Siamesische Zwillinge Lea trainiert fürs Leben


Dem überlebenden Zwilling der Trennungsoperation geht es besser. Und Lea ist nicht mehr allein: Sie hat eine kleine Schwester bekommen.

Von einem 52-Zentimeter-Säugling lässt sich Lea ihre Vorherrschaft im Kinderzimmer nicht streitig machen. Wenn ihre zwei Wochen alte Schwester hungrig schreit, heult sie zehn Dezibel lauter und zehn Sekunden länger. Und gestreichelt wird der Störenfried Dorothea von ihr auch nur nach mehrmaliger Aufforderung. Lieber kaspert und kuschelt sie mit ihrer Puppe Lisa. "Sie ist eifersüchtig", sagt Nelly Block. "Sie muss sich erst daran gewöhnen, dass da wieder jemand ist."

Nelly ist glücklich. Über die Geburt von Dorothea am 7. März. Über Lea, die endlich wieder lacht und brabbelt und nicht mehr panisch auf jedes kleine Geräusch reagiert. Aber die Mutter ist auch erschöpft. Die vergangenen eineinhalb Jahre waren hart für sie und ihren Mann Peter: die Geburt ihrer siamesischen Zwillinge, die Trennungsoperation in den USA, der Tod von Tabea, die wochenlange Angst um Lea. Ihre Trauer.

Lea macht Fortschritte,

kleine Fortschritte. Seit ihrer Rückkehr aus Baltimore im Dezember trainiert sie jeden zweiten Tag mit einer Physiotherapeutin. Die halbseitige Lähmung wird nie ganz verschwinden, aber seit kurzem hebt sie zumindest wieder den linken Arm, strampelt auch mit dem linken Bein. Und beim Sitzen reicht es meist, sie leicht am Rücken zu stützen. In spätestens einem Jahr, das ist das nächste große Ziel, soll sie krabbeln können. Und eines Tages sogar laufen. Und die linke Hand wenigstens als "Hilfshand" für die rechte benutzen.

"Ihre Sehschwäche erschwert leider vieles", sagt Leas Kinderarzt Martin Bruns. Lea ist nicht blind - aber stark sehbehindert. Die Augenärzte gehen davon aus, dass dem 19 Monate alten Mädchen seit der Trennungsoperation auf beiden Augen das linke Sehfeld fehlt - "homonyme Hemianopsie" nennen das die Fachleute. Schaut Lea etwa auf einen 72 Zentimeter breiten Fernsehbildschirm, sieht sie sowohl mit dem rechten als auch mit dem linken Auge maximal die rechten 36 Zentimeter. Nur den halben Multivan aus der Autowerbung, nur den rechten Zwilling aus dem Arznei-Spot.

Weitere Untersuchungen müssen zeigen, ob zusätzlich noch kleine Sehfelder in der gesunden rechten Hälfte fehlen, also "Löcher im Bild" sind. "Probleme im Bereich der Sehstrahlung* können wir nicht ausschließen", sagt Martin Bruns. "Denn dort, wo das Sehzentrum liegt, am Hinterkopf der Mädchen, verliefen komplizierte Venengeflechte. Und die musste das Ärzteteam am Ende der Operation sehr schnell trennen, um Leas Leben zu retten." Ebenfalls noch nicht sicher ist, ob Leas Gehirn versteht, was sie sieht. Ob sie den Keks als Süßigkeit erkennt und deshalb isst, so wie früher. Aber da ist ihr Kinderarzt mittlerweile optimistisch.

Weil alles zusammenhängt - Sehen, Sprache, Motorik - kann Bruns noch nichts zur mentalen Entwicklung seiner Patientin sagen. "Intelligenztests für sehbehinderte Kinder gibt es erst ab sechs Jahren. Dann werden wir sehen, wie groß die Entwicklungsverzögerung ist." Von April an wird Lea mit einer Lehrerin der Westfälischen Schule für Blinde und Sehbehinderte trainieren, um ihr eingeschränktes Sehvermögen möglichst gut zu nutzen. Fast jeden Tag kommen noch Briefe und E-Mails für die Blocks an. Noch immer polarisiert ihre Entscheidung, nicht abzutreiben, die siamesischen Zwillinge zur Welt zu bringen. "Nellys und Peters Stärke und ihr Glauben sind bewundernswert", schreiben die einen. Als vom "Glauben manipulierte Schafe" sehen sie andere.

Wenn Lea größer ist,

werden Nelly und Peter ihr von Tabea erzählen. Und von Pelle und seiner Schwester Mia, den Hauptfiguren eines norwegischen Kinderbuches über den Tod. Auch Pelles Schwester ist gestorben, und Pelle hat ganz viele Fragen: Ob es im Himmel Eis und Schokolade gibt, ob es dort schneit, ob Mia wie ein Engel durch die Luft fliegt? Frau Jensen, eine Nachbarin, beantwortet geduldig alles und macht dem kleinen Jungen klar, dass es im Himmel bei Gott und Jesus "wunderschön ist" und dass deshalb alle, die erst einmal dort sind, auch nie wieder wegwollten.

Ein Buch, das zumindest einige der Fragen, die Lea eines Tages womöglich ihren Eltern stellen wird, beantworten soll.

Anette Lache print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker