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Auftakt zum Gipfel: Energieagentur schlägt Klimaalarm

Die Experten der IEA verlangen eine zügige Wende in der Energiepolitik. Sie befürchten, dass der Klimawandel außer Kontrolle gerät. Besonders kritisiert die Energieagentur den deutschen Atomausstieg.

Von Michael Gassmann und Marina Zapf

Die Internationale Energieagentur IEA fürchtet, dass der Klimawandel außer Kontrolle gerät. Nur mit einem radikalen Kursschwenk in der Energiepolitik sei zu verhindern, dass die Welt in wenigen Jahren in einem unsicheren, ineffizienten und kohlenstoffreichen Versorgungssystem gefangen sei. "Noch ist Zeit zu handeln, doch das Zeitfenster der Möglichkeiten schließt sich", warnte die IEA in London bei der Vorstellung ihres neuen Weltenergie-Ausblicks.

Die Energieagentur setzt damit ein starkes Signal für den Weltklimagipfel. Ab dem 28. November treffen sich Vertreter von mehr als 160 Ländern im südafrikanischen Durban, um über eine Nachfolgeregelung für das bisher einzige globale Klimaabkommen zu verhandeln, das Kyoto-Protokoll von 1997. Politiker und Experten schätzen die Chancen auf einen Erfolg jedoch als gering ein. Das Kyoto-Protokoll läuft 2012 aus.

Energieverbrauch wird stark steigen

IEA-Chefvolkswirt Fatih Birol prognostizierte in London einen starken Anstieg des Energieverbrauchs. Bis 2035 werde der Konsum weltweit um ein Drittel steigen - fast ausschließlich in den Schwellenländern. "Wirtschaftswachstum, steigender Wohlstand und die wachsende Bevölkerung werden den Energiebedarf in den nächsten Jahrzehnten unausweichlich nach oben treiben", sagte IEA-Chefin Maria van der Hoeven.

Zwar spielen die erneuerbaren Energien eine immer größere Rolle: Ihr Anteil erhöht sich bis 2035 auf 18 Prozent von heute 13 Prozent. Doch lässt der stark wachsende Markt den herkömmlichen Energien Kohle, Öl und Gas ebenfalls reichlich Raum für Wachstum. "Die Regierungen müssen stärkere Anreize für Investitionen in effiziente, kohlenstoffarme Technologien geben", forderte Birol.

Davon kann bisher keine Rede sein. Flossen im vergangenen Jahr weltweit Subventionen von 64 Milliarden Dollar zur Förderung von Wind-, Solar- oder Bioenergie, so ließen sich die Regierungen die Stützung klimaschädlicher fossiler Rohstoffe mit 409 Milliarden Dollar mehr als das Sechsfache kosten. Auch dank dieser Staatshilfen sinkt ihre Marktbedeutung nicht.

Bei Kohle, dem wichtigsten Energieträger, geht die IEA in den nächsten 25 Jahren von einem Produktionsanstieg um zwei Drittel aus. Bei Erdöl werde die globale Nachfrage um fast 15 Prozent auf 99 Millionen Barrel (zu je 159 Litern) täglich zunehmen. Getrieben werde der Anstieg hauptsächlich von der zunehmenden Motorisierung in den Schwellenländern. Um Engpässe zu verhindern, müssten riesige neue Ölfelder erschlossen werden, die etwa der doppelten Menge der derzeitigen Produktion der Opec-Staaten in Nahost und Nordafrika entsprächen. In der Region seien 100 Milliarden Dollar jährlich in zusätzliche Förderung zu investieren.

Die kommenden 25 Jahre sind entscheidend

Die weiter zunehmende Nutzung von Kohle und Öl wird den Ausstoß an Kohlendioxid weiter anheizen, so erwartet es die IEA. In den nächsten 25 Jahren entweiche voraussichtlich annähernd soviel Kohlendioxid aus Schornsteinen und Auspuffrohren wie in den vergangenen 110 Jahren. Nach Zahlen des US-Energieministeriums wurden 2010 weltweit 564 Millionen Tonnen Treibhausgas in die Luft geblasen, ein Rekord. Jedes Jahr, das ohne klare Signale für Investitionen in saubere Energie vergehe, mache es schwieriger und teurer, die Ziele bei Klimaschutz und Versorgungssicherheit zu erreichen, kritisierte Birol.

Die deutsche Energiewende-Politik scheint angesichts der Warnungen vorbildlich. So sollen erneuerbare Energien bis 2040 rund 45 Prozent des Energieverbrauchs hierzulande decken. Doch die IEA hat Zweifel, ob der deutsche Atomausstieg mit den Klimaschutzzielen vereinbar ist. Die Atomwende habe die Kohlendioxid-Emissionen bereits erhöht, kritisierte van der Hoeven. Durch den Fukushima-Schock sei die Unsicherheit über den Einsatz der Kernenergie weltweit gewachsen, beobachtet die IEA. "Ein Rückgang des Kernenergie-Anteils würde es schwieriger und teurer machen, den Klimawandel zu bekämpfen", warnt die Organisation.

  • Michael Gassmann