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Leichenschau: Applaus für Gunter von Hagens

Der umstrittene Präparator Gunter von Hagens will in Guben tote Tiere und menschliche Leichenteile präparieren. Die Gubener sind begeistert und fragen bereits nach Jobs an.

Guben darbt seit Jahren. Mehr als jeder dritte der ehemals 36.000 Einwohner hat die Stadt an der deutsch-polnischen Grenze seit 1990 verlassen. Trotzdem liegt die Arbeitslosenquote bei 22 Prozent. Großbetriebe gibt es nicht mehr, seit vor Jahren die "Gubener Wolle" ihre Pforten schloss. Jetzt aber hat sich ein Investor gemeldet, der 200 Arbeitsplätze in der Brandenburger Provinz verspricht: Gunther von Hagens will tote Tiere und menschliche Leichenteile in der Stadt präparieren.

Das Vorhaben ist ähnlich umstritten wie seine Ausstellung "Körperwelten". Ablehnung kommt vor allem aus der Kirche und der regionalen Politik. Der Berlin-Brandenburger Bischof Wolfgang Huber etwa kritisierte von Hagens "inakzeptablen Umgang mit menschlichen Leichen", wie sie in den Ausstellungen zur Schau gestellt würden. Von einer Störung der Leichenruhe sprach der örtliche SPD-Bundestagsabgeordnete Steffen Reiche. Martina Münch, SPD-Abgeordnete im Brandenburger Landtag, erinnerte an die "nicht unbedingt geklärte" Herkunft der Leichname. Von Hagens war vorgeworfen worden, in seinem Werk in China auch Opfer der Todesstrafe verarbeitet zu haben. Der Präparator bestreitet eine wissentliche Verwendung.

Die Gubener Stadtspitze will von ethischen Bedenken nichts wissen

In Guben will von Hagens Präparate aus toten Tieren und aus menschlichen Leichenscheiben herstellen. Die Labore sollen in den leer stehenden Gründerzeithallen der "Gubener Wolle" mitten im Stadtzentrum eingerichtet werden. Auch das benachbarte alte Rathaus, aus dem die Verwaltung Mitte des Jahres auszieht, will von Hagens übernehmen und dort ein "Körperspenderzentrum" einrichten.

In einem Vorort des benachbarten Gubin auf polnischer Seite war von Hagens mit ähnlichen Plänen zuvor gescheitert. Dort war den mehrheitlich katholischen Bürgern das Hantieren mit toten Menschen nicht geheuer. Die Gubener Stadtspitze dagegen will von ethischen Bedenken nichts wissen. "Man sollte das trennen vom Thema Moral und Ethik", erklärte Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner. Lieber sprach der FDP-Mann von einem Schub für die Wirtschaftsstruktur der Grenzstadt.

Von Hagens verteidigt seine Arbeit stets als Dienst für die Wissenschaft

Hübner schwärmte von Touristenströmen, die von Hagens mit einer kleinen Dauerausstellung in die Stadt locken könne, und sah in dessen Aktivitäten einen positiven Faktor für das Image. Kritiker allerdings befürchten, dies könne nach hinten losgehen. Die einstige Wilhelm-Pieck-Stadt Guben (damals benannt nach dem dort geborenen ersten DDR-Präsidenten) könne auch als Leichenstadt Guben in die Geschichte eingehen, warnte Parlamentarierin Münch.

Von Hagens selbst verteidigt seine Arbeit stets als Dienst für die Wissenschaft. Zu einer bizarren Show allerdings geriet eine von ihm inszenierte öffentliche Anhörung, zu der am Montagabend die Stadtverordnetenversammlung geladen hatte. Flankiert von einem präparierten Affen pries "Dr. Tod", wie ihn "Der Spiegel" nannte, erneut seine Plastinationsmethode als Durchbruch in der modernen Anatomiewissenschaft. "Ich sehe mich als Aufklärer", rief er ins Mikrofon und hielt eine Leichenscheibe ins Scheinwerferlicht.

"Erst kommt eben das Fressen und dann die Moral"

Durch seine Plastinierung werde ein Leichnam von einem Objekt der Trauer zu einem Objekt der Aufklärung, dozierte von Hagens. Im Übrigen gebe es doch auch jetzt schon Leichen in Guben: "Auf dem Friedhof, aber da sind sie nutzlos." Fast alle der etwa 800 Zuhörer in der überfüllten Sporthalle bejubelten solche Aussagen. Einige fragten direkt, ob sie sich schon jetzt bewerben könnten und welche Fähigkeiten sie mitbringen müssten. "Die Mehrheit der Mitarbeiter braucht keine spezielle Ausbildung", entgegnete von Hagens. Andere Gäste erkundigten sich, auf welche Weise sie sich dem Präparator nach ihrem Tod zur Verfügung stellen könnten. Dafür hatte von Hagens vorgesorgt: Anträge auf eine so genannte Körperspende lagen ebenso wie kostenlose "Körperwelten"-Kataloge am Saaleingang aus.

Am Ende hatte der umstrittene Mediziner die Zuhörer auf seiner Seite. Etwa 80 Prozent der Anwesenden hoben mit begeistertem Gesichtsausdruck den Arm, als er fragte, ob er nach Guben kommen solle. Er werde mindestens 3,5 Millionen Euro in die alten Fabrikgebäude investieren und innerhalb von fünf Jahren 200 Arbeitsplätze schaffen, versprach er. Öffentliche Förderung wolle er nicht. Auf die Frage, weshalb er ausgerechnet nach Guben kommen wolle, hatte von Hagens geantwortet: "Weil hier 1854 der wasserdichte Wollhut erfunden wurde." Kritiker vermuten jedoch, dass Ansiedlungspläne des bekennenden Hutträgers im wohlhabenderen Westdeutschland weitaus schwerer durchzusetzen wären. "Hier aber - und das ist das traurige - wird er mit offenen Armen empfangen", sagte Zuhörer Andreas Gast nach der Anhörung. "Erst kommt eben das Fressen und dann die Moral."

Sven Kästner/AP