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Schwäbische Alb: Archäologen entdecken 35.000 Jahre alte Flöte

Nach der "Venus vom Hohle Fels" ist Archäologen auf der Schwäbischen Alb eine weiterer bedeutender Fund gelungen: In einer Höhle entdeckten sie das vermutlich älteste Musikinstrument der Welt. Für manche Wissenschaftler ein weiterer Beweis dafür, dass dieses Mittelgebirge die Wiege der europäischen Kultur sein könnte.

Erst sah es aus wie ein achtlos weggeworfener Knochen. Doch was Katharina Koll vor einem dreiviertel Jahr in einer Höhle bei Ulm fand, ist die älteste bislang bekannte Flöte der Welt. "Ich habe sie in die Hand genommen, angeguckt und ganz schnell wieder weggelegt", erzählt die 19-Jährige, die am Tübinger Institut für Archäologie eine Ausbildung macht. Für ihren Chef, den Archäologen Nicholas Conard, ist der 35.000 bis 40.000 Jahre alte Fund eine Sensation. Die Flöte beweise, dass schon die ersten modernen Menschen in Europa in ihren Höhlen eine hoch entwickelte Musikkultur hatten, schreibt Conard in der Fachzeitschrift "Nature".

Die insgesamt zwölf Fragmente der Flöte lagen im Hohle Fels, 20 Kilometer westlich von Ulm. Die Höhle entpuppt sich immer mehr als die weltweit wichtigste Ausgrabungsstätte für Funde aus der Eiszeit. Nur 70 Zentimeter von der Flöte entfernt war im vergangenen Jahr die sogenannte "Venus vom Hohle Fels", die älteste bislang bekannte Frauendarstellung der Welt, zum Vorschein gekommen. Womöglich wurden beide vor rund 40.000 Jahren gleichzeitig weggeworfen.

Aus dem Knochen eines Gänsegeiers geschnitzt

Die knapp 22 Zentimeter lange Flöte ist aus dem Flügelknochen eines Gänsegeiers (Gyps fulvus) geschnitzt, gleicht von ihrer Form und Funktion aber einem modernen Instrument. Mit fünf Luftlöchern kann die Tonhöhe verändert werden. Spielen kann man die Flöte aber nicht, weil das untere Ende fehlt. "Wir würden es aber auch nicht tun - das wäre mit der Feuchtigkeit unverantwortlich", betonte Conard am Mittwoch. Deshalb hat er die alte Flöte so originalgetreu wie möglich aus einem Gänsegeier-Knochen nachschnitzen lassen. Das Imitat klingt etwas hohl, modernen Flöten aber erstaunlich ähnlich.

Außerdem fanden die Archäologen im Hohle Fels und in der Vogelherdhöhle 25 Kilometer nordwestlich von Ulm Fragmente von drei weiteren aus Elfenbein geschnitzten Flöten. "Solche Funde sind also gar nicht so selten, wie wir gedacht haben. Musik hat eine große Rolle in dieser Zeit gespielt", erklärte Conard. Sie könnte vor 35.000 Jahren dazu beigetragen haben, dass sich größere soziale Netzwerke bildeten. Das wiederum sei womöglich der entscheidende Vorteil der modernen Menschen gegenüber den Neandertalern gewesen.

Im September werden die Funde ausgestellt

Die Funde bringen immer neues Futter für die Vermutung vieler Wissenschaftler, dass die Schwäbische Alb die Wiege der europäischen Kultur ist. Conard betrachtet dies als Spekulationen. Zwar gebe es auf der Alb definitiv die ältesten kulturellen Funde. "Aber das kann genauso bedeuten, dass es auch woanders Musik und darstellende Kunst gab - bloß hat die Gegenstände dort noch niemand ausgegraben." Funde aus der Steinzeit seien im kalkhaltigen Gestein der Schwäbischen Alb womöglich nur besser erhalten geblieben als anderswo.

Die Gegend in der Schwäbischen Alb ist eine bedeutende Fundstelle für Zeugnisse der Kulturstufe Aurignacien in der Altsteinzeit. In der Höhle Hohle Fels fanden erstmals im 19. Jahrhundert Grabungen statt. Die Forschergruppe um Conard nimmt dort seit zwölf Jahren Ausgrabungen vor. 2001 fand sie die Miniaturausgabe eines Löwenmenschen aus Elfenbein. Im selben Jahr wurde zudem der Körper einer Wasservogel-Figur entdeckt, ein Jahr später auch ihr Kopf. Die Flöte vom Hohle Fels und die anderen Funde von der Schwäbischen Alb sind vom 18. September an in der Ausstellung "Eiszeit - Kunst und Kultur" in einer großen Landesausstellung in Stuttgart zu sehen.

DPA/AP

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