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Übergewicht: Wenn Essen den Schmerz betäubt

Dicke sind oft unbeliebt: Mit Abscheu denken manche an das Klischee des maßlosen Genussmenschen, der unentwegt seiner kalorienreichen Lust frönt. stern.de erklärt, warum das Essen im Übermaß manchmal mit Genuss nichts zu tun hat, sondern Ausdruck einer Krankheit ist.

Von Claudia Wüstenhagen

Jeder vierte Deutsche hält Menschen, die unter starkem Übergewicht leiden, für faul, willensschwach und disziplinlos. Das zeigt eine aktuelle Studie von Forschern der Universität Marburg. Dicke seien selbst Schuld an ihrer Misere, meinen viele. Dabei ist Adipositas - starkes Übergewicht mit übermäßigen Fetteinlagerungen - kein einheitliches Krankheitsbild. Die Ursachen sind unterschiedlich, häufig spielen Faktoren eine Rolle, die Betroffene nur bedingt beeinflussen können. In manchen Fällen liegt dem starken Übergewicht eine besondere psychische Störung zugrunde: das Binge-Eating-Syndrom. "Binge" bedeutet Gelage. Wer die Binge-Eating-Störung hat, leidet unter wiederkehrenden, zwanghaften Essanfällen.

Betroffene verlieren dabei die Kontrolle und stopfen übermäßig viel in sich hinein, mit Vorliebe kalorienreiche Lebensmittel wie Süßigkeiten, Eiscreme oder Junk Food. Die Attacke lässt keine Zeit, um in Ruhe eine Mahlzeit zu kochen oder Salatzutaten klein zu schneiden. "Die Betroffenen essen während eines Essanfalls schneller als üblich, ohne hungrig zu sein und bis hin zu unangenehmen Völlegefühlen", sagt Psychologin Anja Hilbert, Leiterin der Nachwuchsforschergruppe Adipositas an der Philipps-Universität Marburg. Bis zu 15.000 Kalorien nehmen Betroffene bei einem solchen Anfall zu sich. Im Unterschied zur Bulimia Nervosa, auch Ess-Brech-Sucht genannt, erbrechen Menschen mit der "Binge-Eating"-Störung hinterher nicht.

Eine ernstzunehmende psychische Erkrankung

Was in den Augen mancher Menschen ein ungezügeltes Frönen, eine unappetitliche Disziplinlosigkeit sein mag, ist in Wirklichkeit krankhaft. "Es handelt sich um eine ernstzunehmende psychische Erkrankung, die eine Behandlung erforderlich macht", sagt Hilbert. Betroffene können eben nicht einfach normal essen, sich zügeln und zusammenreißen. Der aktuellen Definition zufolge erfüllen all diejenigen das Krankheitsbild, die über einen Zeitraum von mindestens einem halben Jahr zweimal oder mehr pro Woche einen solchen Essanfall bekommen. Allerdings diskutieren Wissenschaftler darüber, die Schwelle herabzusetzen, berichtet Hilbert. "Auch Menschen, die nur ein mal in der Woche einen solchen Anfall erleiden, sind meistens krank", sagt die Marburger Psychologin.

Schon in den 50er Jahren haben Ärzte die Symptomatik von Heißhungeranfällen bei ihren Patienten beschrieben, aber erst im Jahr 1994 wurde die Binge-Eating-Störung von Wissenschaftlern als Diagnose definiert. Ungefähr ein bis drei Prozent der Bevölkerung leiden unter dieser Esssucht, so Hilbert. Nicht alle davon haben Adipositas, und nicht alle von Adipositas Betroffenen haben die Binge-Eating-Störung. Doch es gebe es einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Krankheit und einem starken Übergewicht, sagt Hilbert. Wie viele adipöse Menschen tatsächlich darunter leiden, ist nicht genau bekannt. Einzelne Untersuchungen bei speziellen Abnehmprogrammen hätten gezeigt, dass bis zu 30 Prozent der adipösen Teilnehmer von Binge-Eating betroffen waren. Hartmut Imgart hält den Anteil der betroffenen adipösen Menschen insgesamt für deutlich geringer. Dennoch ist der Oberarzt der Parkland-Klinik, einer Einrichtung für Essgestörte, der Ansicht: "Binge Eating ist in der Bevölkerung mit Sicherheit weiter verbreitet als Anorexia (Magersucht) und Bulimie zusammen."

