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Kopfwelten zum Fall Lara-Mia: Ein Bluttest auf Elternliebe

Fälle wie der von Lara-Mia zeigen, wie Eltern Kinder vernachlässigen, sterben lassen. Da birgt ein Forschungsergebnis Zündstoff: Ein Hormon-Pegel könnte zeigen, wie viel Zuwendung Eltern geben.

Von Frank Ochmann

Ein Hormon verrät, wieviel Zeit ein Vater oder eine Mutter mit dem Kind verbringt

Ein Hormon verrät, wieviel Zeit ein Vater oder eine Mutter mit dem Kind verbringt

Hier greifen wir eines jener Themen auf, bei denen man sich womöglich schon nach einem Halbsatz zwischen alle Stühle gesetzt hat. Dass der Mensch und sein Verhalten doch nicht auf Biologie und Medizin reduziert werden können, werden die einen anzumerken haben. Die unzulässige Einmischung von Staat und Gesellschaft in die geschützte Sphäre der Familie befürchten ganz sicher andere. Und eine dritte Gruppe protestiert wahrscheinlich vehement gegen all das auf einmal. Aber das Thema ist zu wichtig, um es allein aus Vorsicht und falscher Rücksichtnahme zu meiden. Schließlich geht es um nicht weniger als das Leben von Kindern.

Sie heißen Lara-Mia oder Kevin, sie werden misshandelt und vernachlässigt, sie verwahrlosen, verkümmern seelisch, sterben gar in den schlimmsten Fällen unter Qualen. Und immer wieder scheint es kaum begreiflich, dass Menschen einem Kind so etwas antun können. Nicht nur irgendwelche Menschen, sondern die eigenen Eltern. Wie selbstverständlich erwarten wir, dass Mütter und Väter sich voller Liebe und Sorge ihren Kindern zuwenden. Wir erwarten, dass sie alles tun, um ihre Gesundheit zu garantieren, um ihre Entwicklung zu fördern und ihnen so das bestmögliche Leben zu bieten. Doch so ist das längst nicht immer.

Einige wenige, zumeist spektakuläre Fälle führen zu Schlagzeilen, wie der von Lara-Mia die im Alter von neun Monaten völlig abgemagert starb. Ihre Eltern wurden zu Bewährungsstrafen verurteilt, heute steht ihre Sozialarbeiterin vor Gericht. Doch sind es pro Jahr tausende von Kindern, denen bei uns nicht einmal das Nötigste an Zuwendung geschenkt wird. In über 3000 Fällen jährlich wird den Eltern für Kinder unter sechs Jahren das Sorgerecht entzogen, weil alles andere nicht mehr zu verantworten wäre. Man kann nur ahnen, wie hoch die Zahl jener Kleinen und Kleinsten ist, deren Elend nicht auffällt oder nicht beachtet wird. Schon deshalb muss jeder Vorschlag sorgfältig geprüft werden, durch den das Leid auch nur eines einzigen Kindes womöglich verhindert oder sein Leben gerettet werden könnte.

Das "Vertrauenshormon" Oxytocin

Wer sich ein wenig für Verhaltensbiologie interessiert, ist dem Namen vermutlich schon begegnet. Wen die Geheimnisse des Stillens oder des Orgasmus gelockt haben, sicher auch: Von Oxytocin ist die Rede, einem Botenstoff des Gehirns, der in den vergangenen Jahren nicht nur unter Forschern für Aufmerksamkeit gesorgt hat.

Oxytocin wirkt sowohl direkt im Gehirn, wo es im Hypothalamus produziert wird, als auch in der Peripherie unseres Körpers. So reguliert dieses Hormon zum Beispiel die Kontraktionen der Gebärmutter bei den Wehen und auch das Einschießen der Milch während der Stillphase. Besonderes Interesse hat aber in letzter Zeit eine andere Eigenschaft geweckt, die nicht auf das weibliche Geschlecht beschränkt ist: die Bedeutung des Oxytocins bei der Bildung zwischenmenschlicher Beziehungen. Manchmal wird es darum salopp "Vertrauenshormon" genannt. So beeinflusst zum Beispiel die Verabreichung von Oxytocin als Nasenspray das Verhalten von Versuchspersonen, die an einem wirtschaftlichen Verteilungsspiel teilnehmen: Sie werden vertrauensseliger. Aus einem Paarkonflikt lässt sich auf dieselbe Art und Weise die Schärfe herausnehmen, in anderen Fällen wird die Ängstlichkeit von Versuchspersonen vermindert oder ihr Einfühlungsvermögen verbessert.

