Mathematiker Günter Ziegler Der Zauber der Geometrie


Am 3. Juli erhielt Günter Ziegler den mit 50.000 Euro dotierten Communicator-Preis. Man könnte den 44-jährigen Professor als Mathematik-Genie bezeichnen. Die Klischees, die sich gerne zu solch einem Begriff gesellen, passen allerdings gar nicht zu dem gebürtigen Münchner.
Von Mareike Gries, Leipzig

Mit seinen nach oben gegelten und gesträhnten Haaren, einem strahlenden Lachen und dem weißen Hemd, bei dem fast ein Knopf zu viel offen ist, sieht er auf den ersten Blick aus wie ein Turniertänzer. Als Mitorganisator des Jahrs der Mathematik hat Günter Ziegler viele Gelegenheiten, außerdem seine Entertainerqualitäten unter Beweis zu stellen.

Gerade hat er ein von ihm entwickeltes Mathequiz für Teenager in Leipzig moderiert. Rund 100 Jugendliche haben sich dafür im Kellertheater der Leipziger Oper eingefunden und folgen dem Quiz wie einer spannenden Fernsehshow. "Ein Gebäude hat eine rechteckige Grundfläche, es ist 60 Meter lang und 40 Meter breit. Auf der maßstabsgetreuen Bauzeichnung beträgt der Umfang 100 Zentimeter. Wie groß ist dann der Maßstab?" Wenn Mathelehrer die Schüler mit solchen Aufgaben malträtieren, ernten sie höchstens Schulterzucken und verzweifelte Blicke. Auf die Fragen von Günter Ziegler stecken die Teenager aber ihre Köpfe zusammen und diskutieren angeregt. Und sie kommen zum richtigen Ergebnis: 1 zu 200.

Der optimale Fußball

"Ich halte gar nichts von diesem Gerede, dass man den Kindern sagt, Mathe ist doch ganz einfach", sagt Ziegler. "Das hat immer diesen Unterton von: Natürlich musst Du das kapieren, sonst bist Du halt doof." Mathematik sei ein schwieriges Fach und gerade deshalb eine Disziplin, die polarisiert. Daher gebe es auch keine Patentlösung, um Schülern und Mathematikphobikern die Angst vor den Zahlen zu nehmen. "Mir ist in erster Linie wichtig, dass es in der Mathematik viel zu entdecken gibt und dass wir die ganze Vielfalt der Mathematik herzeigen".

Während die einen von Wettbewerbsaufgaben gefesselt seien, fänden andere über geometrische Formen in der Kunst oder über neue Hightech-Entwicklungen einen Zugang zur Mathematik. Günter Ziegler findet sogar im Sport Anknüpfungspunkte zu seiner Lieblingsdisziplin - der Geometrie: "Ein Fußball ist ein abgestumpfter Ikosaeder, das heißt, er besteht aus zwölf Fünfecken und 20 Sechsecken. Daraus ergeben sich sehr interessante geometrische Probleme, weil ein Fußball eben nicht rund ist."

Wenn Günter Ziegler über Bälle, Würfel und Pyramiden spricht, tut er das mit eben dieser Begeisterung, mit der Meeresbiologen über seltene Quallen und Sterneköche über Süßspeisenvariationen reden. "Ich bin Geometer", erklärt er und sieht sich damit auch als Teil einer alten Forschungsgeschichte. "Den Ikosaeder haben zum Beispiel die alten Griechen entdeckt und konstruiert und waren super-stolz darauf." Allerdings seien über die Jahrtausende nur sehr wenige Weiterentwicklungen passiert. "Interessante Beispiele etwa für unsymmetrische Polyeder mit ganz verrückten Eigenschaften zu konstruieren, zu analysieren oder auch zu zeigen, dass es die gar nicht gibt - das macht für mich den Zauber der Geometrie aus." So hat Günter M. Ziegler es etwa geschafft, eine mehr als 20 Jahre alte Theorie über Polyeder - Körper, die nur von geraden Flächen begrenzt werden - seines israelischen Kollegen Gil Kalai zu widerlegen.

Bei diesen spezialisierten Untersuchungen geht es dem Mathematiker jedoch nicht um das Forschen als Selbstzweck. "Mathematik steckt heute in der Hightech, Mathematik ist aber auch ein Teil unserer Kultur und in beiden Gebieten kann man die Menschheit immer noch bereichern." So ist Günter Ziegler selbst beispielsweise immer wieder begeistert, wenn er der Stimme eines Navigationsgerätes lauscht, weil er weiß, welche mathematischen Erkenntnisse nötig waren, um solch ein Gerät zu entwickeln.

"Ich habe viele Leben"

Bei all der offenkundigen Begeisterung für Zahlen und Formeln ist die Mathematik längst nicht das einzige Interesse, dem Ziegler mit großer Begeisterung und Ansteckungskraft nachgeht. "Ich kann schon sagen, die Mathematik ist mein Leben. Aber ich habe auch noch viele andere Leben". So schreibt er etwa in einem Fachmagazin eine Kolumne, mit dem vor Understatement strotzenden Titel "In Mathe war ich immer schlecht". Mit seinem Ehemann, einem Arzt, diskutiert er außerdem heiß über medizinische Probleme - und natürlich über den Einfluss der Mathematik auf Untersuchungsmethoden. Ziegler kann sich aber genauso für bildende Kunst und für Literatur begeistern. Deshalb hat er auch - nachdem er bereits bei 'Jugend forscht' und beim Bundeswettbewerb Mathematik schon als Jugendlicher die Gewinnerpose üben konnte - 1993 den Preis der schwulen Buchläden verliehen bekommen. "Ich hatte eine Kurzgeschichte eingereicht und prompt gewonnen. Ursprünglich sollte es der Beginn eines Romans werden. Den habe ich natürlich nie geschrieben". Zumindest noch nicht, denn der Buchtitel und das erste Kapitel schlummern bis heute in Zieglers Schublade.

Für Transparenz

Statt eines weiteren Literaturpreises bekam der Mathematikprofessor, der an der Technischen Universität Berlin lehrt, am 3. Juli den Communicator-Preis, mit dem sein Einsatz für Transparenz in der Wissenschaft und deren Vermittlung in der Öffentlichkeit honoriert wird. "Ich habe kürzlich gesagt, dass ich langsam das Gefühl habe, dass ich niemandem mehr etwas beweisen muss. Hinterher ging mir auf, dass das ein ziemlich lustiges Statement ist von einem Mathematiker, der natürlich primär beweisen will." Die Frage sei aber nicht mehr, "wo kann ich noch einen Preis gewinnen, das reicht irgendwann auch mal", sondern, wo es weitere interessante Betätigungsfelder für den Mathematiker gibt. Dass er die findet, steht jedoch außer Frage - schließlich ist der Kosmos der Mathematik unendlich.


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