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Sozialphobie: Die Angst vor der Kaffeetasse

Sie können nur essen, wenn keiner zusieht, zittern unkontrolliert oder laufen ohne Grund rot an: Menschen mit einer Sozialphobie leben mit der ständigen Angst, sich in der Öffentlichkeit zu blamieren.

Geschäftsessen sind für Birgit K. ein Albtraum. Die junge Frau fühlt sich beobachtet, sie wagt es nicht, ein Glas in die Hand zu nehmen und daraus zu trinken, geschweige denn mit Messer und Gabel zu hantieren. Sozialphobie heißt dieses Phänomen: die Angst vor der Blamage beherrscht das ganze Leben der Betroffenen. Schätzungen zufolge leiden bis zu acht Prozent aller Deutschen unter der Phobie, die sich mit Schüchternheit oder Lampenfieber allein nicht erklären lässt.

"Man wird ein Meister darin, Strategien zu entwickeln, um solche Situationen zu vermeiden", sagt Birgit K. Im Alltag bedeutet das für die Werbefachfrau, dass sie gemeinsame Mittagessen mit den Kollegen umgeht und bei Geschäftsterminen so tut, als hätte sie keine Lust auf einen Kaffee oder ein Glas Wasser. "Es ist ein einziges Durchschlängeln und sehr anstrengend und es kann den Job kosten."

Sozialphobiker gelten oft als Sonderlinge

In der Werbebranche, wie in vielen anderen Branchen auch, gehört das gesellige Zusammensein mit Kollegen, Vorgesetzten und Kunden einfach dazu. Einige Mitarbeiter meiden Birgit K., weil sie merken, dass sich die Kollegin seltsam benimmt. "Mit meinen Strategien schaffe ich es, dass der andere sich unwohl fühlt, aber ich kann nicht anders", sagt sie.

Zittert ihre Hand mit dem Wasserglas, wartet sie so lange, bis ihr Gegenüber wegschaut, um dann schnell zu trinken. Gläser mit Stiel meidet sie ebenso konsequent wie kleine Espressotassen oder Mahlzeiten mit Erbsen, die von der Gabel rollen könnten. "Ich kann damit leben, weil ich es mir so eingerichtet habe, aber die Spontaneität und die Unbefangenheit sind kaputt. Eigentlich ist es unmöglich, die entsprechenden Situationen immer zu vermeiden, außer man nimmt in Kauf, sozial zu vereinsamen."

Zitternde Hände, schweißnasse Hemden

Wo ist die Grenze zwischen einfacher Unsicherheit und einer echten Phobie? Schließlich finden es 90 Prozent aller Menschen unangenehm, vor einem großen Kreis zu reden. "Das ist also völlig normal", sagt die Psychologin Susanne Holzapfel-Rossig von der Christoph-Dornier-Stiftung für Klinische Psychologie in Tübingen. "Wenn man jedoch beginnt, solche Situationen zu meiden und das eigene Leben dadurch immer mehr eingeschränkt wird, wenn also ein Leidensdruck vorherrscht, dann spricht man von einer Phobie."

Susanne Holzapfel-Rossig berichtet von Managern, die auch im Sommer bei Präsentationen nicht wagen, das Jackett auszuziehen, weil darunter ein vor Angstschweiß klatschnasses Hemd zu Vorschein kommen würde. Auch das große Zittern beim Unterschreiben in der Öffentlichkeit kann eine Form der Sozialphobie sein - etwa an der Kasse beim Einkaufen, wenn man mit der Karte gezahlt hat. Andere laufen scheinbar ohne äußeren Anlass knallrot an und leiden unter ihrem Kopf so sehr, dass sie sich kaum noch aus dem Haus trauen - Erythrophobie nennt man diese Sonderform der sozialen Angst.

Im Mittelpunkt stehen dabei stets das Gefühl, sich von anderen beobachtet und beurteilt zu fühlen und die Angst, etwas Peinliches zu tun. "Sozialphobiker haben eine andere Verarbeitung von Reizen", erklärt die Psychotherapeutin. Sie bleiben in Gedanken daran hängen, wie sie selbst sich fühlen und wie sie glauben, dass andere Menschen sie beobachten und bewerten. "Das sind Gedankengebäude, die so gar nicht stimmen - aber die Betroffenen kommen davon nicht weg." Birgit K. bestätigt das: "Die Unkontrollierbarkeit des Ganzen ist so katastrophal, ich verstehe es selbst nicht", sagt sie.

Auge in Auge mit der eigenen Angst

Angefangen hat die Sozialphobie bei Birgit K. bereits im Alter von zwölf Jahren, doch erst jetzt, gut 20 Jahre später, hat sie sich entschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. Auch das ist typisch für Sozialphobiker - lange Zeit erkennen sie nicht, dass ihr Verhalten wirklich ein Problem ist, das man angehen muss. Menschen, die unter Panikattacken leiden, gehen viel schneller zum Arzt. "Sozialphobiker geben sich eher selbst die Schuld an ihren Ängsten und ihrem Verhalten", sagt Holzapfel-Rossig.

Die Therapeutin war einer der ersten Menschen, mit denen Birgit K. wirklich über ihr Problem gesprochen hat. Ansonsten hat die junge Frau Angst davor, jemandem ihre Angst zu beichten: "Sonst schauen die Menschen womöglich noch genauer hin".

Nach einer ausführlichen Diagnostik und therapievorbereitenden Gesprächen haben Birgit K. und die Therapeutin zweieinhalb Tage lang Situationen trainiert, die der jungen Frau normalerweise ein Gräuel sind. Doch damit ist es nicht getan: Die Sozialphobikerin muss sich trotzdem täglich aufs Neue bewusst jenen Situationen aussetzen, in denen sie sich unwohl fühlt.

Jahrelang antrainierte Denk- und Verhaltensmuster lassen sich nicht so leicht ablegen. Aber Birgit K. will ihre Angst überwinden: "Ich will mich ändern - ich weiß zwar nicht, ob ich es kann, aber ich will alles dafür tun." Dass sie mit der Therapeutin Ursachen ihrer Furcht geklärt und kritische Situationen bewusst gesucht hat, war ein wichtiger erster Schritt. "Professionelle Hilfe ist nötig", sagt Holzapfel-Rossig, "Motivation alleine reicht nicht."

Alexia Angelopoulou/AP / AP
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