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"Hitlers Bombe": Sprengstoff für die Wissenschaft

Es klingt wie ein Drehbuch für einen Horror-Kriegsfilm: Nazi-Physiker bauten und testeten eine Atombombe. Das behauptet der Historiker Rainer Karlsch in seinem neuen Buch "Hitlers Bombe". Wissenschaftler sind skeptisch.

Bereits vor der Präsentation in Berlin hatte "Hitlers Bombe", vom Verlag als "Sensation" angekündigt, für Aufsehen gesorgt. Bringt das Buch neues Licht in ein geheimnisumwittertes Kapitel des Zweiten Weltkriegs? Historiker und Physiker wollen daran nicht so recht glauben. Karlsch biete zwar durchaus neue Fakten, schieße in seiner Interpretation aber wohl über das Ziel hinaus.

Es fehlen glaubhafte Belege

Was wäre, wenn Hitler die Atombombe gehabt hätte? Glaubt man Rainer Karlsch, Jahrgang 1957, ist dieses Szenario kein Hirngespinst. "Deutsche Wissenschaftler waren es, denen im Herbst 1944, ein Dreivierteljahr vor den Amerikanern, die Freisetzung der Kernenergie gelang", schreibt er in der Zusammenfassung seines Buches. Die "Mini- Atombombe", die sie für Hitler bauten, sei sogar erfolgreich getestet worden - im März 1945 in Thüringen. Rund 500 Kriegsgefangene und KZ- Häftlinge seien dabei ums Leben gekommen.

Deutsche Medien haben die Bombentheorie des Buchs bereits für sich entschärft. Karlsch könne seine spektakulären Thesen nicht beweisen, heißt es unisono. Es fehlten glaubhafte Belege für deutsche Atomwaffentests. "Die NS-Forschung ging in Richtung einer einsatzfähigen Kernwaffe", verteidigte sich Karlsch am Montag. Die Waffe habe aber keinesfalls die Sprengkraft der Bomben auf Hiroshima oder Nagasaki gehabt. "Atomgranate" nennt der Autor seine Entdeckung nun. "Das darf man nicht verharmlosen."

Nur Laienaussagen

"Rainer Karlsch ist kein Spinner", betont Dieter Hoffmann, Forscher beim Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. "Er hat in seinem neuen Buch wichtige Mosaiksteine für die Forschung zusammengetragen. Und er ist auch der erste, der durch große Zähigkeit russische Quellen aufgeschlossen hat". Doch bei der Hauptthese von "Hitlers Bombe" will Hoffmann nicht mitgehen. "In Deutschland wurde 1938/39 die Uranspaltung entdeckt. Dass hier in den 40er Jahren auch die erste Atombombe gezündet wurde, erscheint mir allerdings nach wie vor als unglaubwürdig", sagt er.

Gerd Fußmann, Physiker an der Berliner Humboldt-Universität, ist auch nicht völlig überzeugt. "Man weiß einfach nicht, wie die deutsche Versuchs-Bombe beschaffen war, die im März 1945 in Thüringen gezündet wurde", erläutert er. "Es gibt dazu nur Aussagen von Laien und Spekulationen auf der Grundlage von historischen Dokumenten. Darum werden auch weiterhin erhebliche Zweifel bestehen, ob es sich wirklich um eine Kernwaffe gehandelt hat."

Buch bietet Überraschungen

Und doch hat das neue Buch den Berliner Physiker in vielen Punkten überrascht. "Neu für mich war, dass es im Süden von Berlin einen Kernreaktor gegeben hat", ergänzt er. Heutige Bodenproben auf diesem Gelände ließen darauf schließen, dass dort eine Kernspaltung stattgefunden habe: "Das zeigt, dass doch mehr spaltbares Material und Kenntnisse vorhanden waren, als bislang angenommen."

Diese Erkenntnis will auch Max-Planck-Wissenschaftler Hoffmann dem Autor nicht absprechen. Bisher habe sich die Forschung über Atomwaffen in der NS-Zeit stark auf den Physiker Werner Heisenberg fokussiert, berichtet Hoffmann. Karlschs Verdienst sei es, den Blick auf andere Forschergruppen zu lenken, die sich weit mehr mit Militärtechnik beschäftigten. "Die Gruppe um Kurt Diebner vom Heereswaffenamt scheint hinsichtlich der Atomwaffenentwicklung weiter gewesen zu sein, als man bisher glaubte", ergänzt Hoffmann.

Deutsche reicherten Uran an

Physikalisch aber gibt das, was diese NS-Atomphysiker als Waffe erdachten, weiter Rätsel auf. Denn selbst für eine "Mini-Atombombe" braucht man hochangereicherte Uran 235. "Heutige Bodenproben lassen den Schluss zu, dass es den NS-Forschern wirklich gelungen ist, 10 Prozent angereichertes Uran 235 herzustellen. Zumindest in kleinen Mengen", sagt der HU-Physiker Fußmann. Es seien aber 80 Prozent Anreicherung nötig, um eine Atombombe von der Zerstörungskraft zu bauen, die beispielsweise Hiroshima traf.

"Die erste Atombombe wurde nach dem heutigen Stand der Forschung im Sommer 1945 von den Amerikanern in der Wüste von New Mexico gezündet", versichert Wissenschaftshistoriker Dieter Hoffmann. Die Russen, die 1945 deutsche Atomforschungs-Unterlagen konfiszierten, waren auf die Erkenntnisse zwar neugierig, aber nicht angewiesen. "Sie besaßen allein 10 000 Seiten Spionagematerial über den US- Atomwaffenbau", berichtet Physiker Fußmann. Das klingt nicht danach, als ob die Geschichte des Kalten Krieges umgeschrieben werden müsste.

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Ulrike von Leszczynski/DPA/DPA

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