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Blau-schwarz oder weiß-gold?: Warum wir das Kleid in unterschiedlichen Farben sehen

Ein Kleid macht die Welt verrückt: Die einen sehen ein blau-schwarzes, andere ein weiß-goldenes. Wie ist die unterschiedliche Wahrnehmung zu erklären? Sehforscher Michael Bach hat eine Hypothese.

Schwarz und blau oder gold und weiß? Richtig ist ersteres, doch wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Wahrnehmungen?

Schwarz und blau oder gold und weiß? Richtig ist ersteres, doch wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Wahrnehmungen?

An diesem Kleid scheiden sich die Geister buchstäblich: Unter Hashtags wie #" xlink:show="new">blackandblue oder #WhiteandGold ist eine hitzige Debatte entbrannt, ob ein Kleid, das dieser Tage im Netz kursiert, von blau-schwarzer oder weiß-goldener Farbe ist. So manch einer zweifelt nun an seinem Verstand - beziehungswseise am Verstand seiner Mitmenschen.

Was steckt dahinter?

Sehforscher Michael Bach beschäftigt sich viel mit optischen Täuschungen. Bei dem diskutierten Kleid sieht er die Farben Blau und Schwarz. Um zu bewiesen, dass er Recht hat, empfiehlt er ein kleines Experiment: "Nehmen Sie ein gelochtes Blatt Papier und halten Sie dieses Loch auf die entscheidende Stelle. Was sehen Sie dann?" Das Experiment zeigt: Das Kleid ist blau-schwarz, so wie es die Urheberin der Debatte - Caitlin McNeill, die das Bild auf Tumblr gepostet hat - zwischenzeitlich bestätigt hat. Wie kommt es aber, dass manche Menschen den Eindruck haben, ein weiß-goldendes Kleid vor sich zu haben, während andere die tatsächliche Färbung sofort erkennen?

Wie wir eine Farbe wahrnehmen hängt - grob vereinfacht - von der Farbe des Gegenstandes und von der Wellenlänge des Lichts ab, das auf den Gegenstand trifft. Weiße Gegenstände etwa strahlen sehr viel Licht zurück, matt-schwarze dagegen kaum. Farbige Gegenstände erzeugen je nach eintreffendem Licht einen bestimmten Farbeindruck. Wenn etwa ein grüner Gegenstand mit rotem Licht bestrahlt wird, erscheint er nicht grün, sondern schwarz.

Das Gehirn sieht mehr als wir wissen

"Nun ist unser Gehirn aber sehr pfiffig", sagt Bach. Es greife beim Sehen auf bestimmte Erfahrungen zurück, und ergänze diese Informationen. So wisse es etwa, dass das Licht tagsüber eher bläulich sei und abends eher rötlich. Solche Informationen ziehe es bei der Farbwahrnehmung eines Gegenstandes dann ab. "Unser Gehirn denkt sich beim Sehen laufend sehr viel dazu", erklärt Bach. "Aus wenigen Informationen, die es bekommt, bildet es eine innere Welt."

Die berühmte Schachbrett-Schatten-Täuschung nach Edward H. Adelson

Die berühmte Schachbrett-Schatten-Täuschung nach Edward H. Adelson

So kommt es, dass wir in der bekannten Schachbrett-Schatten-Illusion von Adelson ein Spielfeld (B), das im Schatten eines Zylinders steht, sehr viel heller wahrnehmen, als es tatsächlich ist. Das Gehirn zieht die Information "Hier fällt ein Schatten auf das Feld" ab und lässt ein dunkles Spielfeld somit heller erscheinen. Die Auflösung des Experiments zeigt aber, dass das Spielfeld B tatsächlich genau so dunkel ist wie Spielfeld A.

Wahrnehmung und Psyche

Dieser Effekt lasse sich ähnlich auch auf das umstrittene Kleid übertragen, sagt Bach. Das Gehirn registriere hierbei, dass es sich um einen changierenden Stoff handelt, der je nach Lichteinfall - in diesem Fall von oben rechts - seine Farbe ändert. Das Gehirn nimmt beim Anblick des Bildes diese vorhandenen Informationen und ergänzt sie um gesammelte Erfahrungen, um herauszufinden, welche Farbe dieses Kleid tatsächlich - also unabhängig von der Beleuchtung - hat. Bei changierenden Stoffen sei das aufgrund ihrer wechselnden Farbigkeit schwierig. Die Wahrnehmung hänge daher stark davon ab, inwiefern man mit solchen Stoffen schon in Berührung gekommen sei, sagt Bach.

Ob jemand, der viel mit solchen schillernden Stoffen zu tun hat, ein weiß-goldenes oder ein schwarz-blaues Kleid sieht, weiß Bach allerdings nicht. Sicher ist er sich dagegen in einer anderen Sache: Die kursierende Theorie, wonach Menschen, die das Kleid in Gold und Weiß sähen optimistischer seien, hält er für "Humbug".

mh
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