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Krankheit: Immer mehr Frauen fügen sich Verletzungen zu

Sie verspüren den Drang, sich mit spitzen Gegenständen ins Fleisch zu schneiden. Selbstverletzendes Verhalten ist eine Krankheit, an der immer mehr Frauen leiden.

Immer mehr psychisch kranke Mädchen und Frauen fügen sich mit Messern, Klingen, Scheren und Scherben blutende Wunden an den Unterarmen zu. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie spricht von einer dramatischen Zunahme so genannten selbstverletzenden Verhaltens. Rund ein Viertel der Patientinnen, die wegen Essstörungen, Ängsten oder Depressionen in Behandlung sind, seien davon betroffen.

"Der Drang, sich selbst zu verletzen, hat nichts mit Masochismus zu tun, denn das Schmerzempfinden ist in diesen Momenten deutlich reduziert", erklärt der Vorsitzende der Fachgesellschaft, Franz Resch. Die jungen Frauen suchten mit dem Schnitt ins eigene Fleisch vielmehr Entlastung von extremem inneren Druck. Als Auslöser reichten oft Nichtigkeiten wie ein Streit mit Mitschülern oder eine Ermahnung vom Lehrer. Aus diesen Nichtigkeiten werden laut Resch persönliche Katastrophen.

Der Wunsch, sich selbst zu verletzen

"Wut, Verzweiflung und Angst mischen sich mit Hilf- und Hoffnungslosigkeit", sagt der Ärztliche Direktor der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg. Die Stimmung schlage um in Selbsthass und steigere sich zu dem starken Wunsch, sich selbst zu verletzen. In dieser Situation klinkten sich die Patientinnen häufig aus: Sie gerieten in hypnose- oder tranceähnliche Zustände - und fänden sich nach dem Aufwachen mit aufgeschlitzten Armen wieder.

Das Schneiden beruhige und baue Spannungen ab, erklärt Resch. Doch die Erleichterung sei nur von kurzer Dauer: "Schnell bauen sich Ekel, Scham und Schuld wieder auf." Ohne professionelle Hilfe finde kaum eine Betroffene aus diesem Teufelskreis heraus. Angehörige, Freunde oder Lehrer, die Wunden an den Unterarmen von Jugendlichen bemerkten, sollten unbedingt einen Jugendpsychiater ansprechen.

Ursachen noch unbekannt

Die Ursachen von selbstverletzendem Verhalten sind nach Angaben der Experten noch weitgehend unbekannt. Die Fachgesellschaft vermutet vor allem Störungen der Impulskontrolle und einen Mangel des Botenstoffs Serotonin, der für die Kommunikation von Nervenzellen im Hirn große Bedeutung hat. Traumatische Erlebnisse in Kindheit und Jugend können die Verhaltensstörung begünstigen. Als Risikofaktoren gelten vor allem sexuelle und körperliche Misshandlungen, Konflikte und Gewalt in der Familie, mangelnde Zuneigung, der Verlust eines Elternteils, chronische Krankheiten und mehrfache Operationen.

Voraussetzungen für eine erfolgreiche Therapie sind nach Angaben der Psychiater eine gute Arzt-Patienten-Beziehung und der Wille der Betroffenen, wirklich etwas zu ändern. Bei der Behandlung werden Verhaltenstherapien und tiefenpsychologische Ansätze zur Traumabewältigung mit medikamentösen Maßnahmen kombiniert. Die Therapie fordere meist viel Zeit und Geduld von allen Seiten, betonen die Experten. Die Patienten sammelten während der Therapie Wissen über ihre Krankheit und würden zu Experten in eigener Sache. Zugleich lernten sie in Rollenspielen und Gruppengesprächen, mit belastenden Situationen anders umzugehen - und vor allem auch "Nein" zu sagen.

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