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Schweinegrippe in Deutschland: Experten warnen vor Hysterie

Die Schweinegrippe hat Deutschland erreicht, und mit jedem neuen Krankheitsfall wächst die Angst. Wie gefährlich ist der Erreger wirklich, der die Welt derzeit in Atem hält? "Es ist kein Todesvirus", sagte Virologe Nikolaus Müller-Lantzsch. Wie er mahnen immer mehr Experten zur Gelassenheit - Entwarnung geben sie jedoch nicht.

Berechtigte Sorge oder Panikmache und Hysterie? Die aus Mexiko verbreitete Schweinegrippe hält die Welt in Atem, doch bei Experten mehren sich die Zweifel an der Gefährlichkeit des Virus. "Da es sich um ein bis jetzt unbekanntes Virus handelt, haben wir in der Bevölkerung keine Antikörper und damit auch keine Immunabwehr dagegen", sagt der Präsident der Gesellschaft für Virologie, Nikolaus Müller-Lantzsch, stern.de. Trotzdem betont der Direktor des Institutes für Virologie am Universitätsklinikum des Saarlandes: "Das Virus ist kein Todesvirus. Alles, was zurzeit an neuen Daten herauskommt, spricht dafür, dass das Virus bei guter medizinischer Betreuung nicht gefährlicher ist als ein normales Influenza-Virus."

Es könne sein, dass sich der Erreger bei der Übertragung von Mensch zu Mensch abgeschwächt habe. Im Augenblick gebe es daher auch in Deutschland keinen Grund, in Panik zu verfallen. "Mit Atemmasken herumzulaufen, wäre übertrieben", sagt Müller-Lantzsch und mahnt zur Verhältnismäßigkeit. "Auch bei der jährlichen Influenza haben wir mehrere tausend Tote." Die Zahlen in Mexiko sind ihm zufolge ohnehin mit Vorsicht zu genießen. "Heute erst wurden die Zahlen nach unten korrigiert." Bestätigt sind in Mexiko bislang 26 Schweinegrippe-Infektionen, darunter sieben Todesfälle. Zuvor hatten die Behörden deutlich höhere Zahlen genannt.

"Ich denke, dass wir akut in Deutschland zurzeit nicht gefährdet sind", sagt auch der Chefarzt der Erfurter Helios-Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Axel Sauerbrey. Bisher seien bei uns nur Einzelfälle von Menschen, die aus Mexiko einreisten, bekannt. "Diese Patienten müssen isoliert werden, damit es nicht zu einer Ausbreitung nach dem Schneeballeffekt in Deutschland kommen kann", betont der Kinderarzt.

Man dürfe sich jetzt auch nicht von der Hysterie, die von der Krisen-Berichterstattung der Medien ausgehe, mitreißen lassen, rät Sauerbrey. "Die Gefahr, dass von diesem Virus-Stamm eine Pandemie ausgehen könnte, ist schon gegeben", räumt der Professor ein. Allerdings entstünden jedes Jahr neue Mutanten von Influenza-Viren. Deswegen gebe es auch die Grippe-Schutzimpfung, wobei der Impfstoff jedes Jahr an die aktuellen Virenstämme angepasst werde. Diese Influenza-Epidemien kosteten in Deutschland laut Statistik jedes Jahr 15.000 bis 20.000 Menschen das Leben. Darüber werde aber seltsamerweise nicht gesprochen.

Niedrigere Todesrate als bei normaler Grippe

Auch andere Experten hegen angesichts des relativ harmlosen Krankheitsverlaufs und der drastisch nach unten korrigierten Zahlen Zweifel an der Gefährlichkeit des Virus. Der Mikrobiologe Alexander Kekulé rechnete vor, in Mexiko komme etwa ein Toter auf 3000 Infizierte. Das sei weniger als bei einer normalen Influenza. Der Gießener Virologe Stephan Pleschka sagte: "Es sieht derzeit nicht so aus, als ob es sich um ein sehr aggressives Virus handelt."

Kekulé sagte "Spiegel Online": "Die Diagnose des A/H1N1-Virus ist schwierig und unter den mexikanischen Gesundheitsbedingungen nicht möglich." Die nicht auf die Schweinegrippe zurückzuführenden Todesfälle bezeichnete der Professor der Universität Halle als "die ganz normalen Todesraten in einem Schwellenland". Nicht jeder, der an einer Lungenerkrankung sterbe, sei ein Epidemieopfer.

Der Gießener Professor Pleschka verwies darauf, dass die Erkrankungen außerhalb Mexikos fast immer einen milden Verlauf genommen hätten. Derzeit sei nicht zu erwarten, dass die Todesrate hierzulande höher liege als bei einer normalen Influenza-Epidemie. Diese fiel in diesem Jahr "recht heftig aus", wie Andrea Grüber vom Deutschen Grünen Kreuz sagte. Experten erwarten deshalb zahlreiche Todesfälle durch die Influenza.

Kein Fehlalarm

Keinen Grund zur Panik sieht auch das Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin: "Die Schweinegrippe ist deswegen gefährlich, weil sie von Mensch zu Mensch übertragen wird, sie hat teilweise die gleichen 'Baustoffe' wie die sogenannte saisonale Grippe. Aber die bekannten Medikamente wirken, und ein Impfstoff kann innerhalb der nächsten drei bis sechs Monate entwickelt werden", sagte Gründungsdirektor Stefan Kaufmann. Nur etwa ein Prozent der Infizierten sei in Lebensgefahr, bei einer Infektion mit der Vogelgrippe betrage die Todesrate hingegen 30 bis 50 Prozent.

Von einem Fehlalarm wollte Kekulé dennoch nicht sprechen: "Die mexikanischen Behörden hatten wohl wenig Daten zur Verfügung." Das Verhalten von Experten und Behörden hält er für richtig: "Man war einfach vorsichtig." Auch Müller-Lantzsch sieht keinen Grund für eine Entwarnung. Das Virus könne sich verändern, sagte der Virologe. "Eine gewisse Bedrohung ist da, denn wir wissen nicht, ob das Virus noch aggressiver wird." Daher kann die momentane Abschwächung des Virus beides sein: "Die Ruhe vor dem Sturm oder die Ruhe vor einem weiteren Ausbruch."

lea/joe/AP/DPA / AP / DPA