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Spektakulärer Knochenfund in Südafrika: Stammbaum des Menschen wird immer klarer

Die Ahnentafel der Menschheit ist um eine Art reicher: In Südafrika haben Forscher Skelette einer bisher unbekannten Hominiden-Spezies entdeckt. Sie lebte vor zwei Millionen Jahren und war wohl eine Übergangsform zwischen affenartigen Vormenschen und frühen menschlichen Zweibeinern.

Spektakulärer Fossilien-Fund in Südafrika: Mit der Entdeckung einer bisher unbekannten Vormenschenart wird der Stammbaum des Menschen immer detaillierter. Die etwa zwei Millionen Jahre alten Knochen eines Kindes und einer Frau könnten ein Bindeglied zwischen den noch affenartigen Vormenschen und den frühen Menschen darstellen, teilte die Witwatersrand-Universität in Johannesburg am Donnerstag mit. Zwei Forscherteams um Lee Berger von der Witwatersrand-Universität und Paul Dirks von der australischen James-Cook-Universität berichten über die Entdeckung und Analyse der Fossilien im US-Fachjournal "Science".

Die Forscher waren in einer Höhle der Region Sterkfontein auf die bis jetzt unbekannte Vormenschenart gestoßen, die bereits einen ähnlichen Körperbau wie die frühen Vertreter der Gattung Homo hat. Zu Gattung Homo gehören alle heute lebenden Menschen. Die "Wiege der Menschheit" liegt in dem 50 Kilometer von Johannesburg entfernten Gebiet Sterkfontein. Dort wurde ein großer Teil der bisher bekannten fossilen Vormenschen-Knochen gefunden. In den zahlreichen Höhlen haben sich menschliche und tierische Überreste über Jahrmillionen hinweg konserviert. In einer Höhle bei Malapa haben die Wissenschaftler nun auch den aktuellen Fund gemacht: Zwei gut erhaltene Skelette kamen zum Vorschein - in noch besserem Zustand als die bekannte Lucy, die 1974 in Äthiopien gefunden wurde, und die als eines der besterhaltenen Skelette der frühen Menschen gilt. Den ersten Knochenfund der nun entdeckten Skelette, ein menschenartiges Schlüsselbein, hatte am 15. August 2008 Matthew Berger gemacht, der kleine Sohn des Paläoanthropologen.

Zwischen Säbelzahn-Katzen und Ratten

Die Fossilien, die zu keiner bis jetzt bekannten Hominiden-Art passten, lagen inmitten der Überreste von Säbelzahn-Katzen, Antilopen, Mäusen und Ratten in einem ausgetrockneten unterirdischen Tümpel. Der Vormenschen-Junge wurde etwa zehn Jahre alt, die Frau war mindestens Ende Zwanzig. Möglicherweise seien sie versehentlich in den unterirdischen Tümpel gestürzt, berichteten die Forscher. Spuren eines Raubtierangriffs oder von Aasfressern gebe es nicht. Ob Kind und Frau verwandt sind, steht nicht fest. Es sei aber gut möglich, dass sie sich zumindest gekannt hätten.

Die bislang unbekannte Art bekam den wissenschaftlichen Namen Australopithecus sediba. Sediba ist das Wort für "natürliche Quelle" in der südafrikanischen Sprache Sotho. Kind und Frau waren war zum Zeitpunkt ihres Todes vor 1,95 bis 1,78 Millionen Jahren beide etwa 1,27 Meter groß, wobei die Forscher davon ausgehen, dass der Junge größer geworden wäre. Die Frau habe etwa 33 Kilogramm gewogen und das Kind etwa 27 Kilogramm. Das Gehirn des Jungen, von dem der Schädel erhalten ist, sei mit 420 bis 450 Kubikzentimetern im Vergleich zum modernen menschlichen Gehirn (etwa 1200 bis 1600 Kubikzentimeter) relativ klein gewesen, aber deutlich entwickelter als das Gehirn des älteren Australopithecus afarensis.

Kandidat für Übergangsspezies

Der Fund könne "unser Verständnis der menschlichen Evolution revolutionieren", heißt es. Die neue Art scheint eine Übergangsform zwischen zwei verschiedenen Gattungen zu sein, nämlich Australopithecus und Homo. Einerseits zeigen die Skelette typische Merkmale der affenähnlichen und teils noch auf Bäumen lebenden Australopithecinen, wie etwa den kleinen Schädel oder lange Unterarmknochen. Andererseits entsprechen die Beckenform und die relativ langen Beinknochen eher einem am Boden lebenden menschlichen Zweibeiner, wie es zum Beispiel der Homo erectus war. Wissenschaftler hätten nun angesichts der weitgehenden Vollständigkeit des Kinderskeletts die Chance, weit besser als bisher das Aussehen der menschlichen Vorfahren nachzuzeichnen.

"Ich glaube, dass dies ein guter Kandidat für die Übergangsspezies zwischen dem südlichen afrikanischen Affenmenschen Australopithecus africanus und dem Homo habilis ist oder sogar ein direkter Vorfahre des Homo erectus", erläuterte Berger.

Ein Grabungsteam vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich unter der Leitung von Peter Schmid hat inzwischen mehr als 180 Fragmente von insgesamt mindestens vier Individuen des bisher unbekannten Vormenschen gefunden. Die jetzt in "Science" beschriebenen Fossilien des Jungen bestehen aus einem Schädelfragment, einem Unterkieferfragment sowie einem Teilskelett. Die Überreste der ebenfalls in "Science" beschriebenen Frau umfassen Einzelzähne, Unterkieferfragmente und ein Teilskelett. "Diese Skelette sind besser erhalten und vollständiger als diejenigen der bekannten Lucy", stellte Schmid fest. Erst vor kurzem hatten Forscher im sibirischen Altaigebirge eine neue Menschenart entdeckt. Diese lebte allerdings vor ungefähr 30.000 Jahren - und ist damit deutlich jünger als die nun gefundene Spezies.

DPA/DDP / DPA
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