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Flugangst: "Und wenn ein Triebwerk ausfällt?"

Etwa jeder fünfte Passagier leidet unter Flugangst, fürchtet den Ausfall der Elektronik oder eine Notlandung auf dem Wasser. Die erste deutsche Flugangst-Ambulanz in Düsseldorf leistet erste Hilfe - auch kurz vor dem Abflug.

Von Tina Gallach

Fliegen ist weltweit die sicherste Fortbewegungsmethode

Fliegen ist weltweit die sicherste Fortbewegungsmethode

Die Muskeln sind angespannt, die Atmung schnell und flach. Der Puls steigt, die Hände werden feucht, der Körper ist auf Flucht eingestellt. Aber es gibt kein Entkommen. Die Gangway erscheint endlos und doch zu kurz, denn am Ende wartet das Flugzeug - eine Konstruktion aus Metall, Kunststoff und Elektronik, die ihre Passagiere in etwa 10.000 Metern Höhe von A nach B bringt.

Etwa jeder dritte Passagier steigt mit einem mulmigen Gefühl ins Flugzeug, bei jedem Fünften etwa sind die Symptome heftiger. Die Gründe: Angst vorm Absturz, das Gefühl eingesperrt oder ausgeliefert zu sein. Die Erklärung: "Wir sind Gewohnheitstiere", sagt Marc-Roman Trautmann, Leiter der ersten Flugangst-Ambulanz des Deutschen Flugangst-Zentrums in Mainz. Wir haben gerne festen Boden unter den Füßen, das Steuer selbst in der Hand und eine genaue Vorstellung von dem, was uns erwartet. "In der Luft müssen wir uns davon verabschieden und uns auf neue Impulse einlassen. Wir müssen uns auf den Flugkapitän und auf die Technik einlassen." Am Anfang dieses Weges in neues Terrain steht die Gewissheit, dass Fliegen weltweit die sicherste Fortbewegungsmethode ist. Und Flugangst im eigentlichen Sinne, "die gibt es gar nicht", sagt der Diplom-Psychologe mit Schwerpunkt Krisen- und Stressmanagement im Bereich Verkehrsluftfahrt. "Im Grunde ist das verlagerter Stress, den wir aus dem Alltag mitnehmen und dann natürlich auf das Fliegen, das Unbekannte, projizieren."

Last-Minute-Hilfe kurz vor dem Abflug

Diesen Stress will das Team des Flugangst-Zentrums minimieren. Den Mitarbeitern ist es wichtig, dass die Passagiere möglichst viel über die technischen und physikalischen Abläufe während eines Fluges erfahren. Deswegen gibt es bei ihnen zum Beispiel Informationen über Turbulenzen und Luftlöcher - "letztere gibt es übrigens nicht. Luft ist überall, sie ist nur manchmal wellenförmig, wie ein ungleichmäßig liegender Teppich, was zu Holpereien führt". Oder über Geräusche. Über den Bewegungsradius der Flügel und über die Zusammensetzung der Crew: "Die Besatzung wird vor jedem Flug neu zusammengestellt, damit nicht etwa die Konzentration einer all zu freundschaftlichen Atmosphäre weicht", sagt Trautmann.

Trautmann weiß, wovon er redet. Am Ende seines Studiums ist er etwa zwei Jahre lang als Flugbegleiter bei der Lufthansa geflogen. Aus dieser Zeit und den Erfahrungen mit ängstlichen Passagieren entwickelte sich nach und nach das Konzept der Flugangst-Ambulanz. "Nicht jeder, der Flugangst hat, braucht gleich ein klassisches Zweitagesseminar", sagt er. "Für viele Betroffene ist es wichtig, zunächst eine kompetente Anlaufstelle zu haben, die ihnen Wege und Möglichkeiten aufzeigt." Sitzt das Problem tiefer ist das Ergebnis so eines Gespräches aber auch: Flug verschieben, ab ins Seminar.

