"Unter Wasser" Geheimnisvolle blaue Unterwelt


Das Wasser und die Kreaturen, die in ihm leben, sind das Thema des Fotografen Bill Curtsinger. Ein Bildband und eine Ausstellung zeigen nun seine beeindruckenden Aufnahmen: neugierige Haie, ausdauernde Robben, anmutige Pinguine.
Von Angelika Unger

Kaiserpinguine, die auf dem Bauch übers Packeis schliddern. Kegelrobben beim Paarungsspiel. Tigerhaie auf Albatrosjagd. Die Schwanzflosse eines Südkapers, zum Greifen nahe. Wasser ist das Element des amerikanischen Fotografen Bill Curtsinger; das Wasser und die Kreaturen, die in ihm leben, seit mehr als 30 Jahren sein Thema. Mit seinen Bildern entführt Curtsinger die Betrachter in eine geheimnisvolle blaue Unterwelt: Denn obwohl 70 Prozent der Erdoberfläche von Ozeanen bedeckt sind, wissen wir auch heute noch vergleichsweise wenig über das Leben im und unter Wasser.

Anders als die meisten Taucher ist Curtsinger nicht etwa von der farbenprächtigen Welt der Korallenriffe fasziniert. Er taucht tiefer hinab - in die Tiefsee, die artenreichste Region der Welt. "Ich habe es stets als Herausforderung empfunden, das weniger Bekannte und Auffällige zu fotografieren", sagt Curtsinger. Er untertreibt: Auch wenn einige seiner Objekte nur wenigen bekannt sind - auffällig sind sie allemal, etwa die metergroße grell orangefarbene Seespinne oder die pfeilschnelle Goldmakrele, die das Wasser mit bis zu 50 Kilometern pro Stunde durchpflügt.

Den Bewohnern des Meeres nähert sich Curtsinger mit tiefem Respekt, beinahe ehrfürchtig. "Ich nenne sie gerne 'meine driftenden Schönheiten' ", schreibt er über Tiefseequallen. Das Resultat dieser Ernsthaftigkeit sind Aufnahmen beeindruckender Bandbreite, von impressionistisch wirkenden Fotografien unter dem Packeis bis hin zu Bildern von beeindruckendem Detailreichtum, bei denen man die die Sandkörner auf der Schnauze einer Schildkröte erkennen kann.

Künstler und Biologe

Bereits während des Vietnamkriegs war Curtsinger Mitglied einer Eliteeinheit von Navy-Fotografen. Später spezialisierte er sich auf Unterwassermotive und veröffentlichte in Magazinen wie stern, Geo, Time, Newsweek und National Geographic. Unter dem schlichten Titel "Unter Wasser" zeigt Curtsinger nun seine Arbeit der vergangenen 30 Jahre - in einem opulenten Bildband, erschienen im Verlag Frederking & Thaler, und in einer Ausstellung im Leibnitz-Institut IFM-Geomar in Kiel.

Als Künstler versteht sich Curtsinger, aber gleichzeitig auch als Biologe: "Ich habe den Anspruch, mich voll und ganz in das Reich einer Art hineinzuversetzen, die ich aufnehmen will, damit ich aus den Begegnungen neue Erkenntnisse und Bilder gewinne, die es so zuvor noch nicht gegeben hat."

Wochenlang ausharren in eiskaltem Wasser

Ein Anspruch, der viel Zeit verschlingt. Curtsinger reiste um die ganze Welt, in die Arktis und die Antarktis, an den Baikalsee und immer wieder in seine Heimat, an den Golf von Maine. Für manche seiner Aufnahmen tauchte er Tag um Tag hinab ins eiskalte Wasser, harrte wochenlang aus, bis er das richtige Licht, den richtigen Augenblick erwischte. Seine Geduld wurde belohnt: Er schoss die ersten Unterwasseraufnahmen frei lebender Walrosse und war der Erste, der Sattelrobben unter der Eisdecke fotografierte.

Doch seine Hartnäckigkeit und der unerschütterliche Wille, seinen Bildobjekten so nah wie möglich zu kommen, brachten den Fotografen mehr als einmal in Gefahr. Nur knapp mit dem Leben davon kam er 197 vor dem Bikini-Atoll, als ihn ein Grauer Riffhai angriff. "Ein wenig plastische Chirurgie und einige Monate der Rehabilitation waren nötig, bis ich mit meiner Hand wieder eine Unterwasserkamera greifen konnte", mit diesen nüchternen Worten skizziert Curtsinger die Folgen der Hai-Attacke. Weder hat sie ihn davon abgehalten, weiter zu fotografieren, noch schmälerte sie seine Liebe zum Wasser und den Kreaturen darin.

Abenteuer, gewürzt mit Fakten aus der Tierwelt

Geschichten wie diese finden sich immer wieder in dem Bildband "Unter Wasser", der zugleich die sehr persönlichen Erinnerungen des Abenteurers Bill Curtsinger darstellt. Ebenso spannend wie seine Abenteuer sind die Informationen über die Meeresbewohner, die Curtsinger im Plauderton in seine Erzählungen einstreut: Etwa, dass Robben über eine Stunde lang in hunderten Meter Tiefe ausharren können und dass Haie die elektromagnetischen Felder anderer Tiere mit Hilfe von Rezeptoren an der Schnauze, den Lorenzinischen Ampullen, wahrnehmen.


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