Weniger Akzeptanz als bei Magersucht

"Binge-Eating wird häufig unterschätzt und abgetan", sagt Hilbert. Den Grund dafür sieht sie in der allgemeinen abwertenden Haltung gegenüber adipösen Menschen. Vor kurzem haben sie und ihre Kollegen eine Studie veröffentlicht, der zufolge jeder vierte Deutsche Vorurteilen wie "Dicke sind faul" oder "Dicke sind disziplinlos" zustimmt. Bei einer Essstörung wie Magersucht hingegen sei die Akzeptanz in der Gesellschaft höher, weil Untergewicht eher als schön empfunden werde. "Magersucht gilt manchen als Ausdruck von Kontrolle über den Körper", so Hilbert. Adipösen Menschen werde das Gegenteil vorgeworfen. Auch Hartmut Imgart bestätigt: "Anorexie hat für viele etwas Faszinierendes, weil es mit Askese und Selbstbeherrschung verbunden wird. Das übermäßige Essen wird jedoch nicht mit Faszination verbunden."

Wie kommt es, dass Menschen so übermäßig viel essen müssen? "Nicht selten verbirgt sich dahinter eine komplexe psychische Störung", sagt Hartmut Imgard. Sexueller Missbrauch oder andere Misshandlungen seien mögliche Risikofaktoren für das Binge-Eating-Syndrom, ebenso wie für andere Essstörungen. "Wir sehen in unserer Klinik viele junge adipöse Frauen, die an diesen Essanfällen leiden und früher sexuell missbraucht worden sind", sagt Imgart. "Die Betroffenen essen extrem viel, um sich für Männer unattraktiv zu machen." Dabei gehe es nicht allein darum Gewicht zuzunehmen. Das übermäßige Essen verändere auch die Hormonproduktion. "Das Weibliche wird abgewehrt – manche Frauen bekommen sogar einen Damenbart", erklärt Imgart.

Aber auch andere psychosoziale Faktoren kommen als Ursache infrage, wie Vernachlässigung und mangelnde Fürsorge im Kindesalter. "Nicht alle Kinder bekommen von ihren Eltern liebevoll Möhren geschnitten, manche werden mit einer Tüte Chips vor den Fernseher gesetzt und so ruhig gestellt", sagt der Oberarzt. Allerdings können auch Überbehütung, Ängstlichkeit, Perfektionismus und übersteigerte Ansprüche der Eltern Risikofaktoren sein, ebenso wie kritische Bemerkungen über Figur und Essverhalten eines Kindes oder der Tod einer nahestehenden Person. "Wenn sich derartige Risikofaktoren häufen, reagieren manche Menschen mit Essanfällen", sagt Hilbert. "Sie sind eine Flucht vor den negativen Gefühlen, eine Art Problemlösemechanismus." Vorübergehend können die Attacken zu einem rauschartigen Zustand führen. "Das hilft Betroffenen dabei, quälende Gefühle zu verdrängen, sie betäuben sich also mit dem Essen", sagt Imgart.

Quälende Vorwürfe

Tatsächlich ist das Verdrängen nur von kurzer Dauer. Wer wieder einmal die Kontrolle verloren hat, fühlt sich hinterher noch mieser. "Die negative Stimmung ist programmiert", sagt Hilbert. Während Pommes und Pudding den Magen malträtieren, quälen Selbstvorwürfe und Ekel das Bewusstsein. Langfristig führe das zu einer dauerhaften "Selbstwertschädigung" bis hin zu Selbsthass und Depressivität, so Hilbert. Warum also nicht einfach damit aufhören? "Manche meiner Patienten empfinden es als Sucht"“, sagt Hilbert. Auch wenn Binge-Eating nicht im klassischen Sinne als Sucht gelte – unter anderem weil es keine Entzugserscheinungen gibt - sei es sehr schwer damit aufzuhören. Mit normalen Diätprogrammen ist Betroffenen nicht geholfen, sagt Klinikarzt Imgart. "Vielleicht schaffen sie es zwei Tage lang sich maßvoll und gut zu ernähren, das schützt sie aber nicht vor der nächsten Essattacke", sagt er. "Bei vielen ist eine Psychotherapie notwendig." Dabei würden Betroffene lernen, die unerträglichen Gefühle, die womöglich hinter den Anfällen stecken, auszuhalten. Außerdem sei es wichtig zu beachten, dass die Patienten nicht zu schnell Gewicht verlieren. Eine moderate Umstellung der Ernährung und regelmäßiges Essen seien wichtig, um erneuten Anfällen vorzubeugen. Außerdem sei Sport unerlässlich, denn sonst würden Muskeln verschwinden, was zum häufig beklagten Jojo-Effekt führe.

Adipositas gilt wegen der weiten Verbreitung mittlerweile als Epidemie. Etwas dagegen zu tun, ist aus medizinischer Sicht geboten, da das starke Übergewicht zu zahlreichen Krankheiten wie Diabetes Typ 2 oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen kann. Dennoch hält Imgart den Trend "Menschen in einem bestimmten Body-Mass-Index zu pressen" für bedenklich. Er warnt vor einer Stigmatisierung Übergewichtiger: "Das von den Modezeitschriften auferlegte Diktat der Schönheit sollte nicht auch noch von Gesundheitsexperten fortgesetzt werden."