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Psychologie: Asiaten können Mimik schwerer deuten

Die wahren Gefühle eines anderen sind an seinen Augen abzulesen? Nicht unbedingt. Für Menschen aus dem Westen ist der Mund offenbar genauso wichtig - und eben das scheint Chinesen und Japanern Probleme zu bereiten.

Der Blick in die Augen allein verrät nicht unbedingt, was im anderen vorgeht

Der Blick in die Augen allein verrät nicht unbedingt, was im anderen vorgeht

Die nonverbale Kommunikation ist nicht ohne Fallstricke: Wie gut kann man tatsächlich im Gesicht seines Gegenübers lesen? Offenbar ist das eine Frage der Kulturzugehörigkeit. Denn wenn Asiaten auf Europäer oder Amerikaner treffen, sind Missverständnisse nicht selten.

Die Gesichter von Asiaten erscheinen Europäern und Amerikanern oft merkwürdig starr und emotionslos. Forscher der Universität Glasgow in Schottland haben nun herausgefunden, warum: Menschen aus asiatischen Ländern konzentrieren sich ausschließlich auf die Augen, wenn sie aus dem Mienenspiel eines anderen Rückschlüsse auf dessen innere Verfassung ziehen wollen. Die Mimik des übrigen Gesichts sei für sie ohne Bedeutung. Für Menschen aus westlichen Ländern hingegen sei die Mundregion mindestens ebenso wichtig, um die Emotionen anderer Leute einzuschätzen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher um Rachael Jack im Fachjournal "Current Biology".

Ärger, Angst, Ekel, Überraschung, Freude und Trauer - diese sechs Emotionen gibt es unabhängig von der Kultur überall auf der Welt. Da es für das menschliche Miteinander sehr hilfreich ist, anderen diese Gefühle zu vermitteln und sie auch beim Gegenüber zu erkennen, galt auch die Mimik, mit der sie ausgedrückt werden, als universell: Ein freudiger Gesichtsausdruck, so dachte man, werde von Angehörigen jeder Kultur sofort erkannt. In letzter Zeit häufen sich allerdings die Hinweise, dass dies wohl doch nicht so selbstverständlich ist: Speziell zwischen Angehörigen der westlichen Länder und Asiaten gibt es immer wieder Missverständnisse beim Interpretieren von Emotionen, vor allem bei den negativen wie Angst, Ärger und Ekel.

Kulturelle Unterschiede beim "Dekodieren"

Dahinter steckt offenbar eine kulturspezifische Eigenheit der Asiaten beim Dekodieren von Gesichtsausdrücken. Sie liefert ihnen für bestimmte Emotionen mehrdeutige Ergebnisse, hat die neue Studie ergeben. Die Forscher hatten dazu 13 Europäern und 13 Asiaten - Chinesen und Japanern - standardisierte Bilder von Gesichtern mit unterschiedlichen Ausdrücken gezeigt: den sechs Basisemotionen und einer neutralen Miene.

Den Europäern fiel es leicht, die Gefühle korrekt zuzuordnen. Die Asiaten hingegen hatten Schwierigkeiten, vor allem mit den Ausdrücken für Angst und Ekel. Den Grund hierfür entdeckten die Forscher, als sie die Augenbewegungen der Probanden aufzeichneten: Die Europäer ließen ihren Blick gleichmäßig über das gesamte Gesicht schweifen. Die Asiaten hingegen fixierten fast ausschließlich die Augenpartie. Die Gefühlslage von Menschen aus westlichen Ländern, die zwar den Mund verziehen, deren Augenregion aber ausdruckslos bleibe, sei für Asiaten schwer zu deuten.

Berücksichtigt man jedoch nur die Augen, ähneln sich die Ausdrücke für Angst und Überraschung sowie Ekel und Ärger sehr stark, zeigte eine weitere Analyse. Die Informationen, welche die Asiaten erhalten, sind demnach nicht eindeutig, und sie erkennen Angst und Ekel so schlecht, weil sie sie mit Überraschung und Ärger verwechseln, so das Fazit der Forscher. Die Fixierung auf die Augen spiegelt sich übrigens auch in den in Asien gebräuchlichen Emoticons wider, kurzen Zeichenfolgen, die eine Stimmung ausdrücken sollen, wie sie in SMS und E-Mails eingesetzt werden: Bei den Europäern vermitteln die Zeichen :-) und :-o Freude und Überraschung, bei den Asiaten stehen ^.^ und O.O für diese Emotionen. Ein heruntergezogener Mundwinkel wie in :-( steht im Westen für traurig. Dasselbe Gefühl würden Asiaten mit der Zeichenfolge ;_; ausdrücken.

DDP/DPA / DPA
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