Aber auch die umgekehrte Beziehung zwischen Hormon und Verhalten wurde inzwischen beobachtet: Da, wo das Vertrauen besonders groß ist, lässt sich im Blut der betreffenden Menschen - und anderer Säugetiere - ein entsprechend hoher Pegel des Hormons Oxytocin nachweisen, ohne dass Experimentatoren per Nasenspray oder sonstwie nachgeholfen hätten. Darum ist dieser Botenstoff auch ein Marker, eine chemische Substanz also, an deren Konzentration sich abschätzen lässt, wie es um die soziale Verfassung eines Menschen bestellt ist. Die einer Mutter zum Beispiel oder die eines Vaters.

160 Elternpaare untersucht

Vor einigen Jahren schon konnte die israelische Psychologin Ruth Feldman mit ihrem Team von der Bar-Ilan-University in Ramat-Gan nachweisen, dass sich über die Oxytocin-Konzentration im Blut von Müttern die Intensität der Bindung zu ihrem Baby abschätzen lässt. Jetzt veröffentlichte Forschungsresultate zeigen, dass der Pegel des Hormons auch etwas über das Verhalten der Väter aussagen kann und dass beide Werte sogar aneinander gekoppelt zu sein scheinen. Vater und Mutter ist man offenbar nie allein.

In den ersten sechs Monaten nach der Geburt ihres ersten Kindes wurden 160 Elternpaare von den Forschern besucht, wobei der Umgang mit ihrem Kind gefilmt und anschließend nach festen Kriterien ausgewertet wurde. Wie der Blickkontakt sich entwickelte zum Beispiel, wie sich die körperliche Nähe zwischen Eltern und Kind ausdrückte und wie Vater und Mutter mit ihrem Sprössling sprachen. Und dann gab es noch den Bluttest.

Interessanterweise zeigte sich dabei nicht nur die schon erwähnte Koppelung, sondern auch ein Geschlechter-Effekt: Bei den Müttern verriet das Oxytocin etwas über das emotionale Verhältnis zu ihrem Kind, die Wärme und Zuneigung, mit der sie mit ihm umging. Wie viel Zeit sie sich dafür nahmen, ließ sich am Hormonspiegel ablesen. Bei den Vätern hingegen korrespondierte die Konzentration des Botenstoffs mit der Zeit, die sie aufwendeten, um die Aufmerksamkeit ihres Kindes für sich zu gewinnen und seine Neugier anzuregen. Indem sie mit ihm zum Beispiel herumtollten oder ihm Spielzeuge anboten. Selbstverständlich war diese Aufteilung des elterlichen Verhaltens nicht ausschließlich. Väter wurden auch emotional mit ihren Kindern, und auch Mütter legten "stimulatorisches Verhalten" an den Tag.

Weitere Untersuchungen geplant

Wichtiger ist die grundsätzliche Beobachtung: Wie intensiv die Hinwendung und Fürsorge ist, die der Nachwuchs von seinen Eltern erfährt, ist offenbar auch beim Menschen an hormonelle Prozesse gekoppelt. Das gilt, auch wenn noch nicht geklärt ist, welche biochemischen Vorgänge genau diese Koppelung bewirken. Dass Oxytocin dabei eine herausragende Rolle spielt, ist schon jetzt unübersehbar. Ruth Feldman und ihr Team regen nun an, in einer nächsten Phase ähnliche Untersuchungen wie die jetzt vorgestellten mit Eltern vorzunehmen, die unter Erkrankungen leiden, die den Oxytocin-Haushalt beeinflussen. Schizophrenie zum Beispiel oder auch Depressionen.

Was also werden wir tun, wenn sich in der Folge bestätigt, dass der Oxytocin-Pegel im Blut der Eltern nach der Geburt des Kindes etwas darüber aussagt, wie liebevoll oder riskant das Zusammensein mit diesen Menschen für ein Kind in den kommenden Wochen und Monaten sein wird? Die Antwort auf diese Frage kann und darf nicht leicht fallen. Aber aus Verantwortung für die, die nach uns kommen, dürfen wir es nicht verweigern, uns mit solchen Fragen zu befassen, nur weil die vielleicht unserer gegenwärtigen Weltanschauung zuwiderlaufen. Das Wohl der Kinder muss den Vorrang haben. Und wir sollten uns sehr bald Gedanken machen, wie wir es am wirkungsvollsten sichern können.

Literatur:

  • Campbell, A. 2008: Attachment, aggression and affiliation: The role of oxytocin in female social behavior. Biological Psychology 77, 1–10
  • Campbell, A. 2010: Oxytocin and Human Social Behavior. Personality and Social Psychology Review 14, 281-295
  • Gordon, I. et al. 2010: Oxytocin and the Development of Parenting in Humans. Biological Psychiatry 68, 377–382
  • Gordon, I. et al. 2010: Prolactin, Oxytocin, and the development of paternal behavior across the first six months of fatherhood, Hormones and Behavior 58, 513-518
  • Ross, H. & Young, L. J. 2009: Oxytocin and the neural mechanisms regulating social cognition and affiliative behavior. Frontiers in Neuroendocrinology 30, 534–547
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