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US-Flugsicherheit: Sorgenfalten müssen draußen bleiben

Passagiere mit Flugangst, Sorgenfalten und hängenden Mundwinkeln könnten bald ins Visier der US-Flugsicherheit geraten. Grund: die neue "psychologische Gesichtskontrolle" soll Terroristen an der Mimik erkennen.

Wer in den USA fliegen will, braucht gewöhnlich viel Zeit für Sicherheitskontrollen und jetzt auch noch gute Nerven. Zornesfalten oder vor Ärger zusammengepresste Lippen, aber auch nervöses Reiben am Kinn oder Anflüge von Angst sollte man als Passagier möglichst unterdrücken. Denn auf zwölf großen US-Flughäfen unterziehen Mitarbeiter der Transportsicherheitsbehörde (TSA) derzeit Fluggäste einer "psychologischen Gesichtskontrolle".

Die Beamten sollen aus einer anonymen Masse von gestressten oder gelassenen Reisenden jene herausfiltern, die Böses im Schilde führen oder etwas zu verbergen haben - wie vor allem Terroristen. Das Programm ist umstritten. Kritiker wie die Bürgerrechtsunion ACLU befürchten, dass Fluggäste allein wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Rasse oder Religionsgemeinschaft wie dem Islam ins Fadenkreuz der Sicherheitskräfte geraten könnten.

Auch Raucher sehen sich wegen plötzlicher Entzugserscheinungen im Visier von Terrorfahndern. "Ich gebe zu, dass ich nach vier bis fünf Stunden mit grobem Flugpersonal, stinkenden Flugzeugen und ohne Zigaretten etwas verrückt bin", schreibt Frank Bradford in einem Diskussionsforum der Tageszeitung "USA Today". Leser Bob schlägt vor, künftig zwei Schlangen vor den Sicherheitskontrollen einzuführen: Eine für ungeduldige Passagiere, die in 15 Minuten abgefertigt würden und dafür einen "unsichere Flug" riskierten, und eine für "sichere Flüge" mit stundenlangen Sicherheitskontrollen.

Mit Mimik und Gestik im Kapf gegen den Terror

Die Transportsicherheitsbehörde versucht, die aufgebrachten Gemüter zu beruhigen. Sie argumentiert, dass an Hand des Gesichtsausdrucks und der Körpersprache der Unterschied zwischen Kriminellen sowie jenen Reisenden auszumachen ist, die unter Flugangst leiden oder auf lange Warteschlangen wütend und gestresst reagieren. Wer beispielsweise in Boston, Houston oder Washington Aufmerksamkeit erregt, wird zuerst von den Beamten in ein harmloses Gespräch verwickelt. Die Sicherheitskräfte studieren dabei das weitere Verhalten und entscheiden dann, ob die auffällige Person einer "Tiefeninspektion" unterzogen wird.

Die Tageszeitung "New York Times" veröffentlichte Fotos mit sechs verschiedenen Gesichtsausdrücken einer jungen Frau, die jeweils für eine Gefühlslage stehen. Danach symbolisieren hoch gezogene Augenlider Angst. Ein vorgeschobenes Kinn oder zusammengepresste Lippen deuten auf Zorn hin. Heruntergezogene Mundwinkel drücken Traurigkeit aus.

Knapp fünf Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und wenige Wochen nach den angeblich geplanten Anschlägen auf Passagierflugzeuge in London wollen die USA ihre Sicherheitskontrollen auf Flughäfen weiter verstärken. Mutmaßliche Terroristen sind den Gesichtsfahndern nach US-Medienangaben zwar bislang nicht ins Netz gegangen, dafür aber Personen mit gefälschten Personaldokumenten oder fehlender Aufenthaltsgenehmigung.

Heimatschutz auch beim "kleinen Bruder" Israel

Bei der israelischen Fluggesellschaft El Al sind psychologische Kontrollen längst gang und gäbe. Nur musste diese 2005 gerade mal gut 3,5 Millionen Fluggäste pro Jahr kontrollieren. Die US-Behörden stehen vor einer unvergleichbar größeren Aufgabe. Laut Transportstatistik wickelten die Fluggesellschaften in den USA im vergangenen Jahr elf Millionen Flüge ab. Rund 746 Millionen Passagiere flogen quer durch die Vereinigten Staaten oder ins Ausland.

Der Vorsitzende des Ausschusses für Heimatschutz im US- Abgeordnetenhaus, Pete King, räumt ein, dass es trotz der neuen Maßnahmen keine hundertprozentige Sicherheit bei Flügen gebe. Derzeit würden beispielsweise erst zehn bis 15 Prozent der Luftfracht in Passagierflugzeugen inspiziert, sagte King dem US-Fernsehsender Fox News. Eine weitere Gefahr drohe durch Angriffe mit Mörsergranaten oder Raketen. Die Ausstattung von 6 800 Flugzeugen in den USA mit einer Art Schutzschild gegen Raketen sei derzeit nicht möglich, werde aber geprüft.

Hans Dahne/DPA / DPA