Weihnachtsstress Den Enttäuschungen ein Schnippchen schlagen


Weihnachten ist das traditionelle Familienfest, an das die höchsten Erwartung geknüpft sind. Damit diese Erwartungen nicht enttäuscht werden, geben Psychologen einige Tipps.

Abgehetzt von Weihnachtseinkäufen bereitet die Mutter das Festtags-Menü vor, der Vater biegt den Tannenbaum im Wohnzimmer zurecht, und die Kinder streiten sich über das Fernsehprogramm. Weihnachten ist für viele Menschen alles andere als ein besinnliches "Fest der Liebe". Oft endet der Heilige Abend mit Enttäuschung und Krach, Seelsorge-Telefone und Beratungsstellen haben in der Weihnachtszeit Hochkonjunktur. In vielen Familien sind aus Sicht von Psychologen die Erwartungen an das Fest heillos überzogen.

"Kleine Enttäuschungen werden gerade in der Weihnachtszeit für viele Menschen unerträglich", meint der Psychologe Wolfgang Bergmann aus Hannover. "Ich halte das nicht aus, dass es in meinem Leben so wenig Harmonie gibt", sagten sich manche Leute gerade in einer Zeit, in der das Streben nach Liebe und Harmonie besonders stark ist. "Damit wird der Blick auf die eigenen Verhältnisse ernster", erläutert Bergmann.

Ein Weihnachtsessen als Verrat

"Es ruht ein Zwang von Familie auf dem Fest, ein riesiger Druck, mit dem wir uns übernehmen", sagt Jörg Eikmann von der Evangelischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung in Braunschweig. "Das größte Problem ist die Befürchtung, dass man jemanden kränken könnte." Das gehe vom Besuchsstress bis hin zur Verpflichtung, ein traditionelles Essen zu servieren: "Da hängen überall hohe emotionale Werte dran. Wenn man ein anderes Weihnachtsessen macht, ist es ja fast so, als würde man seine Familie verraten."

Den Speiseplan sollten alle gemeinsam aufstellen, rät deshalb auch der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers. "Es muss Familien-Demokratie herrschen", betont er. An den Vorbereitungen sollten die Kinder beteiligt werden etwa beim Schmücken des Baumes. Auch der Wunsch mancher Eltern, traditionelle Weihnachtslieder zu trällern, stößt nicht immer auf Begeisterung. Im vergangenen Jahr hatten Braunschweiger Wissenschaftler herausgefunden, dass das Vorsingen unterm Weihnachtsbaum für Kinder eine Qual ist.

Zeit für sich selbst nehmen

Hilgers rät Eltern, dem Nachwuchs auch an den Feiertagen Zeit mit den Freunden zu gönnen. "Man sollte nicht die ganze Zeit im Haus bleiben, damit einem nicht die Decke auf den Kopf fällt." Und: "Bloß nicht zu viele Besuchstermine vereinbaren." Auch andere Fachleute empfehlen, die Familienmitglieder sollten sich auch während des Festes Zeit für sich selbst und ihre Hobbys nehmen. Keinesfalls sei Weihnachten der geeignete Zeitpunkt, um Bilanz zu ziehen und Pläne für die kommende Monate zu schmieden, betont der hannoversche Psychologe Bergmann. Das sollten Familien lieber ins neue Jahr verlegen.

Besonders schwer haben es an Weihnachten oft getrennt lebende Paare. "Die Kinder möchten am liebsten mit beiden Eltern feiern - das führt zu Problemen", erläutert Familienberater Eikmann. Auch für Singles sei Weihnachten manchmal ein Graus: "Auch wenn sie mit anderen zusammen feiern, wird ihnen dann plötzlich bewusst, dass sie alleine sind." Denn einer aktuellen Umfrage zufolge ist für 84 Prozent der Bevölkerung Weihnachten ein Familienfest.

Weihnachten macht nicht automatisch besinnlich

Dass der eigentliche Anlass für Weihnachten die Geburt Jesu ist, spielt für zahlreiche Menschen heute kaum noch eine Rolle - obwohl die Hälfte der Deutschen an Weihnachten in die Kirche gehen will. "Wer aber den christlichen Sinn nicht verinnerlicht hat, der darf von Weihnachten nicht allzu viel erwarten", meint Psychologe Eikmann. Von heute auf morgen auf Harmonie umschalten, jeden Groll einfach wegdrücken - das sei nahezu unmöglich. "Fest steht: Weihnachten macht nicht automatisch besinnlich."

Petra Albers und Monika Wendel/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker