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Restaurierung von Manuskripten: Alte Klebstoffe gefährden wertvolle Dokumente

Tausende von wertvollen Schriften wurden beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs verschüttet. Doch nicht immer sind es solch brachiale Kräfte, die Manuskripte bedrohen. Im deutschen Literaturarchiv in Marbach hat man ein ganz anderes Problem: wandernde Klebstoffe.

Von Britta Hesener

Eine Feder hier, eine Blume da: Ernst Jünger, der deutsche Schriftsteller und Philosoph, dekorierte seine Manuskripte und Tagebücher wie ein kleines Mädchen sein Poesiealbum. Während seiner gesamten Karriere klebte er alles hinein, was ihn begeisterte - vom Schmetterling bis zur Briefmarke. War er anfangs noch etwas zögerlich, entwickelte er später eine regelrechte Klebewut. Fast jede Seite verzierte er mit Hilfe von Klebestreifen - zum Leidwesen der Mitarbeiter des deutschen Literaturarchivs (DLA) in Marbach, wo Jüngers Nachlass lagert. Sie sorgen sich um die wertvollen Schriften.

Das Problem alter Klebestreifen

Jüngers Nachlass sei wegen seines Umfangs einzigartig, heißt es auf der Internetseite des DLA. Es gebe wohl keine andere schriftstellerische Hinterlassenschaft, die wichtige Manuskripte und Korrespondenzen aus acht Jahrzehnten umfasse. Von zentraler Bedeutung seien seine berühmt gewordenen und von vornherein für die Öffentlichkeit bestimmten Tagebücher "Strahlungen", "Annäherungen. Drogen und Rausch" und "Siebzig verweht".

So einzigartig diese Schriften sind, so problematisch ist es, sie zu erhalten. Die Klebestreifen bereiten den Archivaren Schwierigkeiten. Sie sind in Jahre gekommen, und das mit unterschiedlichen Begleiterscheinungen: Einige kleben nicht mehr richtig, andere reagieren auf Wärme und Druck. Jünger lagerte einige Manuskripte und Tagebücher übereinander in Mappen oder Lederkassetten. Vor allem die untersten Blätter waren einem großem Druck ausgesetzt. Der Klebstoff quoll unter den Streifen hervor und verklebte die Seiten. "Verblockung" nennen Experten dieses Problem.

Oft haben Buchrestauratoren mit anderen Dingen zu kämpfen, mit mechanischer Abnutzung etwa oder mit Säuren: Alte Papiere und Tinten können herstellungsbedingt Säuren enthalten. Das Papier wird dann brüchig und die Tinte frisst Löcher in die Seiten.

Tintenfraß war zum Beispiel bei den Notenhandschriften von Sebastian Bach ein großes Problem. Zumindest in dieser Hinsicht tat Jünger den Archivaren einen Gefallen: "Er schrieb größtenteils auf sehr schönem, sehr hochwertigem Papier", sagt Restauratorin Manuela Reikow-Räuchle. Sie untersucht zurzeit die 4.557 Seiten seiner 38 Manuskripte. Ein Mammutprojekt. Die Verblockung lässt sich dabei noch vergleichsweise einfach beheben. "Mit einem teflonbeschichteten Spachtel kann man die Seiten vorsichtig voneinander trennen", so Reikow-Räuchle. Komplizierter wird es bei anderen Reaktionen.

Weichmacher wandern

Jünger verwendete vermutlich sämtliche Klebebandtypen, die es zum damaligen Zeitpunkt auf dem Markt gab. Die Restauratorin hat es daher mit unterschiedlichen Materialien zu tun, etwa mit Naturkautschuk oder dem heute noch üblichen Acrylat.

Mit den Bestandteilen der Klebebänder variieren auch die Schäden, die sie auf den Manuskripten hinterlassen: Klebestreifen auf Naturkautschukbasis verfärben sich bräunlich, werden spröde und verlieren ihren Halt. Die Gegenstände, die sie auf den Seiten fixieren, drohen herauszufallen. Problematisch sind auch sogenannte Weichmacher. Sie sind in fast allen Klebebändern enthalten, um die Klebmasse flexibel zu halten. "Wenn diese Weichmacher mit porösem Papier in Kontakt kommen, fangen sie an zu wandern", sagt Manuela Reikow-Räuchle. "Sie wandern in das Papier, verbinden sich dort mit der Tinte und wandern weiter." Als Folge werde die Schrift unleserlich.

Die Klebestreifen einfach zu entfernen und zu ersetzen, ist keine Option. Jünger beschrieb sie zum Teil oder klebte sie über den Text. Löste die Restauratorin die Klebestreifen, zerstörte sie dabei ein Teil des Originalmanuskripts. Einerseits müssen die Klebebänder also entfernt werden, weil sie Papier und Schrift schädigen. Andererseits müssen sie bleiben, weil sie zum Manuskript gehören. Ein Dilemma.

Klebstoff für Langzeitlagerung gesucht

Um zumindest für den Moment das zerstörerische Werk der Klebebänder aufzuhalten, ist Manuela Reikow-Räuchle vor allem damit beschäftigt, verklebte Seiten zu trennen und silikonbeschichtete Folie einzufügen. Das Silikon stellt sicher, dass die Blätter gelagert werden können, ohne erneut zu verkleben.

Mit den Folien ist allerdings nicht das Problem der spröden Klebebänder gelöst: Was geschieht, wenn sie und mit ihnen die Blumen, Schmetterlinge und Briefmarken herausfallen? Eine Frage, die sich auch bei anderen Autoren und ihren Manuskripten stellt. Viele korrigierten ihre Schriften, indem sie Zettel über den ursprünglichen Text klebten. Wie können eingeklebte Objekte also angemessen geschützt werden?

"Letztlich müsste ein Klebemittel entwickelt werden, bei dem ausgetestet wurde, ob es sich für die Langzeitlagerung im Archiv tatsächlich eignet", so Manuela Reikow-Räuchle. Mit ihm könnten auch Jüngers Manuskripte restauriert werden. Zusammen mit dem Klebebandhersteller Tesa arbeitet sie noch an einem solchen Mittel. Der Sprecher von Tesa ist optimistisch: "Es gibt Klebemassen, von denen wir ausgehen, dass es mit ihnen klappt."

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