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TV-Auftritt von Monica Lierhaus: Zurück auf der Bühne

Nach einer schweren Gefäßoperation im Gehirn hat sich Sportmoderatorin Monica Lierhaus zum ersten Mal wieder auf einer Fernsehbühne gezeigt. Das war ergreifend. Oder doch vor allem voyeuristisch?

Ein Kommentar von Frank Ochmann

Es kann zu tiefen Einsichten führen, wenn nicht zu viele Gedanken verstellen, was im Inneren eines Menschen vor sich geht. Einen solchen Einblick gewährte jetzt die Überschrift der B.Z.: "Goldene Kamera: Monica Lierhaus zurück im Leben". Aber was war das dann davor? Was waren die Stunden, die Wochen, die Monate zuvor, in denen die prominente Fernsehfrau versuchte, die schweren Folgen einer OP zu überwinden? Anfang 2009 hatte dieser Kampf begonnen. Dass er noch lange nicht vorbei ist, konnten Millionen Zuschauer jetzt sehen.

Der Anstand verbietet, so denke ich, an dieser Stelle Spekulationen darüber auszubreiten, was Monica Lierhaus, ihre Familie und ihre Freunde dazu gebracht haben mag, diesem Auftritt zuzustimmen. Ebenso verbietet sich für meinen Geschmack, den Heiratsantrag zu kommentieren, den die mit einem Sonderpreis Geehrte vom Pult auf der Bühne aus ihrem langjährigen Lebensgefährten, dem Fernsehproduzenten Rolf Hellgardt, machte. Den beiden und ihren Angehörigen ist nur das Beste zu wünschen.

Ich fühlte mich wie ein Gaffer

Den Auftritt von Monica Lierhaus, ihre Dankesrede und den Hochzeitsantrag - das alles habe ich jedenfalls wie so viele gesehen, wenn auch erst einen Tag später. Und auch ich war gerührt wie die meisten. Doch viel lieber hätte ich diesen Auftritt nicht gesehen. Denn mir war danach so, als habe mich jemand mit einem "Pssst! Komm doch mal mit …" dazu verleitet, im Schutz der Nacht durch ein beschlagenes Fenster in ein fremdes Schlafzimmer zu blicken. Nicht wie ein Zuschauer kam ich mir vor, sondern wie ein Spanner oder Gaffer. Wie einer, der auf der Autobahn langsamer fährt, weil auf der Gegenseite gerade die Überlebenden eines Unfalls in einen Krankenwagen geschoben werden. Ich habe mich sogar geschämt - weil ich das nicht sehen wollte, aber dann doch nicht wegsehen konnte.

Und als die Kamera zum Publikum schwenkte, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, ich sei beim Zappen in ein Theaterstück geraten. Eines von Thomas Bernhard vielleicht, weil der doch dieser Tage 80 Jahre alt geworden wäre. Da ringt also auf der Bühne eine von Krankheit schwer getroffene Frau mit der Artikulation ihrer Dankesworte. Und unten erheben sich weinend und mild lächelnd all die gestylten Schausteller auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Weil man sich in solchen Augenblicken eben immer erhebt. Doch zumindest einige sind glaubwürdig erschüttert von dem, was sich gerade vor ihren Augen abspielt. Warum fühle ich mich bei etlichen Reaktionen auf dem Bildschirm an die erinnert, die beim Sturz von Samuel Koch bei "Wetten, dass ..?" zu sehen waren? Ist es denn wirklich Monica Lierhaus, die in diesem Augenblick "zurück im Leben" ist?

Wer wird als Nächster ins Bühnenlicht geschoben?

Ich habe mich schließlich noch gefragt, wer eigentlich wohl auf den Gedanken gekommen ist, diesen Ehrenpreis zu vergeben. Wer trank da womöglich vor Wochen oder gar schon Monaten gerade eine Tasse Kaffee oder ein Glas Wein und zog an seiner Zigarette oder spielte nervös mit dem Kuli, als sich im Kopf wie aus dem Nichts eine Idee formte? "Ja!", muss er, muss sie gedacht haben. "Das ist es, Emotion pur! Da kann keiner widerstehen. Darüber werden sie noch Tage schreiben!" Und so ist es.

Da es nun geschehen ist und sicher erst in ein, zwei Wochen vergessen sein wird, können wir gespannt warten, bis auch Samuel Koch auf irgendeiner Bühne ins goldene Licht geschoben wird, um dann seinen Ehrenpreis entgegenzunehmen. Wir wissen natürlich nicht, wann das sein wird, nicht wie und auch nicht wo. Nicht einmal ob das überhaupt geschehen wird. Ganz gewiss aber denkt schon irgendjemand insgeheim darüber nach. Spätestens nach diesem Abend mit Monica Lierhaus. "Der Thommy könnte die Laudatio halten. Oder Will, der jüngste Sohn des verstorbenen Christopher Reeve. Oder besser beide zusammen. Wegen der Sprache von dem Will. Wie alt ist der jetzt eigentlich? Ja, das wäre ein Coup!"

Sicher ist bislang aber nur, dass wir Zuschauer wieder ganz außerordentlich gerührt sein würden bei so viel "Emotion pur". Noch beim Champagner oder Bierchen danach würden uns die Tränen über die Wangen kullern. Und irgendwer würde am nächsten Tag titeln: "Zurück im Leben!"