranlagt, weil sie halt aus jeder Misere noch etwas Positives zu machen versuchen? Oder verdienen sie vielmehr als Antwort das, was Sie jetzt vielleicht gerade denken?

Uwe Glinka und Kurt Meier haben im Fernsehen gezeigt, wie es geht, auf Hartz-IV-Niveau so zu kochen, dass man satt wird und eine Studio-Ökotrophologin auch noch anerkennend nickt: Die Nährwerte stimmen, Obst und Gemüse sind reichlich, Süßes und Knabbereien fehlen. Ist es also nicht geradezu ein medizinischer Segen, dass für solche verführerischen und fett machenden Extras kein Geld mehr bleibt?

Im Interesse der Volksgesundheit?

Wir könnten sogar noch einen gesundheitsfördernden Schritt weiter gehen und unseren Hartz-IV-Empfängern drei bis dreizehn zusätzliche Lebensjahre schenken. Dazu müssten wir den monatlichen Regelsatz so weit herunterregeln, dass mehr als, sagen wir, 1600 Kilokalorien täglich (entspricht 6699 kJoule) ganz bestimmt nicht drin wären. Wie gesund solches Fasten ist, zeigt der Stand der Forschung nicht nur für Fadenwürmer, sondern auch für Menschen. Wären Regelsätze à la Friedrich Merz (132 Euro pro Monat) darum nicht geradezu moralisch geboten? Und sollte nicht entsprechend die Zahl der Hartz-IV-Empfänger im Interesse der Volksgesundheit noch deutlich erhöht werden?

Es ist besser, diesen Gedanken hier abzubrechen, sonst greift ihn am Ende noch ein Politiker auf. Inzwischen scheint nämlich keine Idee mehr zu abwegig zu sein, um nicht noch als interessanter Verbesserungsvorschlag für unser marodes Sozialwesen gelten zu können. Rezepte wie die von Uwe Glinka und Kurt Meier - für die Hartz-IV-Zweierbeziehung, wahlweise auch mit Kind - mögen schmackhaft sein und gesund. Trotzdem entstammen sie einer (sozialen) Giftküche. Und dieses Urteil richtet sich nicht gegen die beiden Autoren des Ernährungsplanes, die - selbst in der wirtschaftlichen Bredouille - auf die fernsehtaugliche Idee kamen oder gesetzt wurden. Wer will ihnen denn das Recht absprechen, sich zu "verbessern"? Was aber ist mit den Absichten derer, die einer solchen Idee die Bühne und ein Millionenpublikum bieten?

Wer nicht davon ausgeht, dass alle bei uns in Armut Geratenen faul, doof oder beides sind, braucht eine andere plausible Erklärung für den längst unübersehbaren Notstand in unserer Gesellschaft. Denn inzwischen kann in der Nähe städtischer Mülleimer der Eindruck entstehen, dass deutlich mehr Menschen nach leeren statt nach vollen Bierdosen greifen. Wie beruhigend ist es da, wenn wir selbst noch kein Pfandgut sammeln müssen und uns zudem gemeinschaftlich einreden können, dass es ja nun soooo schlimm auch noch nicht ist hierzulande. Sehen Sie mal, was man mit ein paar Kröten noch Leckeres zaubern kann - und dann denken Sie mal an den Kongo!

Die Gräben in der Gesellschaft vertieft

Das Schlimme an solchen populären Aktionen: Sie vertiefen die Gräben, die unsere Gesellschaft durchziehen und destabilisieren sie weiter. Denn Beifall gibt es natürlich von der satten (Noch-)Mehrheitsfraktion, der es schon länger auf die Nerven geht, mit ihren sauer verdienten Steuern und Sozialbeiträgen all die "Asis" durchziehen zu müssen. Und dem Herrn sei es gedankt, dass auf jedem U-Bahnhof noch mindestens ein ekliger Penner mit Bierfahne herumlungert, auf den man zeigen kann: "Da siehste es! Und für so was zahl' ich!"

Bin ich ein naiver Gutmensch? Der Robin Hood vom stern? Keine voreiligen Schlüsse: Ich bin genau so sehr auf mein eigenes Wohl bedacht, wie Sie, verehrte Leserinnen und Leser. Und genau darum wird es mir ziemlich mulmig im Magen, wenn zu Unterhaltungszwecken billige Sozialkosmetik auf Wunden gekleistert wird, die darunter nur um so schlimmer faulen und modern können. Wir hören täglich von hunderten Milliarden Euro oder Dollar Bürgschaften, Krediten und Finanzspritzen für Banken und Unternehmen, die im Vollrausch der Selbstüberschätzung ihrer Führungsriegen bis an oder gleich in den Abgrund gesteuert wurden. Und gleichzeitig lassen wir uns bei klarem Verstand einreden, dass es sich mit 4 Euro 40 am Tag doch ganz anständig futtern lässt? Was denken Sie: Wieviel Vertrauen und wieviel Zusammengehörigkeitsgefühl wird ein solch heiterer Fernsehabend wohl in unsere Gesellschaft gebracht haben?

Literatur:

Everitt, A. V. & LeCouteur, D. G. 2007: Life Extension by Calorie Restriction in Humans, Ann. N.Y. Acad. Sci. 1114: 428–433
Fehr, E. & Schmidt, K. 1999: A Theory of Fairness, Competition, and Cooperation, The Quaterly Journal of Economics (August), 817-868
Knack, S. & Zack, P. J. 2002: Building trust: public policy, interpersonal trust, and economic development, Supreme Court Econ. Rev. 10, 91–107
Lohre, M. 2008: Merz, die Ein-Mann-Opposition, TAZ v. 13.9., S. 5

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