Sexualstraftäter Der Feind im Kopf


Ein Berliner Arzt hat ein neues Konzept für Pädophile entwickelt: Klaus Michael Beier will die Fantasien der Betroffenen zähmen - noch vor der Tat.
Von Shila Behjat

Es war ein Donnerstag im Februar. Der neunjährige Peter stieg gegen 13.00 Uhr aus dem Bus. Einige Stunden später meldeten ihn die Eltern als vermisst. In der Zwischenzeit hatte der ehemalige Häftling Martin P. den Jungen in seine Wohnung gelockt, mit Handschellen gefesselt, mehrfach sexuell missbraucht und getötet. An der Leiche verging sich Martin P. auch noch einmal.

Der Fall schlug in der Öffentlichkeit hohe Wellen - auch deshalb, weil Martin P. ein Wiederholungstäter ist. Er hatte bereits eine mehrjährige Haftstrafe wegen eines Sexualmordes verbüßt. Und kaum war er entlassen worden, verging er sich an Peter. Was soll die Gesellschaft mit Pädophilen tun? Sie immer erst behandeln, wenn sie straffällig geworden sind? Und wer kann dafür garantieren, dass sie danach nicht rückfällig werden?

Plakate und TV-Spots werben um Patienten

Professor Klaus Michael Beier hat am Institut für Sexualforschung der Berliner Charité das Projekt "Prävention von sexuellem Missbrauch im Dunkelfeld" aufgelegt. "Dunkelfeld" deshalb, weil die 20.000 sexuellen Übergriffe auf Kinder pro Jahr nur die Spitze eines Eisbergs sind - obwohl auch diese Zahl schon erschreckend hoch erscheint.

Monatelang warb Beier mit Fernsehspots, Plakaten, Internetauftritt, und Broschüren um Teilnehmer an seinem Projekt. "Du bist nicht schuld an deinen sexuellen Gefühlen, aber du bist verantwortlich für dein sexuelles Verhalten", heißt es in den Materialien. Und: "Es gibt Hilfe!" 250 Männer und eine Frau stellten sich vor. Sie alle befürchten, ihre pädophilen Sehnsüchte könnten eines Tages zu einer Straftat führen.

Gruppen- und Einzeltherapie wird gelost

Im Januar 2006 wird die Arbeit mit 180 ausgewählten Bewerbern beginnen. Die Hälfte dieser Gruppe wird eine einjährige Behandlung durchlaufen, bestehend aus Gruppen- und Einzeltherapien, Rollenspielen sowie der Gabe von Medikamenten. Ziel ist es, dass die Teilnehmer ein Mitgefühl für die Opfer entwickeln, dass sie sich in Kinder hineinversetzen können, bevor sie eine Tat begehen.

Die andere Hälfte der Gesamtgruppe wird nicht behandelt, sie bildet die Kontrollgruppe. So sollen durch die therapeutischen Effekte evaluiert werden können. Die Finanzierung des Projekts hat die VW-Siftung übernommen. Die Berliner Charité hat damit bundesweit den einzigen therapeutischen Ansatz entwickelt, Pädophile präventiv zu behandeln. Aber dieses Vorgehen ist nicht unumstritten.

Erfolg von präventivem Angebot fraglich

Dr. Guntram Knecht war Chefarzt an der psychiatrischen Klinik Wiens und leitet nun die Hamburger Psychiatrie in Ochsenzoll. Von den 190 Straftätern, die sich hier befinden, sind rund ein Viertel Sexualstraftäter. Sie sitzen in Haus 18 im Maßregelvollzug. Das heißt, sie haben neben einer möglichen Freiheitsstrafe gerichtlich auch die "Maßregel" erhalten, sich psychiatrisch, psychotherapeutisch oder sozialtherapeutisch behandeln zu lassen. Auch wenn die Patienten - hier werden sie nicht Häftlinge genannt - ihre Strafe schon abgesessen haben, werden sie erst dann aus der Psychiatrie entlassen, wenn sie als geheilt gelten - dies muss ein externer Gutachter feststellen. Manche bleiben 20 Jahre.

