Naturmedizin "Wer todkrank ist, probiert alles aus"


Von Johanniskraut bis AFA-Algen: Mehr als eine Milliarde Euro geben die Deutschen jährlich für pflanzliche Heilmittel aus. Im stern.de-Interview spricht Dr. Ulrich Paschen über die fragwürdige Wirkung mancher Präparate und fordert strengere Maßstäbe bei Qualitätskontrolle und Zulassung.

Herr Paschen, Zimtkapseln sollen gegen Diabetes helfen, AFA-Algen Alzheimer bekämpfen. Überall werden solche Naturheilmittel angepriesen, vor allem im Internet. Wissenschaftlich belegt ist aber nur wenig von den angeblichen Wirkungen. Stören solche Versprechen eigentlich niemanden?

Ich wundere mich schon seit langem, dass keiner dagegen vorgeht. Bei anderen Produkten gibt es schließlich auch Abmahnungen: Wenn ein Hersteller defekte Elektrogeräte in Serie baut, muss er sie zurücknehmen. Pharmafirmen gucken sich die Arzneimittel ihrer Mitbewerber genau an und schicken eine Unterlassungsverfügung, wenn ein Konkurrenzprodukt nicht hält, was es verspricht.

Aber die meisten Gründe, sich über wirkungslose Mittelchen zu beschweren, hätten doch die Verbraucher...

Manche tun das ja auch, wenn sie feststellen, dass sie ein Präparat gekauft haben, dass nicht wirkt. Aber viele Leute neigen dazu, erst einmal an etwas zu glauben, obwohl sie gar keine wahrnehmbare Veränderung an sich feststellen. Dass kann man Placeboeffekt nennen oder Suggestion.

Subjektiv geht es den Leuten dabei ja anscheinend besser.

Das mag sein und dagegen ist auch nichts zu sagen. Nur wäre es diesen Verbrauchern auch mit irgendeinem anderen Scheinpräparat besser gegangen. Kein Produkt kann den Placeboeffekt exklusiv für sich in Anspruch nehmen.

Warum sind Naturheilmittel derart beliebt, obwohl es vergleichsweise wenig gute Studien zur Wirksamkeit gibt?

Die Leute möchten heute in einer unübersichtlichen Welt einfache Aussagen hören, an die sie sich halten können. Und die möchten sie sympathisch präsentiert bekommen. Das erklärt zum Beispiel den langjährigen Erfolg eines "Gesundheitsexperten" Hademar Bankhofer. Da spricht einer mit Lebenserfahrung und einem Professorentitel nett und auf Augenhöhe mit den Zuschauern. Der eiert nicht rum mit Sätzen wie: Es könnte sein, dass Ihnen dieses Mittel hilft. Sondern sagt: Das hat schon der Oma geholfen. Probieren Sie es aus. So etwas kommt gut rüber.

Erst Recht, wenn auf bahnbrechende Studien aus den USA verwiesen wird.

Es gibt eine Tendenz, pflanzliche und andere "alternative" Mittel mit einer medizinischen Aura zu übergießen - einer Art wissenschaftlichem Weihrauch. Die zitierten "Studien" entpuppen sich dann oft als Versuche an Zellkulturen oder Mäusen. Das allein sagt aber noch nichts über eine Wirksamkeit beim Menschen aus. Die kann man nur testen, indem man einer Gruppe von Probanden ein Mittel verabreicht und einer anderen nicht und danach beide Gruppen vergleicht. Am besten hat man am Ende mehrere solcher Studien, die die Wirksamkeit bestätigen. Solche Daten existieren für die meisten Naturheilmittel nicht, weil Studien an Menschen immens teuer sind. Also nimmt man Zellkulturen und lässt einen netten Wanderprediger darüber fabulieren.

Ist die Schulmedizin nicht auch ein wenig selbst Schuld, wenn die Leute sich etwas aussuchen, was sie eher anspricht und was sie verstehen?

Die Medizin von heute kommt oft belehrend und als komplizierte Geheimwissenschaft daher. Manchen Naturwissenschaftlern ist es egal, ob sie von Laien verstanden werden oder nicht. Kein Wunder, dass Verbraucher Zuflucht zu einfacheren Theorien nehmen. Verfahren wie Homöopathie oder Phytomedizin kann man im Grundsatz auch ohne Biostudium verstehen. Und man lebt in dem guten Gefühl: Ich weiß selbst, was gut für mich ist. Ich kann mich und meine Kinder selbständig therapieren. Ich muss mich nicht als Patient dem Fachwissen eines Arztes ausliefern.

Finden Sie das problematisch?

Schwierig wird es dann, wenn ein Präparat teuer und keinerlei Wirkung belegt ist. Dann erleiden die Leute einen Schaden, denn sie tauschen Geld ein gegen etwas, das nicht den erhofften Gesundheitseffekt hat. Regelrecht unethisch und im übrigen illegal sind Aussagen, dass wirkungslose Mittelchen Schutz vor Krebs oder gar Heilungschancen bieten. Wer ängstlich oder todkrank ist, probiert alles aus, was ihm eventuell helfen könnte. Und schmeißt sein Geld dann für etwas Unnützes aus dem Fenster. Vor solchen Versprechen müssen Verbraucher und Patienten geschützt werden.

Wie soll das funktionieren?

Wir haben ja heute nicht ohne Grund ein Arzneimittelgesetz. Der Staat wollte damit verhindern, dass der einfache Bürger, der sich nicht über jedes Medikament umfassend informieren kann, von Herstellern an der Nase herumgeführt wird. Wer ein Medikament auf den Markt bringen will, muss den Behörden gegenüber nachweisen, dass sein Produkt wirksam, unbedenklich und von konstanter Qualität ist. Nur dann wird es zugelassen. So strenge Regeln müsste es bei Lebensmitteln oder Nahrungsergänzungen auch geben, wenn ein Gesundheitsnutzen behauptet wird.

Immerhin will die EU künftig mit der "Health Claims Verordnung" strenger kontrollieren, welche Gesundheitsversprechen auf Lebensmitteln zulässig sind...

Ein guter erster Ansatz, um wilde Behauptungen auf Packungen zumindest etwas einzudämmen. Wenn ich eine konkrete Aussage auf einen Joghurt schreiben will - "Calcium stärkt die Knochen" oder ähnliches - muss ich das in Zukunft durch Studien an Menschen belegen können.

Kann man als Laie unseriöse Gesundheitsbehauptungen erkennen?

Wenn ein angeblicher Experte apodiktisch von "wahren Wundermitteln" spricht, klingeln bei mir die Alarmglocken. Auch wenn jemand die "guten Erfahrungen" mit einem Mittel betont oder dass es sich dabei um etwas "Altbewährtes" handele, sagt das noch gar nichts. Letztlich darf natürlich jeder glauben, was er will. Aber es schadet bestimmt nicht, sich über teure Kräuterpillen ähnlich kritisch zu informieren wie über ein neues Handy oder eine Waschmaschine. Da vergleicht man ja auch erst mal die Testberichte.

Interview: Nicole Heißmann


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