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Typisierung für Stammzellspende: Kleiner Pieks, große Wirkung

Sarah Connor tut es. Lukas Podolski auch. Auf Plakaten rufen sie zum Kampf gegen Leukämie auf. Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei macht auf die Bedeutung der Stammzellspende aufmerksam.

Von Lea Wolz

Fünf Milliliter Blut werden abgenommen, wenn man sich als Spender registrieren lässt

Fünf Milliliter Blut werden abgenommen, wenn man sich als Spender registrieren lässt

Im Januar 2004 bekam Sylvia Weiland aus Altenstadt in Bayern die schlimme Nachricht: Knochenkrebs lautete der Befund. "Kurz vor Weihnachten hatte ich einen Knacks in der Wirbelsäule gespürt", erinnert sie sich. Bandscheibenvorfall oder Hexenschuss sei ihr erster Gedanke gewesen. Nachdem die Schmerzen nicht nachließen, begann eine Odyssee durch verschiedene Krankenhäuser. In einer Münchner Klinik wurde schließlich ein Plasmozytom, eine bösartige Tumorerkrankung im Knochenmark diagnostiziert. Wie viel Zeit ihr noch bleiben würde, konnte ihr kein Arzt sagen. "Da habe ich geschluckt", sagt die 48-Jährige. "Nachdem verschiedene Chemotherapien keine Wirkung zeigten, wurde mir gesagt, dass eine Knochenmarkspende nötig sein wird." Aus ihrer Familie kam dafür allerdings niemand infrage, da die Gewebemerkmale nicht übereinstimmten.

Wie Sylvia Weiland sind viele Erkrankte auf einen Fremdspender angewiesen. Der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) zufolge liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Spender in der Familie gefunden wird, bei 30 Prozent. Um bei der Suche nach einem Fremdspender zu helfen, hat sich am 28. Mai 1991 die DKMS gegründet. Heute, am Tag der Lebendspende und an ihrem Geburtstag, macht die Gesellschaft wieder auf das Thema "Stammzellspende" aufmerksam.

Fast zwei Millionen Menschen sind registriert

Gut 1,8 Millionen Menschen haben sich laut DKMS seit 1991 als Spender registrieren lassen, weltweit ist es damit die größte Stammzellspenderdatei. Für etwa 80 Prozent der Leukämiekranken könne so ein passender Spender gefunden werden. "Die Aufnahme ist keineswegs schlimm", sagt Karin Weber aus Erharting bei Mühldorf. 1992 hatte sie sich typisieren lassen. Eine Einverständniserklärung musste sie dafür ausfüllen und sich ein wenig Blut entnehmen lassen. Das reicht, um die typischen Gewebemerkmale festzustellen, die jeder Mensch auf seinen Körperzellen besitzt. Durch sie kann das Immunsystem eigenes von fremdem Gewebe unterscheiden. So entsteht der Abwehrmechanismus gegen Krankheitserreger, der auch zu Abstoßungsreaktionen nach Transplantationen führen kann. Vor einer Lebendspende wird daher untersucht, ob die sogenannten HLA-Merkmale zwischen Spender und Patient zum großen Teil übereinstimmen. Die Abkürzung steht für "Human Leukocyte Antigene", da die Gewebemerkmale zuerst auf der Oberfläche der weißen Blutkörperchen, der Leukozyten, identifiziert wurden.

Nach der Typisierung, die 50 Euro kostet, wurde Karin Weber in die Spenderdatei aufgenommen. "Ich hatte eigentlich nicht damit gerechnet, dass irgendwann einmal ein Anruf kommt", erinnert sie sich. Doch 2004 klingelte die DKMS bei ihr an, da sie als Spenderin für Sylvia Weiland infrage kam. Karin Weber wurde nochmals gefragt, ob sie immer noch zu einer Stammzellspende bereit sei. "Wenn ich mich typisieren lasse, heißt das nicht, dass ich dann nicht mehr zurück kann", betont sie.

Für die 38-Jährige war es allerdings selbstverständlich, dass sie hilft. "Denn was wäre mit dem Patienten passiert, wenn ich 'Nein' gesagt hätte?" Bevor sie Stammzellen spenden konnte, wurde ihr Gesundheitszustand nochmals gecheckt und die Gewebemerkmale genauer bestimmt. Wer der Empfänger war, hat sie allerdings erst nach zwei Jahren erfahren, denn die deutschen Gesetze sehen vor, dass sich Spender und Patient erst nach dieser Zeit kennenlernen dürfen - wenn beide das wollen.

Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen

Sylvia Weiland hatte jedenfalls Glück. Sie musste nicht lange auf eine Spenderin warten. Im Juli 2004, ein paar Monate nach der Diagnose, bekam sie in einem Dresdner Krankenhaus die Stammzellen übertragen. Für eine erfolgreiche Transplantation müssen die Gewebemerkmale von Spender und Patient nahezu vollständig übereinstimmen: Bei häufigen Merkmalskombinationen ist die Trefferquote 1 zu 20.000, bei seltenen ist es die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Laut DKMS wird mitunter unter Millionen kein passender Spender gefunden.

Entnommen werden können die Stammzellen auf zwei Arten - je nach Alter des Patienten oder der Diagnose: Bei der "peripheren Stammzellentnahme" bekommt der Spender einen hormonähnlichen Stoff ins Blut gespritzt. Der sorgt dafür, dass die Stammzellen vermehrt ins Blut ausschwärmen. Von dort werden sie dann herausgefiltert. "Der Eingriff ist ähnlich wie eine Nierenwäsche", sagt Karin Weber. Eine stationäre Aufnahme ins Krankenhaus ist nicht erforderlich, beim Spender können allerdings vor der Entnahme grippeähnliche Symptome auftreten, die durch den hormonähnlichen Stoff verursacht werden. Als zweite Möglichkeit wird Knochenmark aus dem Beckenknochen entnommen. Das ist nur unter Vollnarkose möglich. Mit dem Rückenmark hat es allerdings nichts zu tun. Das bleibt völlig unberührt, die Gefahr einer Querschnittslähmung besteht nicht. Das Risiko für den Spender beschränkt sich daher der DKMS zufolge auf die Narkose. Grundsätzlich sollten Spender zu beiden Methoden bereit sein. Die Kosten dafür übernimmt in der Regel die Krankenkasse des Patienten.

Bei Sylvia Weiland und Karin Weber verlief alles nach Plan. Anfang Mai hatte Sylvia Weiland die letzte Untersuchung: "Die Werte sind alle in Ordnung", freut sie sich. Nach zwei Jahren haben sich beide in Rosenheim zum ersten Mal getroffen und sich angefreundet. "Karin ist meine Lebensretterin", sagt Sylvia Weiland. Sie hat von "ihrer Heldin" auch ein Versprechen erhalten: "Falls die Krankheit erneut ausbrechen sollte, würde ich wieder spenden", sagt Karin Weber. "Es ist eine Kleinigkeit und man kann damit so viel bewirken."

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