Knecht: Angebot für Ersttäter wäre erfolgreicher

Knecht hält nicht viel von Prävention. Er glaubt, dass Pädophile kaum verstehen, dass ihr Verhalten unrecht ist, solange sie nicht verurteilt werden. Signale von Kindern und der Umgebung werden stets unter dem Blickwinkel der eigenen sexuellen Präferenz gesehen.

"Natürlich wissen sie, dass es nicht normal ist", erklärt Guntram Knecht. "Sie fühlen sich von den Kindern regelrecht angemacht, weil sie ganz typische Gesten der Kinder - ein Lächeln, ein Händedruck, ein Kopf an der Schulter - nicht losgelöst von ihrer sexuellen Neigung sehen können."

Ein Patient Knechts erzählt, wie Kinder seiner Meinung nach einfach neugierig seien und sich Erwachsene suchten, die ihre Fragen über Sexualität beantworteten. Vor rund dreißig Jahren erschuf sich dieser Mann seine eigene Parallelwelt. Neben seiner Ehe und seinem Beruf mietete er eine zusätzliche Wohnung und veranstaltete "Kinderfreizeiten" mit Besuchen im Zoo, Spielen und Übernachten. Die Mädchen, so erzählt er, seien gezielt auf ihn zugekommen. Beim Sprechen bewegt er seine großen Hände. "Wenn dann ein Mädchen kommt und fragt, ob sie mit in das Bett kann und dich berührt und fragt: 'Was ist das?' Natürlich könnte man sie zurück in ihr eigenes Bett schicken." Er nahm sich besonders Mädchen an, die aus zerrütteten Familienverhältnissen kamen.

Er wurde immer wieder straffällig, was er mit "auffällig" beschreibt, schon zum dritten Mal ist er in Maßregelung. Zu dem Projekt an der Charité meint er: "Ich finde das ganz wunderbar. Ich würde sofort mitmachen!" Eine Vertrauensperson, mit der er sich über Sexualität unterhalten könne, ohne mit der Person in einem engen Verhältnis zu stehen, sei es, was ihm schon immer gefehlt habe.

Prävention bei Pädophilie? In Wien gäbe es, so Knecht, seit mehreren Jahren auch eine Anlaufstelle für Pädophile. 20 Prozent der Männer, die sich melden, sind (noch) nicht straffällig geworden sind. 70 Prozent hingegen haben schon eine Verurteilung hinter sich. Nach Meinung Knechts ist diese Sekundärprävention der richtige Ansatzpunkt. Denn die Rückfallquote sei sehr hoch, so Knecht: 20 Prozent der Ersttäter würden wieder straffällig. So wie Martin P.

Therapieerfolg: Nicht komisch, sondern gefährlich

Knechts Patient gibt dem Arzt Recht: Erst die Verurteilung mit gesellschaftlicher Abstandnahme von Freunden und Familie zeigte ihm auf, dass seine Pädophilie nicht zu billigen ist und unbedingt der Behandlung bedarf. Diese "Ächtung", die Beier als das Hindernis erfolgreicher Therapie sieht, scheint in den meisten Fällen die einzige Möglichkeit, aus der eigenen Welt geholt zu werden.

Das Projekt an der Charité ist nach Meinung Knechts ein Schritt in die richtige Richtung, aber im Grunde nur ein "Schönwetter-Angebot". Denn einen großen Teil der Männer könne man damit nicht erreichen. Die Verurteilten jedoch seien zumindest bekannt. Und sie hätten schon erfahren, dass ihr Verhalten nicht nur "komisch" ist, sondern "gefährlich."

Doch Guntram Knecht bleibt skeptisch, was den Erfolg der Prävention betrifft: "Ein gewisses Grundrisiko wird man immer tragen müssen. Aber die Gesellschaft muss festlegen, was sie bereit ist, an Restrisiko zu tragen." Beier hingegen ist überzeugt, Pädophilie wie jede andere Krankheit behandeln zu können: "Bei Diabetikern käme auch niemand darauf zu warten bis zum nächsten Blutzuckerschock."


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