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Umfrage über Vorurteile: Beleibt und unbeliebt

Wer dick ist, hat keine Disziplin und ist selber schuld - so lauten gängige Vorurteile über stark Übergewichtige. Jeder vierte Deutsche stimmt solchen Vorwürfen zu. Das zeigt die weltweit erste repräsentative Umfrage zum Thema. stern.de sprach mit der Studienleiterin.

Fettleibigkeit gehört zu den derzeit drängendsten Gesundheitsproblemen weltweit. Wer an schwerem Übergewicht leidet, riskiert eine Vielzahl von Krankheiten wie Diabetes Typ 2 oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Doch die körperlichen Probleme, die die Pfunde mit sich bringen, sind längst nicht die einzige Bürde, unter der Betroffene leiden. Hinzu kommen abwertende Blicke, nicht selten auch Gehässigkeiten. Übergewicht ist stark stigmatisiert, das haben Nachwuchsforscher der Universität Marburg bei einer Befragung von 1000 Deutschen - der weltweit ersten repräsentativen Umfrage zu diesem Thema - herausgefunden. Für Studienleiterin Anja Hilbert ist die Stigmatisierung von Übergewicht für ein unterschätztes Problem.

Frau Hilbert, Sie und Ihre Kollegen haben 1000 Bürger angerufen und ihnen konkrete Stereotypen zur Auswahl gegeben, denen sie zustimmen konnten. Um welche Vorurteile über Adipositas ging es dabei?

Das waren ganz platte Vorurteile, wie etwa: Dicke haben keine Willenskraft, Dicke sind faul oder undiszipliniert.

23 Prozent der Befragten haben diesen Vorurteilen eindeutig zugestimmt. War das überraschend?

Dass übergewichtige Menschen stigmatisiert werden, haben bereits nicht-repräsentative Studien in den USA gezeigt. Adipositas gilt allgemein als das Stigma, das am meisten Zustimmung findet. Wir waren aber schon erstaunt darüber, dass tatsächlich fast jeder Vierte seine Vorurteile so offen am Telefon aussprach. Was uns aber noch mehr überrascht hat, war das hohe Maß an latenter Stigmatisierung. Nur 21,5 Prozent lehnten die Vorurteile entschieden ab. Die restlichen Befragten, 55 Prozent, waren unentschieden, ob sie den Vorwürfen zustimmen sollten oder nicht.

Wie lässt sich das interpretieren?

Wenn man derart klare Vorurteile vorgibt und die Leute diese nicht eindeutig ablehnen, dann ist das eigentlich schon als latente Zustimmung zu werten. Man könnte es auch so interpretieren, dass diese Personen implizite Vorurteile hegen, diese aber nur in Situationen zutage treten, in denen es ihnen opportun erscheint.

Es gibt also viele Mitläufer?

Vermutlich ja. Das ist sozusagen die Ja-Sager-Fraktion, die sich daran beteiligt, wenn Übergewichtige von anderen stigmatisiert werden. Bei Kindern kann man sich das beispielsweise so vorstellen: Ein dickes Kind wird von einem Mitschüler gehänselt, und die anderen machen mit.

Warum ist die Stigmatisierung übergewichtiger Menschen aus gesundheitlicher Sicht bedenklich?

Es gibt Hinweise darauf, dass gewichtsbezogene Stigmatisierung psychopathologische Folgen nach sich ziehen kann. Vor allem für adipöse Kinder wurde gezeigt, dass gewichtsbezogene Hänseleien und Kritik zu einem geringeren Selbstwert, Essstörungseinstellungen und depressiven Symptomen führen können. Es macht die Betroffenen also noch kränker, da zu den möglichen körperlichen Leiden die psychischen hinzukommen.

Und was bedeutet die Stigmatisierung für das Leben von Übergewichtigen?

Experimente in den USA haben gezeigt, dass Personalchefs denen Fotos von angeblichen Bewerbern vorgelegt wurden, übergewichtige Kandidaten viel eher ablehnten als schlanke. Das war vor allem bei solchen Jobs der Fall, bei denen sich die Mitarbeiter der Öffentlichkeit hätten zeigen müssen. Außerdem zeigen amerikanische Statistiken, dass Eltern übergewichtiger Kinder deutlich weniger Geld für ihre College-Förderung ausgeben und die Aufnahme an einem College schwieriger ist.

Eine Benachteiligung adipöser Menschen ist also erwiesen?

Man muss mit der Interpretation vorsichtig sein. Diese Fragen wurden noch nicht gut untersucht. Häufig kommen übergewichtige Kinder aus sozial schwächeren Familien, was ebenfalls erklären kann, warum weniger Geld in die College-Ausbildung gesteckt wird. Allerdings zeigen Umfragen unter adipösen Menschen, dass sich zahlreiche tatsächlich benachteiligt fühlen. Viele berichten von Hänseleien in der Schule, Schikanen im Berufsleben und Problemen bei der Partnersuche.

Was ist überhaupt der Grund für die Stigmatisierung?

Das wollten wir auch wissen und haben festgestellt, dass stigmatisierende Einstellungen mit Schuldzuweisungen einhergehen. Übergewichtige werden häufig selbst dafür verantwortlich gemacht – nach dem Motto: Wer so aussieht, hat selber Schuld.

Dabei zeigen Studien, dass auch genetische Faktoren eine Rolle spielen.

Richtig. Es gibt Faktoren, die das Individuum schwer beeinflussen kann, wie etwa der sozioökonomische Status, in den es hineingeboren wird, oder die genetische Veranlagung. Unsere Umfrage ergab, dass die stigmatisierende Einstellung davon abhing, ob der Befragte Genetik als Ursache in Betracht zog. Jemand, der genetische Faktoren annahm, hatte weniger Vorurteile. Generell kann man sagen, dass die stigmatisierenden Einstellungen mit einem niedrigen Bildungsniveau einhergingen.

Aufklärung könnte also gegen das Stigma helfen?

Ja, wir haben das bei 130 Studierenden getestet. Mithilfe eines einstündigen Computer-Lernprogramms haben wir sie über die Krankheit informiert und darüber aufgeklärt, dass beispielsweise auch Vererbung eine Rolle spielen kann. Zwei Wochen später waren die expliziten stigmatisierenden Einstellungen signifikant zurückgegangen. Allerdings haben Assoziationstests gezeigt, dass die Studenten zumindest noch implizite stigmatisierende Einstellungen hatten. Dick war demnach stärker negativ assoziiert als positiv. Das zeigt, dass es mit einer einstündigen Aufklärung offenbar noch nicht getan ist.

Interview: Claudia Wüstenhagen