Ägypten Mumien-Chaos im Museumskeller


Nicht einmal die Direktorin des Ägyptischen Museums in Kairo hat freien Zugang zum finsteren Museumskeller. Seit Jahrzehnten mussten Archäologen ihre Funde hier abgeben. Nun wird endlich aufgeräumt.

Widerstrebend schiebt der Offizier der Antikenpolizei seinen Schreibtisch zur Seite und gibt damit den Weg frei zu einer weißen Gittertür. Hinter dieser kleinen Tür, die mit einem einfachen Vorhängeschloss gesichert ist, liegt eines der bestgehüteten Geheimnisse Ägyptens. Denn sie gibt den Blick in den dunklen Keller des Ägyptischen Museums von Kairo frei. Während oben in den Ausstellungsräumen jedes Jahr Hunderttausende den Grabschatz des Tutenchamun, die Pharaonen-Mumien und die majestätischen Echnaton-Statuen bestaunen, herrscht hier unten ein unbeschreibliches Chaos aus Staub, Mumien, Kunstschätzen, Pappkartons und alten Koffern. Für die Öffentlichkeit und auch für die meisten Forscher ist das Betreten des Kellers verboten. Fotografieren ist nicht erlaubt.

Über Jahrzehnte haben Archäologen aus aller Welt, die in Ägypten gegraben haben, hier am Ende ihre Kampagnen alle wertvollen und weniger wertvollen Fundstücke abgeben müssen. Meist wurden sie von den Museumsbeamten einfach dort abgelegt, wo gerade Platz war, ohne dass hinterher noch jemand wusste, aus welchem Grab oder auch nur aus welcher Stadt eine bestimmte Büste oder Mumie stammte. So groß war das Chaos, dass es im vergangen Frühjahr, als plötzlich 38 antike Schmuckstücke fehlten, hieß, die Armreifen und Goldringe seien möglicherweise gar nicht gestohlen, sondern nur "verlegt" worden. Der Chef der Antikenverwaltung, Zahi Hawwas, hat deshalb im Mai ein Komitee gegründet, das in den feuchten Katakomben innerhalb eines Jahres Ordnung in das Durcheinander der vergangenen 100 Jahre bringen soll. "Damit die Operation zügig abgeschlossen wird, habe ich einen Armeegeneral ausgewählt, um die Arbeiten zu überwachen", sagt er.

"Wir haben hier schon echte Schätze entdeckt"

Selbst Wafaa Seddik, die Direktorin des Museums, muss dem Polizisten, der wenige Meter neben ihrem Büro die Gittertür hütet, erst begründen, weshalb sie heute in die unterirdischen Lagerräume will. Sie steigt die Stufen herab. Vor ihr erstrecken sich leere Gewölbe. "Hier lag bis vor einigen Wochen noch so viel herum, dass man kaum durch die Gänge gehen konnte", erklärt Seddik und zieht den Kopf ein, um unter einem der vielen niedrigen Rundbögen hindurch zu gehen. In diesen Gängen hat das Aufräum-Komitee seit Mai geputzt, leer geräumt und gelüftet. Ohne Rücksicht auf ihr hellblaues Kostüm schreitet die Wissenschaftlerin, die in Wien studiert hat, durch den staubigen Keller, bis sie in den Teil vordringt, in dem die Mitglieder des Komitees gerade arbeiten. Rechts pustet sie etwas Staub von einer etwa ein Meter hohen dicken Kalksteinplatte. Darauf sind, hervorragend erhalten, Alltagsszenen aus der Zeit der Pharaonen, im Relief zu sehen. "Das ist eine so genannte Scheintür aus einem Grab. Sie stammt sicher aus den Gräbern des Alten Reiches (2740 - ca. 2180 v. Chr.) in Giza oder Sakkara, aber in welchem Grab sie genau war und wer sie dort wann gefunden hat, wissen wir leider nicht, weil es keine Dokumentation dazu gibt", erklärt Seddik.

"Wir haben hier unten beim Aufräumen echte Schätze entdeckt", schwärmt sie, "vor allem schöne Särge und auch einige Mumien". Damit in den Gewölben künftig nichts mehr vermodern kann, soll eine Firma den Wänden die Feuchtigkeit entziehen, anschließend sollen neue Regale und Schränke die wackeligen Gerüste ablösen, auf denen jetzt noch schwere Büsten, menschliche Schädel und Tonvasen lagern. Dann sollen die weniger wertvollen Stücke in ein Lager außerhalb der Stadt gebracht werden. Anschließend werden die verbliebenen Kunstschätze laut Plan nach Materialien und Epochen sortiert. Doch ein Teil der wertvollen Stücke wird sich wohl nicht ohne Zweifel zuordnen lassen. Die Direktorin lässt sich aber weder durch mürrische Museumsbeamte noch durch den riesigen Umfang der Aufgabe entmutigen: "Es ist wie ein riesiges Puzzle", sagt sie und lächelt sanft.

Anne-Beatrice Clasmann/DPA DPA

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