Ganz schön lange überm Wasser

Alle anderen besorgten Urlauber können sich nach Terminabsprache für 25 Euro rund 45 Minuten beraten lassen. Im schlimmsten Fall gibt es ein Last-Minute-Gespräch kurz vor dem Abflug oder eine Beratung im Internetforum gratis. Das Ambulanz-Büro in der Zweigstelle am Düsseldorfer Flughafen ist spartanisch eingerichtet. Ein Schreibtisch, zwei Besucherstühle und zwei kleine Sessel. Anders die Wandgestaltung: Poster und Bilder von Flugzeugen über den Wolken - und Postkarten von ehemaligen Hilfesuchenden, die es geschafft haben, die ihre Angst nach einer Sitzung mit vielen Fragen und vielen Antworten überwunden haben. Grüße aus Honolulu, Mauritius oder San Francisco. Marita ist noch nicht ganz so weit. Nach einigen kurzen Ferienflügen mit unterschiedlichen Erfahrungen sitzt sie jetzt Trautmann gegenüber. "Ich habe im Flugzeug keine extreme Panik", sagt sie. "Aber immer so ein mulmiges Gefühl. Ich höre auf jedes Geräusch, achte auf jede Bewegung." Demnächst soll die 44-jährige Bonnerin geschäftlich nach New York reisen. Das sind rund zehn Stunden ohne Stopp im Flugzeug. Zu lang, um die Zeit mit extremer Aufmerksamkeit und Angstgefühlen zu verbringen.

"Die meisten Gedanken mache ich mir darüber, dass man auf dieser Strecke so lange über dem Wasser unterwegs ist." Ihre Sorge: Wenn in der Zeit etwas nicht stimmt, "zum Beispiel die Technik ausfällt", ist die einzige Möglichkeit eine Wasserlandung. "Und was soll ich da mitten im Atlantik? Bis uns da jemand findet, knabbern schon die Fische an meinen Füßen."

Für Trautmann ein typisches Problem, das in Wirklichkeit gar keines ist. "Die meisten Leute glauben, dass es nach New York quer über den Atlantik geht", sagt er. "Das stimmt nicht. Wegen der Erdkrümmung führt der kürzeste Weg über England, Grönland und Kanada." Die längste Strecke über die offene See dauert nicht länger, als bei einem Flug nach Griechenland. Und dazwischen gibt es ungefähr fünf Flughäfen, die angeflogen werden können. "Nur kennt die niemand, weil es nicht die klassischen Reiseflughäfen sind." Und das Problem mit der Technik: "Das ist gar keins." In jedem Flugzeug gibt es jedes Kabel, jede Verbindung, im Grunde alles, was irgendwie mit der Elektronik zu tun hat, mindestens zwei Mal. Teilweise sogar drei Mal. "Und was sollte da ausfallen?", fragt der Psychologe. "Ein Triebwerk", die spontane Antwort seiner Kundin. Doch auch da weiß Trautmann Rat. "Triebwerke sind Luxus", sagt er. Sollte aber doch einmal eines ausfallen, hat das Flugzeug mit dem zweiten Triebwerk noch so viel Kraft wie ein Golf mit 250 PS, kann also problemlos den erforderlichen Schub übernehmen - auch beim Start.

Strategien gegen die Angst:
- Frühzeitig zum Flughafen fahren, am besten von Freunden oder Verwandten bringen lassen.
- Stress vorab vermeiden.
- Am Abend vorher Sport treiben oder spazieren gehen, auf Alkohol, fette Speisen und zum Beispiel aufregende Filme verzichten.
- Am Tag des Fluges ebenfalls auf Alkohol, fette Speisen, Nikotin und Koffein verzichten.
- Im Flugzeug darauf achten, dass der Gurt nicht zu eng sitzt.
- Bequeme Kleidung tragen.
- Aufrecht und entspannt sitzen, tief atmen.
- Auf längeren Flügen zwischendurch aufstehen und auf dem Gang auf und ab wandern.
- Bei Geräuschempfindlichkeit Oropax benutzen oder beruhigende Musik mit einem Walkman hören.

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